Der Raum ist immer da

Gemälde: VOKA

„Es ist Frühling.

Einer jener blütenüberströmten Tage, an denen alle Welt nach draußen geht.

Sie nehmen die Abkürzung durch den Park. Allein stapfen Sie über knirschende Kieswege, die Hände zu Fäusten geballt.

Sie kommen gerade vom Scheidungsgericht. Sie hat schon wieder gewonnen. Und wieder hat sie die besten Teile Ihres gemeinsamen Besitzes an sich reissen können.

Der Anwalt allein kostet schon ein Vermögen.

Finster gräbt sich Ihr Blick in den grauen Kiesweg. Rechts und links wetteifern Magnolien mit japanischen Zierkirschen um die Anzahl ihrer Bewunderer.

Sie aber sehen nichts.

Keine Bäume, keine Blumen.

Sie riechen nicht den Blütenduft und hören nicht das Summen emsiger Bienen.

Entgegenkommende können Sie nicht ganz ignorieren, weil Sie sonst mit ihnen zusammengestoßen wären. Wenn sich Ihr Blick ab und an aus dem Tunnel der Niedergeschlagenheit hebt, sehen Sie auf den Bänken rechts und links des Weges Liebespärchen sitzen; sie küssen sich, streicheln ihre blöden Gesichter und hauchen sich verlogene Komplimente ins Ohr. Dumme unwissende Narren.

Ein strahlend schöner Tag. Geradezu widerwärtig schön! Sie hassen sich, und deswegen hassen Sie die ganze Welt.

Alles hängt davon ab, WIE Sie in die Welt blicken. Wie und mit welchem Blick Sie die Welt anschauen. WAS Sie sehen ist nicht so wichtig. Ein liebender Blick kann eine einsame Vorstadt in einer verregnet kalten Novembernacht verzaubern und mit reiner Glückseligkeit erfüllen. Und ein wunderschöner Frühlingstag mit Blütenmeer und Vogelgezwitscher kann zum Alptraum werden, wenn wir ihm mit finsterem Blick begegnen.“[1]

Wir Menschen sind zutiefst emotional – und dies vielleicht mehr, als manchem lieb ist. Moderne neurobiologische Forschung belegt, dass wir z.B. ohne Emotion weder entscheidungs- noch handlungsfähig sind. Andererseits gilt: Wir verfügen über eine Grösse und Vielfalt an „emotionalem Kapital“. Ein Geschenk der Evolution, aber wir greifen viel zu wenig darauf zurück – und schon gar nicht in systematischer Weise. Wir können dieses hochintelligente Navigationssystem wieder in Betrieb nehmen. Es arbeitet sehr schnell und taugt zur Orientierung in den viel zitierten komplexen Situationen. Allerdings müssen wir es justieren und die Sprache der Emotionen entschlüsseln lernen. Würden wir diese Vielfalt übersehen, so verhielten wir uns wie ein Berater, der auf völlig unterschiedliche Fragen immer die gleiche Antwort gibt (Hauke, Lohr, Pietrzak).

Wir arbeiten, leben, weil wir unsere Bedürfnisse befriedigen wollen.[2]

Unser Verhalten ist strategisch darauf ausgerichtet, zentrale Bedürfnisse z.B. nach Willkommensein, Anerkennung, Neugier, Selbstbestimmung usw. zu befriedigen. Es geht um unser inneres Gleichgewicht, entweder wiederherstellen oder aufrechterhalten. Die dazu notwendigen psychischen Prozesse werden weitgehend automatisch, überwiegend unbewusst, aktiviert und gesteuert. Dabei bedienen wir uns keineswegs immer der gesamten Palette möglicher Verhaltensoptionen. Frühere Lernprozesse führten bereits zur Internalisierung bestimmter Regeln, Gebote und Verbote, die „erfahrungsgemäss“ eingehalten werden sollten, damit eine wenigstens minimale Bedürfnisbefriedigung möglich ist. Es handelt sich dabei um automatisierte, nicht bewusstseinspflichtige Schemata – um unsere „emotionalen Überlebensstrategien“.

Was passiert hier? Verhalten wird von zwei unterschiedlichen Systemen der Psyche generiert (Kahnemann, 2003; Strack & Deutsch, 2004). Die Arbeitsweise des sog. impulsiven Systems ist typischerweise schnell, assoziativ, automatisiert, nicht bewusst und bietet rasch Verhaltensantworten an. Demgegenüber sind Arbeitsweisen des zweiten Systems, es wird als reflexives System bezeichnet, eher langsam, seriell und regelgesteuert. Das zweite System beruht auf bewusstem Überlegen, Gesetzen der Logik und Sprache. Es benötigt unsere bewusste Aufmerksamkeit sowie entsprechende Motivation und vergleichsweise sehr hohe Verarbeitungskapazität.

