Geduld erdulden

Ein Leser bat mich, mal etwas über Geduld zu schreiben. Ich bat ihn um etwas Geduld – und sage danke für den Hinweis, weil das Thema mehr als interessant ist:

Hast du die Geduld, um zu warten bis sich dein Schlamm gesetzt hat und das Wasser klar ist?
Kannst du unbewegt bleiben, bis sich die richtige Aktion von selbst ergibt?

Laotse

Geduld gilt im Allgemeinen als Tugend und wird weisen, klugen und achtsamen Menschen zugeschrieben.

Geduld hat viele Namen, aber keinen Plural: Selbstkontrolle, Ausdauer, Frustrationstoleranz und manches mehr. Geduld bedeutet mehr als die Fähigkeit, auf etwas (geduldig) warten zu können. Wissenschaftler sind sich einig: Neben Intelligenz und sonstigen Eigenschaften ist Geduld ein wesentlicher Schlüssel für den beruflichen und den Lebenserfolg. Wer sich gedulden und spontanen Impulsen widerstehen kann, verdient meist mehr, lebt gesünder und ist obendrein glücklicher …

Bei Geduld denken wir meist (zuerst?) an Dinge, wenn wir unter Zeitdruck stehen (z.B. and der Ampel warten oder in einer Warteschlange unruhig werden).

Was ist Geduld genau?

Vielleicht eine Eigenschaft oder auch ein Merkmal der Persönlichkeit, das zwar von genetischen Vorbedingungen beeinflusst ist, aber im Wesentlichen als ein in der Kindheit angelerntes Verhalten gilt. Keine Sorge, Geduld kann man auch als Erwachsener (wieder) lernen.

Zum warm werden:

Geduld ist die Ausdauer im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen oder Abwarten von etwas.

Geduld ist die Kunst zu hoffen … (Friedrich Schleiermacher)

Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden. (aus Japan)

Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein. (von Goethe)

Geduld dient als Schutz gegen Unrecht genau wie Kleidung gegen Kälte. (Leonardo da Vinci)

An der Grenze der Geduld beginnen die Konflikte. (Oscar Wilde)

Dem Geduldigen laufen die Dinge zu, dem Eiligen laufen sie davon. (aus Tibet)

Geduld ist:

grundsätzlich:  die Fähigkeit zu warten

im Sinne von Resilienz:  Schwierigkeiten oder Leiden mit Gelassenheit und Standhaftigkeit zu ertragen.

im Sinne von Bescheidenheit oder Demut:  mit ungestillten Sehnsüchten und unerfüllten Wünschen zu leben oder diese ganz bewusst für einen (überdurchschnittlich) langen Zeitraum zurückzustellen.

im Sinne von Gelassenheit:  die Fähigkeit, etwas (oder auch jemanden) so zu lassen wie es (er/sie) ist.

Anatomie der Geduld – ihre Aspekte

Geduld braucht ein Problem

Geduld braucht es, wenn man in Schwierigkeiten ist. Leiden, Druck, Verletzungen, eine Herausforderung oder ein Problem fordern zur Geduld heraus. Mit anderen Worten, man erkennt einen Unterschied zwischen dem «Ist» und dem «Soll».

Dies zu erkennen ist eine Kompetenz, die dem einem oder anderen manchmal fehlt. Wenn man kein Delta zwischen dem «Ist» und «Soll» erkennt, tut man sich mit Zielen schwer. So kann das Gespür von Geduld als Hinweis verarbeitet werden, dass man lebt und erstrebenswerte Ziele vor sich hat.

Geduld ist nicht gleich Geduld

In Situationen, in denen man Einfluss hat oder bei denen man (eigentlich) weiss, dass man aktiv werden sollte, ist es selten Geduld, wenn man ruhig und untätig bleibt. In diesen Fällen könnte die Geduld nahe bei Faulheit, Feigheit oder ähnlichem liegen. Quelle nicht eindeutig zuordenbar:

Gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den
Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen
zu unterscheiden.

Geduld versus Reaktion

Die Intension eines Gegenübers mag das eine sein, aber auf die Auswirkung seines Verhaltens kommt es an. «Falsche» Reaktionen, die von Ungeduld zeugen sind:

Ärger, Wut, Zorn

Schimpfen, Beleidigen

Ablehnung, Bitterkeit, Hass

Übertreibung, Verleumdung

Aggressivität, Körperverletzung, Sachbeschädigung

Geduldig sein bedeutet, so zu handeln, dass weder das Gegenüber noch man selbst Schaden trägt. Die Beurteilung eines Verhaltens ist ein internes, autonomes Entscheiden in der Gegenwart. Und hier passt erneut Viktor Frankl:

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht
zur Wahl unserer Reaktion. In unseren Reaktionen liegen unsere Entwicklung und
unsere Freiheit.

