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PEA oder NEA

Wir leben in einer faszinierenden Welt: Auf der einen Seite leben aktuell (laut Agence France-Presse) etwa 1/3 der Weltbevölkerung, also 2.6 Milliarden Menschen, unter einer mehr oder weniger drastischen Ausgangssperre. Auf der anderen Seite haben wir uns entschleunigt und haben Zeit über uns nachzudenken.

Beides hätten wir uns vor 4 Wochen kaum vorstellen können. Ich finde es, und es fällt mir kein besseres Wort ein als Dr. Spocks «faszinierend».

Zeit zum denken

Du könntest dir, wenn du willst, vier Fragen stellen:

Wer hat dir in deinem Leben am meisten geholfen, dich unterstützt?

Wer waren diese Menschen, die dich am meisten unterstützt haben?

Was genau haben diese Menschen gemacht, und wie hast du dich dabei gefühlt?

Ich darf dir anbieten, diese drei Fragen jetzt zu beantworten, bevor du weitereilst. Das tut der Seele gut, denn du wirst positive Emotionen spüren, und die sind gut für dich.

Richard Boyatzis unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Positiven Emotionalen Attraktoren (PEA) und Negativen Emotionalen Attraktoren (NEA).

Einer seiner Studenten drückte es so aus:

«All jene, die wichtige Figuren in meinem Leben waren, pflanzten Samen der Inspiration und Ideen und liessen mir dann die Freiheit, diese in die Richtungen zu lenken, die für mich am besten funktionierten, während sie meine Entscheidungen unterstützten und mich ermutigten.»

Ich bin der Meinung, dass ist das, was grossartige Coaches tun. Grossartige Coaches und die besten Lehrer, Manager, Kollegen und Freunde binden uns in Gespräche ein, die uns inspirieren. Sie bringen uns dazu, dass wir auf sinnvolle Weise wachsen, uns entwickeln und verändern wollen – und sie unterstützen uns dabei. Sie helfen uns, eine persönliche Vision zu verfolgen, anstatt nur ein pflichtbewusstes Leben nach Soll und Haben zu führen.
Das sind die positiven emotionalen Attraktoren (PEA). Die negativen, und darüber unten mehr, kannst du dir vorstellen und leicht benennen.

Emotionale Intelligenz (EI)

John D. Mayer und Peter Salovey haben den Terminus «EI» 1990 eingeführt. Populär bekannt wurde EI durch Daniel Golemanns Buch «EQ. Emotionale Intelligenz».

Die meisten Menschen betrachten emotionale Intelligenz als eine Fähigkeit, die man mit Übung und Training lernen kann. Das ist wahr – aber für mich gibt es eine tiefere Wahrheit über emotionale Intelligenz, die es wert ist, untersucht zu werden:

Um emotionale Intelligenz zu fördern, geht es häufig darum, bestimmte Dinge weniger zu tun.

Manchen Menschen scheinen weniger EI zu haben als andere. Die kannst du leicht erkennen. Es sind Menschen, die

anderen die Schuld für ihre Probleme geben.

Sich selbst in Zyklen von Stress und Angst einsperren und

sich selbst-sabotieren, sobald sie anfangen, Fortschritte zu machen.

Den meisten Menschen mangelt es nicht an der Fähigkeit zur emotionalen Intelligenz. Ich glaube, dass fast jeder Mensch bereits über ein hohes Mass an emotionaler Intelligenz verfügt, es nur ab und zu mal vergisst, die EI sich aus dem Bewusstsein verabschiedet hat.

Die angeborene emotionale Intelligenz nutzen, wird manchmal durch eine Reihe von schlechten Gewohnheiten, die gerne in die Quere kommen, sabotiert – hier nun ein paar negative emotionale Attraktoren:

4 Gewohnheiten, die EI sabotieren

Andere kritisieren

Andere zu kritisieren ist oft ein unbewusster Verteidigungsmechanismus, der darauf abzielt, unsere eigenen Unsicherheiten abzuschwächen.

