Der Klang der Stille

Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm als ein Wald, der wächst.

Wenn ein Baum im Wald fällt und niemand ist da und niemand hört zu, macht er dann ein Geräusch?

Man könnte, wenn man weiß, dass in der nächsten Stunde ein Baum umfällt, ein Aufnahmegerät in der Nähe aufstellen, und während man ganz woanders ist, nimmt das Gerät das Geräusch für einen auf.

Aber, die Frage ist richtig:

„… und niemand hört zu …?“.

Dann sind Aufnahmegeräte ausgeschlossen. Wenn ein Aufnahmegerät da ist, macht der Baum beim Fallen natürlich Geräusche.

Ist Stille still?

Wenn ein Baum fällt, verändert sich der Luftdruck und der Boden vibriert. Wenn wir da sind, hören wir das – und doch entsteht der Klang und die Interpretation in unserem Gehirn.

Auch ohne äußere Reize ist der Geist aktiv, Gedanken fließen, innere Dialoge entstehen. In der vermeintlichen Stille tobt ein lebendiges Gedankenchaos.

Und dann:

Dauergeschnatter auf allen Kanälen

WLAN ist überall, selbst zu Hause sind wir mit Hunderten von Menschen vernetzt.

Da kommt eine Mail mit einem Youtube-Link, der einen wieder im Netz versinken lässt, und schon ist das fade, ruhige Feierabendunglück, allein in meinem Zimmer zu sein, wieder einmal perfekt.

Also, ich will sehr vorsichtig sein, wenn man sich gegen das Internet oder überhaupt gegen Technik ausspricht.

Dann kriegt man eimerweise Kommentare.

Das Internet ist fantastisch, ein Panoramafenster zur Welt, manchmal nützlich, um staatliche Zensur wie im Iran zu umgehen, E-Mail ist auch eine tolle Erfindung, iPhone und Android sowieso.

Jenseits der Stille

Nun, diese Idee des Schweigens ist nicht neu.

Michel Foucault beklagte in den siebziger Jahren den Verlust der

„Kultur des Schweigens“,

das Dauergeplapper der Fernsehgesellschaft lasse alle Fähigkeiten zur Selbstregulation verkümmern.

Alexander Mitscherlich sah 1950 den Menschen als zitterndes Elementarteilchen, ein Wesen, das

„sich nicht mehr als Geschichtswesen, sondern nur noch als punktuelles,
augenblicksbezogenes Triebwesen kennt“.

Als Blaise Pascal (1623-1662, der mit dem Dreieck) schrieb, dass

„das ganze Unglück der Menschen nur daher rührt,
dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“,

hatte es wohl noch stille Zimmer gegeben.

Heute hilft auch das Eingesperrt sein im Arbeitszimmer nicht mehr gegen das Unglück, schließlich ist man auch in den eigenen vier Wänden, selbst in tiefer Nacht, nicht allein.

Historisch gesehen war Einsamkeit jedoch oft eine Quelle innerer Stärke und Selbstfindung.

Gemäss den französischen Philosophen Michel Foucault und Alexander Mitscherlich verliert der moderne Mensch zunehmend die Fähigkeit zur Selbstregulation und wird zu einem unruhigen, triebgesteuerten Wesen, das sich ständig ablenken lässt.

Diese Entwicklung hat Albert Robida bereits vor mehr als 100 Jahren prophezeit, als er die Auswirkungen einer total vernetzten Gesellschaft beschrieb.

Aktuelle Studien bestätigen diesen Trend.

Die kanadische Soziologin Rhonda McEwen beobachtet, dass viele Jugendliche nicht mehr wissen, was es heißt, allein zu sein. Ohne Internet und Handyempfang fühlen sie sich verloren und unwohl.

Ein anschauliches Beispiel für die Abhängigkeit von ständiger Vernetzung:

Am 21. April 2009 hat ein heldenhafter Telekom-Angestellter das Dauergeschnatter auf allen Kanälen nicht mehr ausgehalten und einfach mal für Ruhe gesorgt.

Er hat an jenem Nachmittag das System runtergefahren (angeblich aus Versehen) und dadurch 29 Millionen Telekom-Kunden fünf Stunden Stille geschenkt.

Insgesamt waren das 145 Millionen Stunden, in denen diese Menschen hätten in sich gehen können, durch Flussauen wandeln, ein gutes Buch in der Hand.

Stattdessen hackten die Telekom-Kunden wie besinnungslos auf ihre Handys ein und deckten dann umgehend das Unternehmen mit Beschwerdemails ein.

Eine Welle der Empörung rollte über das Land, Unternehmer verklagten die Telekom, weil sie wichtige Geschäftspartner nicht erreicht hatten, aufgelöst jammerten Menschen in Fernsehkameras, sie fühlten sich wie amputiert.

Dieses Phänomen, das Wired-Gründer Kevin Kelly als

„Delegation unseres Gedächtnisses und unseres Wissens an das Netz“

beschreibt, führt dazu, dass wir uns ohne digitale Geräte oft wie amputiert fühlen.

Dieses Verhalten schafft eine Abhängigkeit, die uns daran hindert, Stille, echte Ruhe und Entspannung zu finden.

Als Coach weise ich meine Klienten darauf hin, wie wichtig es ist, eine Balance zu finden.

Zeiten der Stille und des Alleinseins sollten bewusst eingeplant werden, um das innere Gleichgewicht zu bewahren und die eigene Kreativität und Selbstwahrnehmung zu stärken.

Strategien zur digitalen Entgiftung:

Geplante Offline-Zeiten: Regelmäßige Pausen von digitalen Geräten einplanen.

Bewusste Achtsamkeit: Meditations- und Achtsamkeitsübungen fördern.

Natur erleben: Zeit in der Natur ohne Ablenkung durch Technologie verbringen.

Echte soziale Interaktionen: Persönliche Begegnungen und Gespräche pflegen.

Hinterfrage deine digitale Nutzung kritisch , um wieder mehr Zeit in Stille und mit dir selbst zu verbringen.

Solche bewusste Auszeiten wirken Wunder für das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung – glaub mir.

Natürlich kann Stille auch unangenehm sein. Sie kann Gefühle der Unsicherheit und des Unbehagens hervorrufen.

Aber gerade in diesem Unbehagen liegt ein enormes Potential.

Es signalisiert, dass man sich auf unbekanntem Terrain befindet, wo echte Durchbrüche und neue Erkenntnisse warten.

Die berühmte Therapeutin Virginia Satir sagte einmal:

„Menschen bevorzugen das Elend der Sicherheit gegenüber der Unsicherheit des Glücks.“

Zusammenfassung:

  1. Das Unbehagen der Stille zeigt, dass du auf dem Weg zu etwas Neuem bist.
  2. Stille ist kein Zustand der Leere, sondern eine Fülle von Möglichkeiten.
  3. Stille ist ein Geschenk an dich selbst, ein Moment der Ruhe in einer hektischen Welt.
  4. Lass die Stille in dein Leben und entdecke die Kraft, die in ihr steckt.

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