Effizienz entsteht,
Dies ist Folge 2 von 6 meiner kleinen Schulz-von-Thun-Serie.
Letzte Woche ging’s um Dummi und Klugi. Heute geht’s um die vier Ohren.
Das Modell kennst du vielleicht auch unter dem Namen Kommunikationsquadrat oder Nachrichtenquadrat.
Wenn Kommunikation ein Instrument wäre, dann ist dieses Quadrat die Bedienungsanleitung, die man leider erst liest, nachdem es schon gequalmt hat.
Ein Satz, vier Ohren und plötzlich Drama
Stell dir vor, jemand sagt:
„Du bist spät.“
Dieser Satz kann harmlos sein.
Oder eine diplomatische Kriegserklärung.
Je nachdem, welches Ohr bei dir gerade Dienst hat.
Schulz von Thun sagt: Jede Nachricht enthält vier Seiten, und wir hören oft automatisch eine davon besonders laut.
- Sachohr
Was ist die Information?
Spät heißt: nach der vereinbarten Zeit. Punkt. - Selbstkundgabeohr
Was zeigt der andere von sich?
Vielleicht: Sorge. Vielleicht: Ärger. Vielleicht: Humor. Vielleicht: Kontrollbedürfnis. - Beziehungsohr
Was sagt das über mich und uns?
„Du nimmst mich nicht ernst.“
Oder: „Du bist wieder typisch.“
Hier wird’s empfindlich. Dieses Ohr hat manchmal Allergien gegen den Tonfall.
- Appellohr
Was soll ich jetzt tun?
Entschuldigen, erklären, pünktlicher sein, mich rechtfertigen, Abbitte leisten, mein Leben ändern …?
Übrigens:
Ein wichtiger Punkt, der gerne übersehen wird:
Nicht nur du hast diese vier Ohren. Der Sender hat sie auch.
Heißt: Während du gerade auf vier Arten hörst, sendet dein Gegenüber gleichzeitig auf vier Arten. Das erklärt erstaunlich viele Ehegespräche, Team-Meetings und Familienessen.

Der jeweilige Satz ist lediglich der Satz.
Die Welt, die daraus entsteht, ist eine andere.
Der Kniff:
Meistens streiten Menschen nicht über Fakten.
Sie streiten intern manchmal darüber, welches Ohr „recht“ hat.
Das Modell ist kein Theorie-Poster. Es ist ein Seismograph.
Wenn du in einem Gespräch merkst: „Uff, das hat gesessen“, dann war es selten der Sachinhalt.
Es war fast immer das Beziehungsohr, das aufgesprungen ist.
Oder das Appellohr, das sofort Druck in dir produziert.
Und genau an dieser Stelle wird das Modell praktisch anwendbar:
Du kannst in dem Moment, in dem es kippt, innerlich kurz fragen:
„Welches Ohr hört gerade am lautesten?“
Nicht um recht zu haben.
Sondern, um deine Wahlfähigkeit zu erkennen.
Denn sobald du Wahl hast, bist du nicht mehr nur Reaktion.
Mini-Übung: Ohrwechsel in 90 Sekunden
Nimm heute eine Aussage, die dich kürzlich genervt oder getroffen hat.
Ein Satz reicht.
Zum Beispiel:
„Du bist aber spät.“
„Das hätte ich anders gemacht.“
„Du wirkst gestresst.“
„Musst du immer…?“
Schreib ihn auf. Und dann mach das folgende:
-
- Sachohr: Was ist die reine Information, ohne Bewertung?
- Selbstkundgabeohr: Was könnte der andere über sich zeigen, wenn es freundlich gemeint wäre?
- Beziehungsohr: Was habe ich dahinter gehört, was der andere von mir hält?
- Appellohr: Was glaubt ein Teil von mir, jetzt tun zu müssen?
Und dann: atme einmal aus und frage dich innerlich:
„Aha. Welches war mein lautestes Ohr?“
Das reicht oft schon, damit dein Nervensystem nicht gleich das Verteidigungsministerium aktiviert.
Vier Ohren zu haben ist nicht das Problem.
Das Problem ist nur: Wir halten unser „Lieblings-Ohr“ gern für die Wahrheit.
Dabei ist es oft nur: unser Automatismus.
Und Automatismen kann man nicht wegdenken.
Aber man kann sie bemerken.
Das ist schon viel.
Reflexionsfrage
Welches Ohr ist bei dir am schnellsten im Alarmmodus: Beziehung oder Appell?
Und was wäre ein Satz, der dir hilft, kurz aufs Sachohr oder Selbstkundgabeohr umzuschalten? Sowohl bei dir als auch beim Gegenüber.
Mit Klarheit
Harry
PS: Nächste Woche Folge 3: Das innere Team. Oder: warum in dir manchmal jemand spricht, der gar nicht eingeladen war.
Falls dir jemand diesen Impuls weitergeleitet hat, kannst du ihn hier direkt abonnieren.
Und wenn er für dich stimmig war, gib ihn gerne weiter.