Wir alle sind manchmal kritisch. Und das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes – sorgfältig und kritisch über die Welt um uns herum nachzudenken, ist eine wichtige Fähigkeit. Sie hilft uns, uns in der Welt und in unseren Beziehungen objektiv zu orientieren.

Aber zu viel Kritik – insbesondere die Gewohnheit, anderen gegenüber kritisch zu sein – kann zum Gegenteil von Objektivität führen: Sie kann uns engstirnig und blind machen, auch uns selbst gegenüber.

Einer der Gründe, warum es so leicht ist, in die Gewohnheit zu verfallen, andere zu kritisieren, ist, dass wir uns dabei gut fühlen:

Wenn du denkst, dass jemand anders dumm ist, implizierst du damit, dass du klug bist = ein gutes Gefühl.

Wenn du jemanden für naiv hältst, sagst du wirklich, dass du anspruchsvoll bist = ein gutes Gefühl.

Wenn du leise kicherst, welchen Kleidungsgeschmack der andere hat, denkst du, wie grandios dein eigener Geschmack ist = ein gutes Gefühl.

Bei hilfreicher Kritik geht es darum, die Welt besser zu machen. Bei wenig hilfreicher Kritik geht es darum, sich selbst besser zu fühlen. Was bringt Kritik überhaupt?

Emotional intelligente und selbstbewusste Menschen verstehen, dass die Kritik an anderen nur ein Verteidigungsmechanismus ist. Und dass es weitaus bessere, produktivere Wege gibt, mit unseren Ängsten und Unsicherheiten umzugehen.

Ohne es zu wissen, versucht der Mensch, der anderen gegenüber ständig kritisch ist, nur seine eigenen Unsicherheiten zu mildern.

Kritik an anderen ist eine Verschwendung von Zeit und Energie. Kritik an anderen ist eine Form der Selbstbeweihräucherung.

Wer uns am strengsten kritisiert? –
Ein Dilettant, der sich resigniert.

Johann Wolfgang von Goethe

Sich Sorgen machen

Als menschliche Wesen sehnen wir uns nach Ordnung und Gewissheit. Wir sind biologisch motiviert, Unsicherheit zu reduzieren.

Aber es ist ein großer Unterschied, ob man vernünftige Schritte unternimmt, um die Unsicherheit zu verringern oder ob man glaubt, man könne sie ganz und gar beseitigen.

Emotional intelligente Menschen verstehen, dass das Leben von Natur aus unsicher ist. Und sie verstehen, dass es besser ist, sich dieser Realität mit klarem Blick zu stellen, als sie zu verleugnen. Zu diesem Thema habe ich eigens einen Artikel geschrieben: Warum machen wir uns Sorgen?

Grübeln über Fehler in der Vergangenheit

Das Grübeln über Fehler der Vergangenheit ist ein fehlgeleiteter Versuch der Kontrolle.

So wie wir Menschen uns nach Ordnung und Gewissheit sehnen, sehnen wir uns auch nach Kontrolle. Wir sind besessen von der Vorstellung, dass wir mit genügend Anstrengung und Ausdauer alles tun oder erreichen können.

Natürlich glauben die meisten Menschen, die endlos über Fehler und Misserfolge der Vergangenheit grübeln, nicht wirklich daran, dass sie die Vergangenheit ändern können. Stattdessen gibt ihnen das Grübeln über die Vergangenheit die Illusion von Kontrolle und sei sie noch so flüchtig und vorübergehend.

Wenn man in der Vergangenheit etwas Schlechtes getan oder einen Fehler gemacht hat, fühlt man sich natürlich schuldig und bedauert dies. Chronische Grübler entwickeln die unbewusste Gewohnheit, Fehler aus der Vergangenheit immer wieder herzuholen, weil sie dadurch kurzzeitig ein Gefühl der Kontrolle erhalten. Und das Gefühl, die Kontrolle zu haben, lenkt davon ab, sich hilflos zu fühlen – doch genau das sind wir, wenn es um vergangene Fehler geht.