Die Beziehung dieser beiden Systeme zueinander bringt der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt (2006) mit der Metapher vom Elefanten und seinem Reiter auf den Punkt. Dabei repräsentiert der Elefant den größten Teil unseres Verhaltens, das automatisiert und nicht bewusst ist. Affekte und Emotionen sind hier die treibenden Kräfte. Der Elefant kann deshalb auch als eine Art emotionales Zielverfolgungssystem gesehen werden: Er will sein Lusterleben maximieren und Unlust und Unangenehmes möglichst vermeiden. Er weiß längst, wo es langgeht, weil sehr schnell unsere Bauchgefühle eine Richtungsentscheidung nahelegen, die sich kraftvoll – wir haben es schließlich mit einem Elefanten zu tun – durchsetzen. Der Reiter, so Haidt, gibt dann nachträglich eine sprachlich gefasste Begründung für dieses Verhalten. Anders ausgedrückt:

Wir tun nicht das, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.

Der Reiter repräsentiert den evolutionär jüngeren Teil unseres Gehirns, der rational denken, abwägen und aufgrund seiner Analysen auch bewusste Vorsätze fassen und Pläne entwickeln kann. Jedoch könnten Menschen in unserer komplexen Umwelt kaum funktionieren oder überleben, wenn sie bewusst über jedes Verhalten im Dienste der Homöostase nachdenken müssten. Verhaltenswissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass ca. 96 bis 98 Prozent unseres Verhaltens vom impulsiven System gesteuert werden, also nicht bewusst sind (Bargh, 1997).

Von innen nach aussen

Die eigenen Gefühle bewusst zu spüren und als Sprache unserer Emotionen zu erkennen ist für viele Menschen sehr schwierig. Wenn wir über Gefühle sprechen, so können wir nur aussprechen, was uns bewusst ist. Es geht darum, Gefühle zu ermitteln und ihre Botschaft zu dechiffrieren.

Das Erlernen und Üben einer einfachen Achtsamkeitsübung, die auf den Atem fokussiert, ist eine wichtige Voraussetzung für einen günstigen Einstieg in die Arbeit der Gefühlserkennung. Sie zielt darauf ab, das Gewahrsein für Körpersignale, wie z. B. ein Ziehen im Bauch, ein Kribbeln im Nacken, ein Gefühl der Verengung im Hals usw., zu verbessern. Der Entspannungseffekt, den die Achtsamkeitsübung mit sich bringt, erleichtert zusätzlich den Zugang zum impulsiven System. Außerdem wird dabei verdeutlicht, dass solche Signale keineswegs „Störgeräusche“ des Körpers sind. Sie sollten ernst genommen werden, da sie wertvolle Hinweise auf wichtiges Erfahrungswissen liefern.

Was will dieses Gefühl von mir? Der Fokus auf die gefühlten Handlungsimpulse lässt dann verschiedene Bilder aufsteigen, Gedanken und Themen entstehen, die sich nicht mit dem viel zitierten „Werkzeugkoffer“ allein verarbeiten lassen. Wenn zum Beispiel Coaching wirken soll, dann muss die Arbeitsweise unserer Psyche berücksichtigt werden.

Im Arbeitsleben gilt darüber hinaus: „Wer führen will, muss fühlen“ bedeutet, die eigenen Emotionen und die der Mitarbeiter und Kollegen zu fühlen und sie als wesentliche Informationen für vitalisierendes Führungsverhalten, treffende Entscheidungen und flüssiges Handeln zu nutzen.

Hier und Jetzt[3]

Vergangenheit und Zukunft sind nur Ideen. Unwirkliche Ideen. Und zwar beide. Die erste ist vorbei und nur noch Erinnerung, und die zweite hat noch nicht stattgefunden, ist noch nicht Wirklichkeit, bloß Idee, Möglichkeit. Beide sind Traum. Ein bereits gelebter und ein hoffentlich noch kommender. Und wir, wir sind in Bewegung – mittendrin.

Wer sind wir? Sind wir der, der bereits gegangen ist oder sind wir der, der vermutlich auch in der Zukunft gehen kann und gehen wird? Sind wir unsere Geschichte oder sind wir unsere Zukunft?

