Kritik der reinen Vernunft

Immanuel Kants bekanntes Hauptwerk erschien 1887 und wurde von Moses Mendelssohn als „Nervensaft verzehrendes Werk“ bezeichnet. Albert Einsteins Meinung: „Was die Philosophie Kants angeht, denke ich, dass jeder Philosoph seinen eigenen Kant hat und ich kann auf das, was Sie anführten nicht antworten, da die Hinweise, die Sie mir gegeben haben, mir nicht ausreichen, um zu wissen, wie Sie Kant interpretieren.“ – „Ich für meinen Teil glaube nicht, dass meine Theorie in allen Punkten mit dem Denken Kants in Übereinstimmung zu bringen ist, wie letzteres mir sich darstellt.“

„Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“

Kritik der reinen Vernunft

Wir tendieren dazu, anzunehmen, dass unser Bewusstsein meist unter Kontrolle ist. Wir denken nach über was wir tun, wie wir Probleme lösen oder mondäne Entscheidungen wie, was wir anziehen, essen oder sagen. Wir können auch beschreiben, was wir unternommen haben oder über unser Verhalten reflektieren. Wir beobachten uns und weil wir dies tun, glauben wir, dass wir vernünftig, überlegt und rational sind.

Andererseits ist Denken nicht immer notwendig. Mit ausreichender Übung und Praxis können wir Dinge, die einst unsere volle Aufmerksamkeit, wie zum Beispiel Autofahren lernen und quasi automatisch und nebenbei ausführen. Jedes Lernen folgt einem vierstufigen Schema:

Von der unbewussten Nicht-Kompetenz zur bewussten Nicht-Kompetenz, zur bewussten Kompetenz und schliesslich zur unbewusst ausgeführten Kompetenz.

Das Adjektiv für Vernunft ist vernünftig sein. Vernünftig wollen wir unser Verhalten begründen. Wenn wir begründen, dann benutzen wir unser Hirn. Wir arbeiten mit der uns zur Verfügung stehenden Information um Schlüsse zu ziehen, um Probleme zu lösen, zu beurteilen usw. Philosophen und Logiker unterscheiden drei Arten des schlussfolgernden Denkens:

deduktiver, induktiver und dialektischer Schluss.

Obwohl diese die Basis für unsere Rationalität darstellen, werden sie leicht durch psychologische und logische Prozesse beeinflusst und führen zu Fehlentscheidungen.

Deduktion

Deduktion folgt einer formellen Regel, erlaubt uns Schlussfolgerungen, basierend auf Prämissen (mindestens zwei) zu ziehen. Zum Beispiel, „wenn ich denke, dann benutze ich bewusst mein Hirn“ und „ich denke“, dann können wir folgerichtig zum Schluss kommen, „ich benutze mein Hirn bewusst“. Die Schlussfolgerung mag falsch sein, wenn eine der Prämissen fehlerhaft ist, aber die Schlussfolgerung an sich ist korrekt und logisch.

Fehler bei der Deduktion treten gerne dann auf, wenn die Wahrheit, Realität oder Falschheit einer oder mehrerer Prämissen unbekannt ist, weil unser Denken von Haus aus darauf eingestellt ist, unsere bestehenden Glaubenssätze zu bestätigen, anstatt die Information aufzunehmen, die diesen widerspricht.

In der Tat ist unser Denken häufig unlogisch und nicht klar, aber erfüllt manchmal einen guten Zweck. Einer Ihrer Freunde sitzt Zuhause und verfolgt ein spannendes Fussballspiel. Er sagt Ihnen, wenn sein Team gewinnt, dann geht er auf ein oder auch zwei Biere in die Kneipe um die Ecke. Sein Team verliert und Sie schlussfolgern, jedoch nicht logisch, ihn bei sich zu Hause zu besuchen und würden ihn dann auch antreffen. Obwohl er nicht erwähnt hatte, was er tut oder wohin er geht, falls sein Team verliert. Deduktion hätte dies verhindert, aber die Irrationalität ermöglichte den Freund zu treffen.

