Was tust du?

Wann hast du das letzte Mal ganz bewusst einen Kaffee, Tee oder ein Glas Wasser genossen – ohne dabei irgendetwas anderes zu tun, ohne an etwas anderes zu denken? Als Kind hast du, vielleicht wie ich, oft zu hören bekommen: Mach‘ eine Sache nach der anderen und sei mit deinen Gedanken bei dem, was du gerade tust. Und als Erwachsener beginnen wir zu multitasken…..

Wir sind allzu vielen Verführungen ausgesetzt. Wir sind unachtsam mit uns selbst und mit unserer Mit- und Umwelt und vergessen darüber, was uns wirklich wichtig ist, wie und wo wir in der Welt stehen und wie wir unser Leben selbstbestimmt gestalten können. Wie ein Rädchen im Getriebe – keineswegs nur als Opfer dieser Umstände, sondern auch als Täter tragen wir aktiv bei.

Bist du im Hamsterrad, sieht es innen wie eine Karriereleiter aus.

„Es ist ein Widerspruch: Achtsamkeit ist etwas Einfaches, Kleines, Selbstverständliches und Natürliches und dabei zugleich so grundlegend und wesentlich für die menschliche Existenz, dass die Bücher, die über sie geschrieben werden, ganze Bibliotheken füllen.1“

Achtsamkeit hat sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Forschungsthema entwickelt. Zählte die American Mindfulness Research Association im Jahr 2000 nur zwölf Publikationen zum Thema Achtsamkeit in wissenschaftlichen Zeitschriften, waren es im Jahr 2015 bereits 674.

Achtsamkeit ist zwar nicht alles, aber erhöht – nicht nur in meiner Welt – die Lebensqualität. Der Begriff Achtsamkeit hat seine Wurzeln im Buddhismus als eine Funktion des „Reinen Beobachtens“:

„Das klare, unabgelenkte Beobachten dessen, was im Augenblick der jeweils gegenwärtigen Erfahrung (einer äußeren oder inneren) wirklich vor sich geht. Es ist die unmittelbare Anschauung der eigenen körperlichen und geistigen Daseinsvorgänge, soweit sie in den Spiegel unserer Aufmerksamkeit fallen.
Dieses Beobachten gilt als „rein“, weil sich der Beobachtende dem Objekt gegenüber rein aufnehmend verhält, ohne mit dem Gefühl, dem Willen oder Denken bewertend Stellung zu nehmen und ohne durch Handeln auf das Objekt einzuwirken. Es sind die „reinen Tatsachen“, die hier zu Wort kommen sollen“ (Nyanaponika, erschienen im Jahr 2000, S. 26).

Aufmerksamkeit lenken

Jeder Mensch hat die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit bewusst und mit Absicht zu lenken. Worauf du deine Aufmerksamkeit richtest, bestimmt, wie du dich selbst und die Welt erlebst. Oft passiert diese Aufmerksamkeit nicht bewusst, sondern mehr oder weniger automatisch.

Wo beginnen? Nun, der erste Baustein ist die bewusste, klare Aufmerksamkeit für die aktuelle, gegenwärtige Innen- und Aussenwelt. Im Prinzip funktioniert das wie ein Spiegel. Ein Spiegel reflektiert alles was sich ihm zeigt – und der Spiegel hat keine Vorlieben oder Abneigungen gegenüber dem, was er spiegelt.

Um den Geist zu beruhigen, um sich für den gegenwärtigen Moment zu öffnen und Zugang zur Achtsamkeit zu bekommen, hilft es, sich auf ein konkretes Objekt zu konzentrieren (eine Kerze, eine Rose, ein Feuer, den Atem etc.). Achtsamkeit bedeutet Offenheit für die bewusste Wahrnehmung der gegenwärtigen Erfahrung.

„Achtsamkeit bedeutet auch, sich aus einer übergeordneten Perspektive der Aufmerksamkeit selbst bewusst zu sein. In Achtsamkeit ist man sich dessen gewahr, worauf der Fokus der Aufmerksamkeit von Moment zu Moment gerichtet ist. Oder man bemerkt, dass man in einem Augenblick nicht gegenwärtig, nicht präsent, nicht achtsam ist. Je früher dies geschieht, umso schneller kann das Gewahrsein für den augenblicklichen Moment wieder hergestellt werden. Je kontinuierlicher und stabiler Achtsamkeit wird, desto seltener verliert man sich in der Vergangenheit oder Zukunft“ (Weiss, Halko).

Gegenwart

Oft sind wir am Zeitreisen. Wir bewegen uns gedanklich (als Erinnerung) in der Vergangenheit oder fantasieren über die Zukunft. Dabei spielt sich das Leben tatsächlich nur in der Gegenwart ab. Du kannst nur den gegenwärtigen Augenblick erleben. Sich diesem Bewusstsein in der Gegenwart mit voller Aufmerksamkeit zu öffnen, ist der zweite Baustein der Achtsamkeit.

Akzeptanz

Wir sind es seit unserer Kindheit gewohnt, dass wir beurteilt, kritisiert, gelobt, geliebt, verachtet oder getadelt etc. werden. Automatisch be- und verurteilen wir uns selbst und andere. Bestimmte Eigenschaften, Gefühle und Ereignisse ziehen wir anderen vor. Oftmals scheint das besser, was gerade nicht ist – und schon sind wir wieder beim Zeitreisen.

