Achtsamkeit

Wenn das nur so einfach wäre. Gerade am letzten Freitag hatte die NZZ (Neue Zürcher Zeitung) darüber einen Artikel veröffentlicht. Der Feind der Achtsamkeit ist der Autopilot, der schon früher diskutiert wurde.

Eine der grössten Frustrationen, die viele von uns fühlen, ist zu viel zu tun und nicht genug Zeit. Selbst in der Urlaubszeit fühlen manche einen latenten Stress, kurz, zu oft fühlen wir uns überwältigt.

Das Problem ist relativ einfach zu definieren. Wir packen zu viel, wie in den Urlaubskoffer all die Bücher, die wir lesen wollen etc., in unseren Tagescontainer. Wenn wir unsere Tagesverwaltung als Projektmanager, mit den Augen eines Container-Verwalters sehen, also ein Containerorganisationsproblem im Gegensatz zu Zeitmanagement sehen, dann wird vieles einfacher. Zeit hat man nicht, sondern die nimmt man sich. Wie ist es mit der Achtsamkeit um unser Selbst?

Warum nicht die Zeit nehmen, um sich mehr mit Achtsamkeit auseinanderzusetzen? Es sollte doch gerade im Urlaub dafür passende (Aus-) Zeiten geben.

Bhante Henepola Gunaratana, in seinem exzellenten Buch, „Mindfulness in Plain English“ erklärt drei fundamentale Aktivitäten, die Achtsamkeit entwickeln und benutzt folgende Definitionen:

(A) Achtsamkeit erinnert uns an das, was wir tatsächlich tun wollen;

(B) Achtsamkeit sieht die Dinge, wie sie in der Realität sind; und

(C) Achtsamkeit sieht die wahre Natur aller Phänomene.

Achtsamkeit erinnert uns an das, was wir tatsächlich tun wollen

In der Meditation fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit auf einen sogenannten Meditationspunkt. Am einfachsten auf unseren Atem. Und schon schweifen unsere Gedanken ab, was gibt’s zum Abendessen, etc. Wenn unsere Gedanken von diesem Fokus abwandern, dann ist es die Achtsamkeit, die uns daran erinnert, dass unsere Gedanken wandern und dass wir uns fokussieren wollten.

Wenn Achtsamkeit anwesend ist, werden wir bemerken, wann wir in unseren Gedankenmustern steckenbleiben. Achtsamkeit bringt unsere Aufmerksamkeit wieder auf unseren (richtigen) Fokus zurück.

Achtsamkeit ist gleichzeitig die blosse Aufmerksamkeit in sich selbst und erinnert uns – quasi als Funktion – daran, uns (und anderen) Aufmerksamkeit zu schenken, gerade wenn wir gedanklich woanders sind. Die Aufmerksamkeit stellt sich ein, indem man merkt, dass sie nicht vorhanden ist. Sobald wir bemerken, dass wir es nicht bemerkt haben, dann, per Definition, bemerken wir, dass wir mit Achtsamkeit erkannt haben, dass wir nicht achtsam waren und finden den Weg zurück, zu dem, was wir tatsächlich wollen oder was tatsächlich geschieht.

Achtsamkeit sieht die Dinge, wie sie in der Realität sind

Achtsamkeit fügt der Wahrnehmung nichts hinzu und nichts wird weggenommen. Sie verzerrt nichts. Sie ist nackte Aufmerksamkeit und schaut nur darauf, was passiert. Der bewusste, achtsame Gedanke hebt die Dinge, wie sie sind über unsere Erfahrungen, frei von unseren Konzepten, Ideen, Plänen, Sorgen, Ängsten und Fantasien.

Achtung, du spielst das Spiel nicht mit, du denkst und bewertest, anstatt achtsam zu beobachten. Wir merken genau, was im Kopf entsteht, und dann das nächste: „Ah, das …und das…und jetzt das. Mit etwas Übung und Praxis beginnt man, das zu sehen und zu erleben, was tatsächlich ist und geschieht.

Achtsamkeit sieht die wahre Natur aller Phänomene

Achtsamkeit ist die Methode der Untersuchung. Achtsamkeit allein hat die Macht, die tiefste Wirklichkeit der menschlichen Beobachtung zu enthüllen. Auf dieser Ebene der Inspektion sieht man folgendes: (a) alle konditionierten Dinge sind von vornherein vorübergehend; (b) jedes weltliche Ding ist am Ende unbefriedigend, da eben vergänglich und momentan.

Achtsamkeit funktioniert wie ein Elektronenmikroskop. Das heisst, sie entsteht auf einem so feinen Niveau, dass diese Realitäten meistens theoretisches Konstrukt zum wahren Gedankenprozess sind. Achtsamkeit sieht die vorübergehende Natur von allem, was wahrgenommen werden kann.

Achtsamkeit ist ein Prozess aber sie findet nicht in Schritten statt. Sie ist ein ganzheitlicher Vorgang, der als Einheit auftritt: Man bemerkt seinen Mangel an Achtsamkeit; und genau das, dieses Erkennen der momentanen Nicht-Achtsamkeit, ist ein Resultat der Achtsamkeit. Alles geschieht in wenigen Momenten. Das bedeutet aber nicht, dass wir mit Achtsamkeit sofort die Befreiung (Freiheit von allen menschlichen Schwächen) als Ergebnis erwarten dürfen. Die Praxis, Achtsamkeit bewusst im Leben zu integrieren, ist ein Prozess. Und das Lernen, um diesen Zustand der Achtsamkeit zu vertiefen, ist noch ein anderer. Aber es sind erfüllende Prozesse und sie sind der Mühe wert.

Sich diese Achtsamkeit mehr zu eigen zu machen, den Autopilot besser zu kontrollieren, funktioniert meiner Meinung nach am besten durch Meditation. Wissenschaftlich nachgewiesen, genügen schon 10 Minuten am Tag. Hier der Link zu einem 2-minütigen Video, das Meditation, tatsächlich Jon Kabat Zinns „Achtsamkeits-Meditation“, vollständig erklärt. Und hier, nochmal zwei Minuten, die erklären, warum Achtsamkeit (Mindfulness) gut für uns ist (beide leider nur auf Englisch).

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