Beispiel:

Probanden wurden gefragt, ob das folgende Argument wahr ist:

Prämissen: Wenn es regnet, wird Hans nass.
Es regnet nicht.
Schlussfolgerung:  Hans wird nicht nass.

Über 30% der Befragten bestätigten „Hans wird nicht nass“ als richtig und lagen damit falsch, denn aus den zwei Prämissen lässt sich keine logische Schlussfolgerung ziehen. Es wurde nicht erklärt, was mit Hans passiert, wenn es nicht regnet.

Der Test wurde modifiziert und um eine weitere Prämisse erweitert: „Wenn es schneit, dann wird Hans nass.“ Und die Fehlerquote reduzierte sich signifikant.

Induktion

Auf Induktion verlässt sich die Wissenschaft meistens. Der Ausdruck wird als Gegenbegriff zur Deduktion verwendet. Wissenschaftler beobachten sorgfältig einen Vorgang und schlussfolgern eine Wahrheit, von der sie glauben, dass sie wahrscheinlich stimmt, obwohl es noch Information geben mag, die zeigen würde, dass sie falsch liegen. Unser Freund Albert Einstein hat dazu, so glaube ich, in etwa gesagt, „Egal wie viel Experimente ich mache, es braucht nur ein einziges, um zu erklären, dass meine Hypothesen nicht stimmen.“

Im Tagesgeschäft benutzen wir das immer wieder gerne: „Maria hat mich kritisiert und meine Argumente nicht mal angehört.“ Deshalb: „Maria ist ein kritische Person.“ Induktive Schlussfolgerungen erlauben uns, zu Ergebnissen auf der Basis unserer Erfahrungen zu kommen (wir verallgemeinern) und meistens funktioniert das ganz gut. Jedoch, diese wahrscheinlichkeitsorientierte Vorgehensweise hat ihre Tücken. Nicht nur, dass wir die Wahrscheinlichkeit falsch einschätzen, sondern auch die Bestätigungs-Verzerrung (Confirmation Bias), der wir unterliegen, lassen uns fehlgehen, denn wir suchen von Haus aus Informationen, die unsere (vorerlebten) Schlussfolgerungen (oder Verdacht) bestätigen, besonders wenn wir Zweifel verspüren.

Wir vermeiden es, einen logischen, informativen Prozess zu wählen, um Informationen zu finden, die bestätigen, dass wir falsch liegen: Wie im Beispiel oben, vielleicht hatte mich Maria gar nicht kritisiert, sondern ich hatte Fehler in meiner Denkweise und sie war so freundlich, mich darauf hinzuweisen, und ist an meiner Weiterentwicklung und meinem Wohlbefinden interessiert und eben nicht eine kritische Person. William Jones formuliert das treffend: „Viele Menschen denken, sie dächten bereits, wenn sie lediglich ihre Vorurteile neu ordnen.“ Hinzu kommt, wir halten Ausschau nach dem, was wir erwarten und unsere Erwartungen sind durch unsere Gefühle beeinflusst.

Schlussfolgern (Begründung, Argumentation) ist schwer und verlässt sich meistens auf unser Gedächtnis. Oft benutzen wir Pi mal Daumen und sonstige Faustregeln. Heuristik (Lehre von den Verfahren, Probleme zu lösen; methodische Anleitung) nennen das die Psychologen und Philosophen. Zum Beispiel, die Verfügbarkeitsheuristik gehört zu den sogenannten Urteilsheuristiken, Faustregeln, um Sachverhalte auch dann beurteilen zu können, wenn kein Zugang zu präzisen und vollständigen Informationen besteht. Was kürzlich oder schon häufig passiert ist, kommt uns leichter und als erstes in den Sinn. Wenn mein Printer nicht druckt, checke ich als erstes meinen Standardfehler, nämlich, ob er eingeschaltet ist. Heuristik kann also helfen, nur der Nachteil kann sein, dass – jenes was uns als erstes in den Sinn kommt – jenes ist, was uns schon bekannt oder kürzlich passiert ist – und das reduziert unsere Kreativität und Optionsvielfalt. Zum Beispiel, wer Angst vorm Fliegen hat, tendiert dazu die Anzahl der Flugzeugabstürze zu überschätzen, und gerade dann umso mehr, wenn kürzlich der Unfall auf der Zeitungs-Frontseite war, mit den Wrackteilen auf der Wiese zerstreut.