Weiss, Halko über den dritten Baustein:

„Um sich dem gegenwärtigen Erleben wirklich voll und ganz zuwenden zu können, ist es allerdings notwendig, speziell auch unangenehme Erfahrungen nicht zu vermeiden. Das ist dann möglich, wenn wir diese nicht ablehnen oder bewerten. Erleben kann sich dann entfalten, wenn wir freundlich darauf blicken und nicht versuchen, es zu verändern. Jede urteilende und kritische Betrachtung von soeben Vergangenem oder unmittelbar Bevorstehendem verhindert Offenheit für die Gegenwart. Jedes Grübeln über vergangene oder zukünftige Fehler verhindert den Kontakt mit dem lebendigen Jetzt. Jede Bevorzugung einer Sache gegenüber einer anderen verstellt uns die Sicht auf die ganze Wirklichkeit.“

Beobachter

Dein innerer Beobachter ist kaum fassbar, kein Männchen irgendwo in deinem Hirn, kein Affe auf deiner Schulter. Aber du kannst dich beim Denken beobachten. Und wer ist der, der beobachtet? Es ist ein Bewusstseinszustand. Ganz bewusst das jeweilige Objekt der Beobachtung von jener Instanz trennen, die beobachtet und somit das Beobachtete und den Beobachter auseinanderhalten. Auf die Frage, wer nun eigentlich beobachtet und wer oder was beobachtet wird, antwortete S.N. Goenka:

„Keine verstandesmäßige Antwort wird Sie zufrieden stellen können. Sie müssen das selbst untersuchen: Was ist dieses „ich“, das all dies tut? Wer ist dieses „ich“? Fahren Sie fort, zu forschen und zu analysieren. Geben Sie acht, ob irgendein „ich“ erscheint; wenn ja, beobachten Sie es. Wenn nichts auftaucht, [28] dann akzeptieren Sie es: Oh, dieses „ich“ ist eine Täuschung, eine Illusion!“ (Hart, 2008, S. 139).

Der Denker wird vom Gedanken, der Fühlende vom Gefühl und der Erfahrende von der Erfahrung gelöst. Damit muss den Gedanken dann nicht mehr unbedingt geglaubt werden. Du bist nicht deine Gedanken. Achtsamer Umgang mit Emotionen bedeutet, sich nicht von ihnen fortreissen zu lassen, sich nicht mit ihnen zu identifizieren, nicht in sie hineingesogen zu werden, sondern einfach zu beobachten, wie sie kommen und wieder gehen. Zum Beispiel, wenn du dich ärgerst, denke nicht, „Ich bin ärgerlich“, sondern lieber: „Ah, so fühlt sich Ärger in mir an.“

Achtsamkeit bedeutet, die Gedanken und Gefühle wie Gäste willkommen zu heissen, sie kommen, aber auch wieder gehen lassen.

Rumi

Fokus

Unsere Erfahrungen gestalten wir durch die Auswahl dessen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Unsere Erfahrungen haben auch Einwirkung auf das, was in unserem Hirn physisch passiert. Ständig bilden sich neue Verknüpfungen (Synapsen) und ihre Stärke kann zunehmen oder sich verringern. Wir konstruieren unsere Welt und unsere Beziehungen. Wir bestimmen, in welche Richtung unsere Energien fliessen. „Energie folgt der Aufmerksamkeit“, sagen die Kahunas, die hawaianischen Schamanen.

Den Körper bewusst wahrzunehmen ist für viele Menschen ungewohnt, ausser wenn er schmerzt oder nicht funktioniert. Körperwahrnehmung ist jedoch ein hervorragender Weg zu Gegenwärtigkeit, zu Präsenz. Die Beobachtung des Atems hat sich dabei über zweieinhalb Jahrtausende als Ausgangspunkt bewährt. Den Körper bewusst in das Feld der Aufmerksamkeit mit einzuschließen, erhöht die Empfindung der Fülle des Lebens.

Fazit

Heute wollte ich in dir den Appetit für mehr Achtsamkeit wecken. Natürlich hilft dir das Lesen darüber nicht wirklich viel. Achtsamkeit will trainiert und geübt werden – ist aber lernbar. Das meiste, was du bisher gelesen hast, ist aus „DAS ACHTSAMKEITS-BUCH“, das ich als sehr lesenswert betrachte. Jon Kabat Zinn, der als Vater der „Mindfulness“ Bewegung gilt, erklärte in der SRF Sternstunde Philosophie sein Verständnis um die Achtsamkeit mit sich selbst (deutsch synchronisiert). Auf Youtube findest du seine neun Attitüden (engl.) und hier einen früheren Artikel zum Thema der neun Attitüden.

Kabat Zinn entwickelte in den späten 1970er die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR). Es ist ein achtwöchiges Programm mit Übungen zur achtsamen Körperwahrnehmung.

Auf „Palause Mindfulness“ kannst du ein Online MBSR Training (engl.) über acht Wochen kostenlos absolvieren.

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