Denken Sie darüber nach. Das ist eine wichtige Frage.

Im Augenblick leben, ganz in der Gegenwart. Das ist gar nicht leicht. Eigentlich können wir das ganz schlecht.

Manchen Menschen gelingt das gar nicht.

Und vielleicht gehören auch wir zu diesen „manchen“?

Warum?

Warum fällt es uns so schwer, im Augenblick zu leben?

Weil wir die Brillanz und die Klarheit der Jetztzeit nicht aushalten. Sie ist so stark und intensiv, dass wir uns lieber in den milden Dämmerungen der Vergangenheit herumtreiben oder in den rosaroten Nebelschwaden ungewisser Zukunft. Dort ist das Licht erträglich, die Intensität des Erlebens ist auf Zimmertemperatur heruntergedimmt. Eigentlich sind wir alle Warmduscher.

Mit Stoßdämpfer und Kuschelkissen. Die Vergangenheit wird mit Softfilter weichgezeichnet. Die Zukunft in den Farben unserer Wahl getüncht. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir eher ein depressives Grau bevorzugen oder ein hoffnungsfrohes Pink. Das ist Geschmackssache. Hier hat man tatsächlich eine Wahl.

Wir können es wieder lernen. Das frische Schauen, den unbekümmert jungen Blick der Kinder, die alles so betrachten, als ob sie es zum ersten Mal sehen.

Das kann man wieder lernen. Und die Methode, das zu lernen, ist die Meditation.

Meditation ist nicht was man denkt

Gebraucht wird etwas Praktisches. Etwas, das funktioniert. Ohne allzu viel Brimborium. Etwas Einfaches, Direktes, Unmittelbares. Etwas, das jeder machen kann. Immer. Zu jeder Zeit und in jeder Lebenssituation.

Und das ist nach meiner Lebenserfahrung die Übung des Nichtstuns – die Übung der Meditation.

Jeder kann meditieren.

Meditation bringt uns zurück – dorthin, wo wir sind. Dort wo unser Herz, unser Körper ist. Meditation ist eine sehr körperliche Übung. Die meisten denken, Meditation sei eine geistige Gymnastik, wo der Geist sich trainiert, es spirituell wird. Meditation ist ganz bodenständig, bringt uns zurück auf den Boden, den Boden der Tatsachen. Und es ist eine ganz einfache Übung:

Der Körper sitzt hier und ist da und der Geist macht, was er immer macht: Er hat Wandertag. Läuft von einem Thema zum anderen. Kaut an diesem Thema ein bisschen rum, wechselt zu einem anderen, folgt einer Assoziation, quasselt mit sich selbst, beschäftigt sich wieder mit diesem Gespräch vom Nachmittag im Büro und mit sich selbst. Wie endloses „Zappen“ im Fernsehen.

Wenn Ihr Körper still und ruhig ist und sie sich körperlich nicht bewegen und Sie aufrecht und gerade sitzen –

hören Sie doch einfach dem Gequassel zu.

Aber bleiben Sie da – mit Ihrer Achtsamkeit, dem Gewahrsein des Momentes. Folgen Sie Ihrem Atem, wie er durch den Mund oder die Nase ausströmt.

Diesen Atemzug haben Sie niemals vorher geatmet.

Sie werden ihn auch niemals wieder atmen.

Das, was sie jetzt atmen, in dieser Sekunde, diesen Atemzug hat noch nie jemand vorher geatmet.

Das ist „Jetzt“ – einmalig.

Wenn Ihre Achtsamkeit bei diesem „Jetzt“ einmalig bleibt –

und Ihr Körper aufrecht und gerade da sitzt –

dann kommen beide Dinge zusammen:

Das Hier und Jetzt.

Körper hier und Atem jetzt.

Vielleicht für zwei Sekunden, vielleicht für eine halbe Minute? Das ist schon viel, viel mehr als manche Menschen im letzten Jahr, zusammengenommen präsent waren. Meditation bringt Sie immer wieder frisch zurück. Körper und Geist zu diesem Moment. Lassen Sie los und geniessen Sie den Raum. Der war schon immer da.

[1] Karl Ludwig Leiter, Wie vor Was: Die Zauberformel für Zufriedenheit und Zuversicht

[2] Hauke, Lohr, Pietrzak, Strategisches Coaching

[3] Karl Ludwig Leiter, Wie vor Was: Die Zauberformel für Zufriedenheit und Zuversicht

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