Kein Nachdenken oder Analysieren vergangener Fehler wird etwas daran ändern, was geschehen ist. Das bedeutet, dass Hilflosigkeit und Ohnmacht unvermeidlich sind.

Das ist eine harte Tatsache des Lebens, die emotional intelligente Menschen nicht nur verstehen, sondern auch akzeptieren.

Wenn du in deinem Leben weitermachen willst, anstatt in der Vergangenheit zu verharren, gilt es die Vergangenheit als das zu akzeptieren, was sie ist – einschließlich des Gefühls der Hilflosigkeit.

In der Gegenwart handeln, anstatt in der Vergangenheit verweilen. Tue etwas Nützliches, jetzt, egal wie klein – und widerstehe der Versuchung, eine weitere Szene aus deiner Vergangenheit zu wiederholen. Dafür gibt’s das Fernsehen.

Unrealistische Erwartungen

Unrealistische Erwartungen sind ein fehlgeleiteter Versuch, andere Menschen zu kontrollieren.

Genauso wie das Wiederkäuen ein Versuch ist, die Vergangenheit und unsere Gefühle darüber zu kontrollieren, ist das Aufrechterhalten unrealistischer Erwartungen gewöhnlich ein subtiler Versuch, andere Menschen zu kontrollieren.

Natürlich sehen das die meisten Menschen mit unrealistischen Erwartungen nicht so. Wahrscheinlich sehen sie ihre Erwartungen an andere Menschen als eine gute Sache an: Hohe Erwartungen an Menschen zu haben, so glauben viele, ermutigt diese, zu wachsen und zu reifen und ihr bestes Selbst zu werden! Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Autonomie des Gegenübers. Erwartungen an andere, genauso wie Belohnungen, reduzieren die Motivation etwas zu tun (siehe «Alfie Kohn, Punished by Rewards» und «Selbstbestimmungstheorie»).

Vielleicht. Wie immer gibt es Ausnahmen, aber Erwartungen sind trotzdem eine subtile Form der Kontrolle. Aber was genau bedeutet es, eine unrealistische Erwartung aufrecht zu erhalten?

Einfach ausgedrückt bedeutet es, dass man Zeit damit verbringt, Geschichten darüber zu erfinden, was andere Menschen tun sollten. Und wenn sie diesen Erwartungen unweigerlich nicht gerecht werden, vergleicht man reflexartig die Realität mit seinen Erwartungen und fühlt sich frustriert und enttäuscht. Bestenfalls werden Erwartungen erfüllt – und das ist gerade mal neutral.

Das Problem ist, dass man andere Menschen nicht wirklich kontrollieren kann, nicht einmal zum Besseren. Jedenfalls nicht annähernd so viel, wie du es gerne hättest. Das bedeutet, sich einen ständigen Teufelskreis aus himmelhohen Hoffnungen und schweren Enttäuschungen und Frustrationen zu schaffen.

Jede Erwartung ist das Fantasieren über ein Ereignis, Handeln, eine Reaktion oder ein Verhalten einer Person, Organisation oder Situation in der Zukunft,
die häufiger als erwartet zum Scheitern verurteilt ist.

Take away

Dass positiv allgemein besser als negativ ist, ist klar. Bei den Antworten auf die drei Fragen zu Beginn hast du erkannt, dass PEAs das sind, was uns inspiriert.

Gerade in Zeiten der Polarisation, und Zeiten wie jetzt, darf überlegt werden, wieder die Fähigkeit zu pflegen, den anderen mit Empathie zuzuhören.

Wollen wir nicht, dass die Menschen offen sind und voneinander lernen? Hoffen wir nicht, dass wir anderen Menschen helfen können, ihren Blick über sich selbst hinaus zu erweitern und offen für neue Ideen zu sein?

Indem wir uns auf andere konzentrieren und ihnen wirklich helfen, können wir in unseren Familien, Teams, Organisationen und Gemeinschaften auf eine bessere Zukunft hinarbeiten.

Du kannst dir also eine vierte Frage stellen:

Auf wessen Liste stehe ich?

Aktiv werden

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