Grün

Eigentlich könnte es doch ganz einfach sein. Jemand sagt was, der andere versteht, was gemeint ist und antwortet adäquat.

Wenn man sich mit Zuhören beschäftigt, dann stellt man fest, dass die anderen oft nicht richtig zuhören. «Mit Intention zuhören» ergibt sich meist in Diskussionen, doch jeder mag etwas anderes darunter verstehen. Die meisten hören mit der Intention «etwas zu tun» zu – meist, um sich zu verteidigen oder, um ein Problem zu lösen. Und viele hören «mit der Intention» zu, auf jeden Fall bereit zu sein, etwas Kluges von sich zu geben, wenn der andere Luft holt.

Wir können dieses Phänomen beobachten, wenn wir darauf achten: Zwei Menschen unterhalten sich, es scheint, als ob sie einen Dialog hätten, aber in der Realität hören wir zwei Monologe aneinander vorbeigesprochen: «Die italienische Küche ist die Beste.» Antwort: «Ich bevorzuge die bodenständige, bayerische Schweinshaxe mit Speckkrautsalat.»

Es ist unsere «PR-Abteilung im Hirn», die so gerne das Ruder in die Hand nimmt. Selten hören wir: «Das ist ein gutes Argument; lass‘ mich einen Moment darüber nachdenken.» Und wenn in einem Dialog eine Denkpause eingelegt wird, dann fühlen wir uns in dieser Stille oft auch noch sogleich unwohl.

Kommunikationsstärke wird von jedem erwartet: er oder sie soll präsentieren, argumentieren, überzeugen können – und das alles mit mitreissender Eloquenz und geschliffener Rhetorik. Das ist alles recht und gut und wichtig. Und doch, wie der Harvard Professor William Ury nachgewiesen hat, erzielen Menschen, die ihrem Gegenüber gut zuhören, bessere Verhandlungsergebnisse als jene, die vor allem ihre eigenen Argumente und Ideen vorbringen. Mir ist kein Beispiel bekannt, dass sich jemand um Kopf und Kragen zugehört hätte. Was das Reden anbelangt, aber sehr wohl. Ich finde in meiner Biografie viele Episoden, wo ich zu viel, zu unüberlegt und ohne zugehört zu haben, gequasselt habe. Da habe ich rückwirkend das eine oder andere gelernt:

Wie du erfolgreich aneinander vorbei redest …

… oder wie du die vier Ebenen der Kommunikation zu deinem Nachteil nutzen kannst:

Da fährst du bei sommerlichem Wetter, in der herrlichen frischen Luft nach dem Gewitter, auf der Suche nach einem gepflegten Biergarten übers Land, und selbst in diesem kleinen Kaff hat es eine rote Ampel, obwohl weit und breit kein anderes Auto zu sehen ist.

Du siehst die Bäckerei an der Ecke und fragst dich, ob wir fürs Frühstück noch Brot haben. In dem Moment sagt dein Passagier, der auch Haus und Bett mit dir teilt:

«Grün!»

«Fährst du oder ich?» antwortest du.

So manche Beziehungskrise hat schon so angefangen. Das willst du auch hinkriegen? Heute 5 Tipps, wie du erfolgreich «aneinander vorbeireden» lernen kannst. Übrigens, die Regeln gelten für jedes Gegenüber.

1. Wechsle immer das Thema

Mein Freund spricht von der Ampel, ich denke über hunderte von anderen Sachen nach: Hat er das Brot fürs Frühstück eingekauft? Stimmen seine Richtungsanweisungen, was tun wir nur in dieser gottverlassenen Gegend? Wäre doch einfacher gewesen, wären wir in den Hirschgarten gegangen, da ist das Bier und das Hendl gut.

Nichts davon sage ich, weil ich einen Konflikt vermeiden will. Sicher hat mein Freund auch Dinge, über die er nicht redet, aber nachdenkt. Wahrscheinlich sind sie den meinen ähnlich, abgesehen vom Hirschgarten. Aber, wo kämen wir denn hin, wenn wir über Dinge sprechen würden, die uns wirklich bewegen?

Der erste Schritt, das Fundament, um aneinander vorbeizureden, kannst du auf zweierlei Arten lernen: Weder auf das Gegenüber einzugehen noch von dem zu sprechen was ihn oder/und dich interessiert. Schiebe etwas vor – ‘ne Ampel oder was sich gerade anbietet. Je banaler umso besser!

