Herr Feuerkopf

…ist uns besser bekannt als Pyrrhus,

Sohn der zweiten Cousine von Alexander dem Grossen. Siege sind nach ihm benannt. Ein Kämpfer und Stratege. Im Moment strich er sich durch seinen fast weissen Bart.

Gerade hatte Cineas, der Beste seiner Berater (sein Coach) das Gespräch auf die Römer gebracht mit der Frage:

„Die Römer, Sire, man erzählt uns, sind grosse Kämpfer. Trainiert im Kampf und gewohnt, Siege zu feiern. Wenn die Götter es uns erlauben, sie in Rom zu bezwingen, was tun wir dann?“

„Nun“, erwiderte Pyrrhus selbstbewusst, „nach Rom erobern wir ganz Italien.“

„Und was dann?“

„Libyen und Karthago fallen als nächstes.“

„Und was dann?“

„Dann, erobern wir ganz Griechenland.“ sagt der König.

„Und was machen wir dann?“ fragt Cineas.

Pyrrhus mit euphorischer Stimme:

„Dann leben wir cool, mein lieber Freund, trinken den ganzen Tag und unterhalten uns über angenehme Themen.“

Zeit für Cineas (den Stoiker), den Vorschlag-Hammer aus der Tasche zu ziehen:

„Und was hält meinen König davon ab, genau dieses heute zu tun?“

Nichts muss erobert werden, um sich des Lebens zu erfreuen. Das Leben ist kein Wettbewerb, kein Marathon. Für Shakespeare war es ein Bühnenstück, für mich ist es eine Reise.

Reisen und Opern (Wagner?) können anstrengend sein. Im Prinzip entscheiden wir jedoch, wohin die Reise gehen soll und welches Schauspiel wir geniessen wollen.

Das nehmen wir als gegeben hin. Vielleicht ist es wichtig, uns zu erinnern, dass alle Botschaften über Geld, Ruhm und Status ihren Wert schon dann verlieren, wenn wir unter einer Grippe leiden.

In diesem Kontext, im Streben nach Glück, bin ich ein Fan der Stoiker.

Manches kontrollieren wir, während wir nicht einmal wissen, ob wir morgen mit einer Krebs-Diagnose leben müssen, oder überhaupt aufwachen.

Ich bin nicht morbid, ganz im Gegenteil. Ich bin dankbar.

Die antike Kunst des stoischen Glücks

Ein Zen Buddhist meditiert. Obgleich ich seit mehr als 30 Jahren regelmässig meditiere (und dies nur empfehlen kann, wenn Sie bereit dazu sind), kostet Meditation Zeit und kann je nach Form physisch und mental eine Herausforderung sein.

Die Stoiker kamen per Zufall zu mir in meiner fünften Dekade. Angefangen hat es mit dem Buch „A Man in Full“ von Tom Wolfe. Der Protagonist in der Novelle entdeckt per Zufall den stoischen Philosophen Epikur und ändert sein Leben.

Nach weiterer Lektüre, im Besonderen „A Guide to the Good Life – The Ancient Art of Stoic Joy“ von William Irvine änderte ich meines.

Im Gegensatz zum Meditieren ist das Praktizieren von „Stoic Joy“ ein Leichtes. Es bedingt einfach, regelmässig über das Leben zu reflektieren. Dies funktioniert während wir im Stau stehen genauso, wie es Seneca der Jüngere empfiehlt, nämlich wenn wir im Bett liegen und darauf warten, dass wir einschlafen.

Was will ich aus meinem Leben machen?

Ich möchte in einer glücklichen Beziehung leben, einen guten Job haben, ein schönes Haus besitzen, und doch, das sind wirklich nur Dinge, die ich in meinem Leben möchte und nicht in der weitesten Form eine Antwort auf die Frage „…aus meinem Leben machen?“

Es geht nicht um die Ziele, die wir in unseren täglichen Aktivitäten erreichen, sondern um das grosse Gut. In unserem Dasein ist es die Frage, was ist es, was uns am Wichtigsten ist?

Wir wissen, was wir Minute bei Minute oder sogar innerhalb einer Dekade wollen, aber halten wir inne, um über das grosse Gut in unserem Leben zu reflektieren?

Selbst unsere Kultur ermuntert uns nicht, mündig über uns selbst zu werden und über uns nachzudenken.

Einer des zentralen und hilfreichen Gedanken, den Irvine in seinem Buch ausführlich aufgreift, ist der Unterschied zwischen dem, was wir unter Kontrolle haben („internals“) und jenem, was wir nicht kontrollieren können („externals“).

Die stoischen Philosophen nennen dies „the sphere of choice“.

Epikur glaubte, wir sollten uns nur mit den Dingen beschäftigen, welche sich innerhalb unseres Bereiches der Wahl befinden und dass Frieden und Glücklichsein sich entwickeln, wenn wir erkennen, dass es Dinge gibt, die wir weder kontrollieren noch beeinflussen können.

Da wir weder die Vergangenheit, die Gedanken der anderen und sogar viele Dinge in uns selbst (Altern zum Beispiel) nicht ändern können, sollten wir uns darüber keine Gedanken machen.

Andere Stoiker, Seneca und Marcus Aurelius, legten grosse Bedeutung darauf, Humor und Leichtigkeit zu entwickeln, wenn Dinge oder Menschen um uns herum sich gegen uns wenden. Sie argumentierten, dass es irrational ist, uns nicht weiter bringt und es eine Verschwendung von kostbarer Zeit ist, sich verletzen zu lassen.

Epictetus ging noch weiter und erklärte, dass nur unser Charakter, unsere Werte und unsere Meinung innerhalb unserer „Sphere of choice“ liegen, und deshalb unser primärer Fokus sein sollte. Externe Faktoren gelten nur als „Material“, um unseren Charakter zu formen und ein besserer Mensch zu werden.

Das nächste Mal, wenn Sie etwas aufwühlt, fragen Sie sich vielleicht, ob diese Emotion innerhalb Ihrer „Sphere of choice“ liegt. Hat es mit Ihrem Charakter, Ihren Grundwerten oder Ihren Meinungen zu tun?

Wenn ja, so ist es etwas, was Sie tatsächlich kontrollieren können und dann ist es Zeit, daran zu arbeiten.

Wenn nein, dann ist es gleichgültig und an der Zeit, es los zu lassen. Das Leben ist zu kurz, um Energie mit Dingen zu verschwenden, die man nicht ändern kann.

Das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Wir sind sehr konditioniert.

Mit etwas Übung und der Überprüfung, ob wir denn tatsächlich innerhalb unserer Sphäre der Wahl sind, mit einer bewussten Pause zwischen Stimulus und Reaktion, sind wir in der Lage, mit Gleichmut und heiterer Gelassenheit mit den Steinen, die uns das Leben in Weg legt, umzugehen.

Vielleicht sind unsere Felsbrocken im Vergleich zu anderen Schicksalen nur Sandkörner.

 

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1 Kommentar zu „Herr Feuerkopf“

  1. Diese Ausgabe hat mir ganz besonders gefallen. Da klingt in mir etwas an. Und ein Vertiefen drängt sich auf.

    Alles liebe
    Yves

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