Geduld im Kontext

Geduld hat immer eine zeitliche Komponente: Ob man im «Jetzt» ausgerichtet ist oder im «Später». Wenn der aktuelle Moment meist den Vorzug erhält, ist die Chance auf unter anderem zu viel Konsum, schlechte Gewohnheiten oder weniger Energie höher als bei einem Fokus auf einen späteren Zeitpunkt.

Die Geduldigen  sind zum Beispiel eher dazu geneigt, sich um die Vorsorge im Alter zu kümmern, zu sparen, langfristig Sport zu treiben oder lange Ausbildungen und Fortbildungen als Teil ihres Lebens zu sehen.

Die Ungeduldigen  sind auf der anderen Seite eher dazu geneigt, sich schlechter zu ernähren beziehungsweise wird das Aufschieben von aktuellen Bedürfnissen als ein Merkmal der Selbstkontrolle vernachlässigt. Auch Shopping-Therapie ist ein Zeichen von Ungeduld.

Geduld ist sehr bitter, aber ihre Früchte sind süss.

Jean Jaques Rousseau

Bei einer Auseinandersetzung mit dem Thema Geduld wird oft fälschlicherweise angenommen, es handle sich hierbei allein um das Abwarten beziehungsweise Ertragen von äußeren Einflüssen. Zu oft wird dabei vergessen, dass wahrscheinlich die größte Schwierigkeit darin besteht, mit sich selbst nachsichtig und geduldig zu sein.

Und, wenn jemand nichts tut oder ruhig bleibt, weil er Gefallen am Unrecht hat oder es ihm gleichgültig ist, dann ist das keine Geduld.

Geduld lernen …

… ist vielleicht einfach, aber doch, in der Umsetzung gar nicht so leicht. Das Wichtigste, was man lernen will, ist Achtsamkeit und das Innehalten.

Achtsamkeit bedeutet, uns selbst zu beobachten, vor allem wenn etwas passiert, das uns normalerweise aufregen oder eine andere Art emotionale Reaktion auslösen könnte. Achte genau darauf, wie dein Verstand reagiert.

Dann (im Sinne von Viktor Frankl) innehalten. Wir «müssen» nicht sofort handeln, nur weil wir eine innere Reaktion auf einen Reiz haben. Wir können innehalten, nicht handeln und atmen. Wir können zusehen, wie dieser Drang, eventuell irrational zu handeln, entsteht und ihn dann vorbeiziehen lassen. Manchmal dauert das ein paar Sekunden, ein anderes Mal bedeutet es, dass wir uns gelassen von einer Situation entfernen und uns abkühlen – stellvertretend für ungeduldiges um uns schlagen.

Innehalten und beobachten, wie die «unwillkürliche» Reaktion abklingt. Dann gestaltend überlegen, was die intelligenteste, mitfühlendste Reaktion sein könnte. Was könntest du tun, um die Beziehung (privat, sozial, beruflich) zu wandeln, dich weiterzuentwickeln, ein effizienteres Team oder eine bessere Partnerschaft aufzubauen, die Situation zu verbessern, alle zu beruhigen, Sinn zu stiften und zielförderlich zu handeln, auch mit dir und für dich selbst?

Das wird nicht immer so hinhauen, wie du es im Nachhinein gerne gehabt hättest. Aber mit der Zeit wirst du lernen, diese Reaktionen in dir zu beobachten, lernen, dass du die Wahlfreiheit hast in diesem Raum zwischen Reiz und Reaktion. Im Laufe der Zeit wird dein innerer Beobachter aufmerksamer und immer häufiger lebst du deine Geduld.

Achtsam sein, innehalten und sich dann eine sinnstiftende, zielförderliche und empathische Reaktion einfallen lassen. Zum Schluss nochmal Viktor Frankl:

Die Aufgabe wechselt nicht nur von Mensch zu Mensch – entsprechend der Einzigartigkeit jeder Person –, sondern auch von Stunde zu Stunde, gemäss der Einmaligkeit jeder Situation.

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