2. Hüte dein Geheimnis «wer du bist und was du willst»

Dein Freund sagt nicht nur, dass die Ampel grün ist – er sagt zugleich etwas über sich. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er genervt. Gründe hat er viele: Er weiss nicht genau, wo der Biergarten ist, du auch genervt und denkst ans Frühstück, hast Hunger und Durst und er mag es sowieso nicht, wenn du fährst.

Wenn es zum Beispiel um Entscheidungen geht, holst du dir dein Mantra hervor: «Wie, wo wann, was – das überlasse ich dir …». Diese Aussage hat je nach Tonalität gute Qualitäten, nichts von dir preiszugeben. Weder was du willst noch was dir wichtig ist.

Es macht mehr Sinn, dir Gedanken darüber zu machen, was die anderen über dich denken sollen. Dann findest du die richtigen Verhaltensweisen, damit sie dich in dem Licht sehen, in dem sie dich sehen sollen – und diese Fassade pflegst du 24/7. So baut man nachhaltige Beziehungen auf – mit den gut durchdachten Beziehungshinweisen.

3. Beziehungshinweise

Mach doch nicht klar, wie du zu ihm stehst. Er hasst es zwar, wenn du an jeder Kreuzung nach Schildern suchst, obwohl er sich vorbereitet hat. Aber wo ist dieser Biergarten denn nun?

Er hasst es, weil er denkt, du vertraust ihm nicht. Du denkst, vier Augen sehen mehr als zwei – das ist doch logisch. Wo ist das Problem? Du hasst es, wenn er kein Vertrauen in deine Fahrkünste hat und dich auf die grüne Ampel hinweist.

Wir sprechen beide nicht darüber, denn jetzt gerade ist nun wirklich keine Zeit für eine Diskussion über Vertrauen. Erst die Kreuzung freimachen und dann endlich den Biergarten finden. Als Regel gilt:

Sprich nie darüber, wie ihr zueinander steht. Lass’ ihn im Unklaren, ob er dir wichtig ist, oder ob du ihm vertraust.

4. Sprich nicht über deine Absichten

Was will dein Freund erreichen, wenn er «Grün!» sagt? Er überlässt es dir, das herauszufinden. Natürlich weisst du, dass du losfahren sollst. Vielleicht steckt jedoch mehr dahinter, denn sonst hätte er kein «!» benutzt. Ein paar Vorschläge:

  • Konzentriere dich
  • Bring uns endlich zum Biergarten
  • Hilf mir das nächste Mal bei der Planung
  • Bring mich an einen schöneren Ort

Du willst an anderen vorbeireden? Dann übe und trainiere deine Fähigkeit, unklare Aufforderungen von dir zu geben. Verpacke sie gut und lass’ dein Gegenüber rätseln, was du damit meinst. Meisterschaft hast du erreicht, wenn er denkt «Was will sie von mir?» oder «Was soll ich denn nun machen?».

Das reicht dir noch nicht? Dann kommt hier der Bonus-Tipp:

5. Verzerre alles, was du hörst und geniesse deine Unfähigkeit

Du hörst nicht nur, dass die Ampel grün ist – du hörst zugleich, dass du etwas falsch gemacht hast, deinen Job schlecht erfüllst. Nicht nur bei der Ampel, sondern allgemein.

Alles was du hörst, schickst du durch deine Filter. Versteh’ die Tatsachen falsch. Nur du kannst die richtigen Interpretationen über das, was du hörst vornehmen. Schicke dein Tatsachen-Ohr (siehe 1) in den Urlaub. Lass beim Interpretieren deiner Kreativität freien Lauf.

Du willst in allem eine Aufforderung hören? Dann stärke dein Appell-Ohr (4). Du willst die Motive des anderen missverstehen, dann verzerre dein Selbstoffenbarungs-Ohr (2). Hinterfrage jede Bemerkung. Werde zum Hobby-Psychologen und finde die gut versteckte Attacke indem du dein Beziehungshinweis-Ohr (3) stärkst.

Du willst deine Beziehung beenden? Suche in jeder Bemerkung nach Kritik – dann kommt der Rest von allein.

Fazit

Du hast erkannt, dass die Punkte 1-4 dem Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun entsprechen. Jede Äusserung, ob wir wollen oder nicht, beinhaltet 4 Botschaften gleichzeitig:

eine Sachinformation (worüber ich informiere);

eine Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen gebe);

einen Beziehungshinweis (was ich vom anderen halte und wie ich zu ihm stehe);

einen Appell (was ich beim anderen erreichen möchte),

und dabei treffen die «4 Schnäbel» des Senders auf die «4 Ohren» des Empfängers. Häufig sind diese nicht deckungsgleich.

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