Dialektischer Schluss

Ist die Fähigkeit, sich widersprechende Informationen oder Argumente von unterschiedlichen Blickpunkten (Einstellung) zu betrachten, um (positiv) kritisch die Wahrheit, was ist richtig, was ist falsch, herauszufinden oder um Meinungsverschiedenheiten zu lösen. Der dialektische Schluss greift, aus psychologischer Sicht, auf mehr als die logischen und wissenschaftlichen Methoden zurück: Ist es für das Gegenüber wichtig, recht zu haben oder dass seine Glaubenssätze und/oder Vorurteile akzeptiert werden? Das Selbstwertgefühl eines Einzelnen kann sich verbessern, wenn er Recht hat (Gewinner) und sich reduzieren, wenn er falsch liegt (Verlierer).

Erfahrungen, Gefühle, Neigungen und Tendenzen sind einige der vielen psychologischen Faktoren, die unsere Fähigkeit, mit einem offenen Geist (open mind) zu denken, nicht immer positiv unterstützen. Um zu einem dialektischen Schluss zu kommen, müssen wir lernen, komplexe Zusammenhänge aufzunehmen, mehr Information zu verarbeiten, damit wir Situationen, Meinungen, etc. ohne Passion und kritisch (objektiv – falls möglich) hinterfragen können.

Verbinden Sie diese neun Punkte, ohne den Stift anzusetzen, mit vier geraden Linien.

 

 

Geschafft? Prima! Lösungen gibt es auch mit 3, 2 und mit 1* Linie…

Fazit

Die Kunst, Probleme zu lösen und Herausforderungen zu meistern, beschäftigt die Psychologen seit 100 Jahren, insbesondere inwieweit unsere Erfahrungen, also unser Erinnerungsvermögen und Gedächtnis uns dabei beeinflusst, unterstützt oder auch hindert. Es scheint logisch, generell betrachtet: mit mehr Erfahrung löst man Probleme einfacher. Das nennt man den „positive transfer effect“ und dieser Effekt erklärt, warum Erwachsene besser als Kinder und Experten besser als Anfänger, einfacher Lösungen finden.

Um eine Lösungsstrategie erfolgreich umzusetzen wie z.B. die Mayonnaise der aufgeplatzten Tube vom Küchenboden aufzuwischen, braucht es Geschick wie auch die Schlussfolgerung(en), inwieweit die Umsetzung erfolgreich war. Experten mögen im Erkennen von Strukturen, Umsetzen von Regeln etc. erfolgreicher sein – und können genau deshalb versagen, ein bestimmtes Problem „auf neue Art und Weise“ zu lösen, weil sie in ihrer Standardlösung gefangen sind.

Wir wissen, Kinder sind kreativ: Sie benutzen familiäre Konzepte anders und oftmals fantasievoll. Kreativität ist nicht nur massgebend in den Künsten, sondern auch in der Wissenschaft, zuhause (besonders in der Küche), im Büro und in unserem Denken.

In unserem Denken deshalb, weil die Beobachtung unseres Denkens uns Rückschlüsse auf unsere und jede andere Realität, die wir sehen, zuerst einmal aus unserer Betrachtungsweise der Situation besteht. Was wir als Realität ansehen (ist immer von innen nach aussen) mag nicht die Wahrheit sein, sondern ist nur eine Manifestation unserer Gedanken. Unsere Gedanken dürfen wir kritisch sehen und wir dürfen immer wieder über sie reflektieren – denn was wir denken, hat Einfluss auf was wir fühlen und was wir fühlen, hat Einfluss auf was wir tun und was wir tun, bestimmt wer wir sind.

*) Lösung im PDF

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