Um 4 Uhr morgens

Um 4 Uhr morgens

 

 

 

habe ich die heutige SMSS geschrieben. Nun, Sie werden sich fragen, warum? Ich antworte, ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass 4 Uhr morgens so etwas wie eine Art heilige Zeit ist. Bedeutet es doch, dass man zur sogenannt „schlimmsten Zeit des Tages“ wach ist.

4 Uhr morgens, eine Zeit für Unangenehmes, Missgeschicke und Sehnsüchte. Eine Zeit, in der man ein Komplott schmiedet, um den Polizeichef um die Ecke zu bringen, wie in der klassischen Szene aus „Der Pate“. Copollas Skript beschreibt diese Kerle als „erschöpft in Hemdsärmeln. Es ist 4 Uhr morgens.“

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4 Uhr morgens, eine Zeit für weitaus düsterere Vorgänge als Autopsien und Einbalsamierungen in Isabel Allendes „Das Geisterhaus“. Nachdem die atemberaubende, grünhaarige Rosa ermordet wurde, präservieren die Doktoren sie mit Salbe und Leichenbestatter-Balsam. Sie arbeiten bis vier Uhr in der Früh.

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Eine Zeit für weitaus düsterere Vorgänge als das, wie im New Yorker Magazine im April 2006 beschrieben, in dieser fiktiven Kurzgeschichte von Martin Amis, die so beginnt: „Am 11. September 2001 öffnete er seine Augen um 4 Uhr morgens in Portland, Maine und Mohamed Attas letzter Tag begann.“  Für eine Uhrzeit, die ich für die seelenruhigste und unspektakulärste Stunde des Tages halte, sind die Resonanzen auf vier Uhr morgens in der Presse doch ziemlich negativ – und das über verschiedene Medien hinweg von einer Vielzahl großer Namen. Und das machte mich argwöhnisch. Ich kam zu der Überzeugung, dass einige der begabtesten künstlerischen und kreativen Köpfe der Welt, bestimmt nicht alle standardmäßig auf diesen einfachen bildlichen Ausdruck zurückgreifen, als ob sie ihn erfunden hätten, oder? Könnte es sein, dass da etwas Zusätzliches noch vor sich geht? Etwas Absichtliches, etwas Geheimes, und wer hat überhaupt den Stein ins Rollen gebracht, dass vier Uhr morgens so einen schlechten Ruf hat? Ich sage, es war dieser Typ – Alberto Giacometti, hier zu sehen:

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mit einigen seiner Skulpturen auf dem schweizerischen 100 Franken-Schein. Er tat dies mit dieser berühmten Skulptur aus dem New Yorker Museum of Modern Art. Der Titel – „Der Palast um vier Uhr morgens“ – 1932.

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Übrigens, die Frau, um die es geht, wird oft identifiziert als eine von Giacomettis Liebhaberinnen, nur bekannt bei ihrem Vornamen Denise. Es war um 1932, dass Giacometti André Breton, dem Vorreiter der Surrealist-Bewegung mitteilte, dass er (Giacometti) unfähig sei, etwas zu kreieren, was nicht mit Denise verbunden sei.

1932. Nicht einfach nur die früheste kryptische Referenz für vier Uhr morgens, die ich finden kann. Ich glaube, dass diese so genannte erste surrealistische Skulptur einen unglaublichen Schlüssel für gewissermaßen jede künstlerische Darstellung von vier Uhr morgens, die ihr folgte, sein kann. Ich nenne das den Giacometti-Code.

Auch in der Musikwelt zu finden:

Leonhard Cohen:

It’s four in the morning. The end of December…

Bob Dylan:

Well, it’s four in the morning. By the sound oft he birds…

Paul Simon:

Four in the morning. Crapped out, yawning

Alles funktioniert ein bisschen wie – eine kürzlich ausgeführte Google-Suchanfrage für vier Uhr morgens; um vier Uhr morgens ausgeführt. Die Ergebnisse sind natürlich unterschiedlich. Das ist ziemlich typisch. Die Top 10-Ergebnisse liefern Ihnen Treffer für Faron Youngs Song „It’s Four in the Morning“, drei Treffer für Judi Denchs Film „Four in the Morning“, einen Treffer für Wislawa Szymborskas Gedicht „Four in the Morning“. Sie könnten nun fragen, aber was haben eine polnische Dichterin, eine britische Dame, eine Country Musik-Legende alle miteinander gemeinsam, mal abgesehen von diesem total exzellenten Google-Ranking?

Nun, beginnen wir mit Faron Young – der zufälligerweise im Jahr 1932 geboren wurde.

1996 schoss er sich selbst in den Kopf, am neunten Dezember – was zufällig der Geburtstag von Judi Dench ist. Aber er ist nicht an Denchs Geburtstag gestorben. Er siechte bis zum folgenden Nachmittag dahin, als er letztendlich einer vermutlich selbst zugefügten Schussverletzung im Alter von 64 Jahren erlag – welches auch zufällig das Alter von Alberto Giacometti war, als er starb.

Wo war währenddessen Wislawa Szymborska? Sie hat das absolut wasserdichteste Alibi der Welt. An eben diesem Tag, am 10. Dezember 1996, während Mr. Four in the Morning, Faron Young, den Geist in Nashville, Tennessee, aufgab, war Ms. Four in the Morning – oder zumindest eine von ihnen – Wislawa Szymborska in Stockholm, Schweden, wo sie den Nobelpreis für Literatur entgegennahm. Genau 100 Jahre nach dem Todestag von Alfred Nobel selbst. Zufall? Nein, es ist gruselig.

Zufälle haben für mich eine viel einfacher gestrickte Magie. Das ist so, als würde ich Ihnen erzählen: „Hey, wissen Sie, der Nobelpreis wurde 1901 ins Leben gerufen, welches zufälligerweise dasselbe Jahr ist, in dem Alberto Giacometti geboren wurde?“ Nein, nicht alles passt so ordentlich in das Paradigma, aber das heißt nicht, dass nicht doch etwas auf den höchstmöglichen Ebenen vor sich geht.

Zum Beispiel könnten Sie dem Museum of Four in the Morning einen Besuch abstatten oder zwischendurch The Poques hören:

Four o’clock in the morning
When the ambulance arrived

Selbst Homer Simpson lässt sich da einordnen mit: „Halt, halt, halt, halt, halt, halt – lassen Sie mich sehen, ob ich das richtig verstanden habe. Es ist Weihnachten, 4 Uhr morgens. Mein Magen knurrt.“ Wenn Homer Simpson sich einen absolut unmöglichen Moment, nicht nur bezogen auf die Uhrzeit, sondern bezogen auf den gesamten Kalender vorstellen muss, dann fällt ihm vier Uhr am Geburtstag des Jesuskindes ein. Und nein, ich weiß nicht, wie das hineinpasst in das ganze verwirrende Schema der Dinge, aber offensichtlich erkenne ich eine codierte Nachricht, wenn ich eine sehe.

Und Sie können eine Ausgabe von Bill Clintons „My Life“  kaufen. Sie von vorne bis hinten analysieren auf der Suche nach welcher versteckten Referenz auch immer. Die befindet sich auf Seite 474 der Taschenbuchausgabe:

„Obwohl sie besser wurde, war ich mit der Antrittsrede immer noch nicht zufrieden. Meine Redenschreiber müssen sich die Haare gerauft haben, denn während wir zwischen ein und vier Uhr morgens am Tag meines Amtsantritts arbeiteten, nahm ich immer noch Änderungen daran vor.“

Klar, ich glaube alles. Sein fast ganzes Leben hat er sich auf dieses historische vierjährige Ereignis vorbereitet, welches sich irgendwie plötzlich an ihn herangeschlichen hat. Und dann drei Absätze später finden wir diese kleine Schönheit: „Wir gingen zurück ins Blair House, um uns die Rede ein letztes Mal anzusehen. Sie war seit 4 Uhr morgens viel besser geworden.“ Nun, aber wie konnte das geschehen? Seinen eigenen Worten zufolge befand sich dieser Mann entweder im Tiefschlaf, bei einer Gebetszusammenkunft mit Al und Tipper Gore, oder war gerade dabei, zu lernen, wie man eine Atomrakete aus einem Koffer heraus abschießt. Was geschieht mit amerikanischen Präsidenten um vier Uhr am Tag des Amtsantritts? Was ist mit William Jefferson Clinton geschehen? Wir werden es vielleicht niemals wissen. Weder Monica noch Bill noch Hillary waren bereit, einen Kommentar abzugeben.

Wir könnten uns vielleicht daran erinnern, so wie er es in der Zusammenfassung seiner feinen Autobiografie macht, dass Bill Clinton sich an diesem Tag auf eine Reise begab – eine Reise, in deren Verlauf er der erste demokratische Präsident seit Jahrzenten werden sollte, der für zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten gewählt wurde. Seit Generationen. Der erste seit Franklin Delano Roosevelt, der seine eigene beispiellose Reise begann, vor einer langen Zeit, als er zum ersten Mal gewählt wurde, vor einer langen, viel unkomplizierteren Zeit, vor einer langen Zeit im Jahre 1932 – in welchem Alberto Giacometti den Palast um vier Uhr morgens kreierte. Das Jahr, lassen Sie uns daran zurückdenken, indem diese Stimme, nun vergangen, zum ersten Mal in dieser grossen, alten, verrückten Welt erklang.

Also, wenn Sie dann das nächste Mal um vier Uhr morgens aufwachen, nicht gleich wieder zurück in die Koje, sondern etwas Gescheites fabrizieren. Wie Sie oben gelesen haben, sind Ihrer Phantasie um vier Uhr morgens keine Grenzen gesetzt.

Inspiriert und viel kopiert, bedanke ich mich bei Rives – obiger Artikel ursprünglich als TED-Talk in 2007 mit Rives

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