Zuhören – ein Tipp

Reden ist Silber – Zuhören ist Gold. Ein Erwachsener schafft pro Minute rund 125 Worte zu sprechen. In derselben Zeit kann er 400 Wörtern zuhören (Carver, Johnson & Friedman). Lesen bildet und gefährdet die Dummheit. Was den meisten nicht bewusst ist, 85% dessen, was wir wissen, haben wir durch Zuhören gelernt. Übrigens, mit dem rechten Ohr hören wir besser – auf das, worum uns ein anderer bittet, sagen Luca Tommasi und Daniele Marzoli von der Universität in Chieti-Pescara (Italien). Tübinger Wissenschaftler fanden zudem heraus, dass Männer besser hören als Frauen. Dies hat evolutionäre Gründe: Früher, als wir Männer direkt für die Nahrung zuständig waren, war es wichtig, die Beutetiere zu hören, um erfolgreicher in die Höhle zurückzukehren – im 21ten Jahrhundert hilft „zuhören“, um erfolgreicher nach Hause zu kommen.

Wenn man sich mit Zuhören beschäftigt, dann stellt man fest, dass die anderen oft nicht richtig zuhören. „Mit Intention zuhören“ ergibt sich meist in Diskussionen und jeder mag etwas anderes darunter verstehen. Die meisten hören mit der Intention `etwas zu tun‘ zu – oft, um sich zu verteidigen oder um ein Problem zu lösen. Fast jeder hört mit der Intention zu, auf jeden Fall bereit zu sein, etwas Kluges von sich zu geben, wenn der andere Luft holt.

Wir alle können dieses Phänomen beobachten, wenn wir darauf achten: Zwei Menschen unterhalten sich, es scheint, als ob sie einen Dialog hätten, aber in der Realität hören wir zwei Monologe aneinander vorbei gesprochen: „Die italienische Küche ist die Beste.“ Antwort: „Ich bevorzuge die bodenständige, bayerische Schweinshaxe mit Speckkrautsalat.“

Sollten sich in einem Dialog nicht ab und zu Pausen befinden, wo man darüber nachdenkt, was man warum sagen will und vor allem darüber nachdenkt, was der andere gesagt und/oder gemeint hat? Zum Beispiel, „… und warum ist die italienische Küche für dich die die Beste?“

Es ist unsere PR-Abteilung im Hirn, die so gerne das Ruder in die Hand nimmt. Selten hören wir: „Das ist ein gutes Argument; lass‘ mich einen Moment darüber nachdenken.“ Und wenn in einem Dialog eine Denkpause eingelegt wird, dann fühlen wir uns in dieser Stille auch noch sogleich unwohl.

Kommunikationsstärke wird von jedem erwartet – er oder sie soll präsentieren, argumentieren, überzeugen können – und das alles mit mitreissender Eloquenz und geschliffener Rhetorik. Das ist alles recht und gut und wichtig. Und doch, wie der Harvard Professor William Ury nachgewiesen hat, erzielen Menschen, die ihrem Gegenüber gut zuhören, bessere Verhandlungsergebnisse als jene, die vor allem ihre eigenen Argumente und Ideen vorbringen. Mir ist kein Beispiel bekannt, dass sich jemand um Kopf und Kragen zugehört hätte. Was das Reden anbelangt, aber sehr wohl. Ich könnte Ihnen einige Beispiele aus meinem Leben erzählen, wo ich einfach zu viel, zu unüberlegt und ohne zugehört zu haben, gequasselt habe.

Natürlich, wenn das Gegenüber harte Argumente bringt, „Ich hasse Dein Verhallten“ oder „Warum bist Du so egoistisch?“, dann können wir kaum warten, uns zu verteidigen, wie vor Gericht, versuchen wir das Plädoyer so aufzufahren, dass die Geschworenen auf unserer Seite sind, anstatt zu hören, was der andere sagt.

Vielleicht möchten Sie etwas anderes ausprobieren:

Hören Sie mit der Intention zuzustimmen zu. Genau, bevor Sie eine Erklärung oder Verteidigung zum Besten geben, stellen Sie sich vor, dass das, was die andere Person sagt, wahr ist. Das ist starker Tobak – aber es ist sicherlich der schnellste Weg, um neue Ideen zu entwickeln. Das ist Zuhören par excellence. Um im Rahmen dieses Artikels mehr Klarheit zu verschaffen, teile ich die Welt in zwei Kategorien ein: Soziopathen, die ohne Skrupel lügen und nichts anderes als ihre selbstsüchtigen, narzisstischen Ziele im Kopf haben (Bsp: Donald Trump) und alle anderen. Wenn Sie es mit einem Soziopathen zu tun haben, dann ruhig das verbale Messer heraus, jegliche Kommunikation ist eh sinnlos – aber wenn Sie entschieden haben, dass weder Ihr Ehepartner, Freund, Arbeitskollege oder Klient ein Soziopath ist, dann hier der Gedanke, der fast jeden Konflikt und jeder Auseinandersetzung den Wind aus dem Segel nimmt:

Die Person, der Sie zuhören hat Recht. Immer. Ihre Frau, Ihr Mann, der Angestellte und die Kunden. Die haben immer Recht.

Das trifft nicht unbedingt zu 100% zu. Aber selbst, wenn sie (Frau, Freundin, Partnerin, Kollegin etc.) hysterisch ist, in kaum verständlicher Weise artikuliert oder wenn er (Mann, Freund, Partner, Kollege usw.) hysterisch ist, anklagt mit Sachlagen, die nachweislich falsch sind, ein Faktum dabei könnte sein: Da ist eine Wahrheit versteckt – in dem, was gesagt wurde – und anstatt zu verteidigen, gilt es, sich selbst herauszufordern, die tiefer liegende und versteckte Wahrheit zu ergründen und zu finden. Das führt zu Tiefgang mit sich selbst. In manchen Fällen mag es sich anfühlen, als ob Sie gezwungen wären zu glauben, dass Schwarz eigentlich Weiss und der Himmel grün sei.

Hier nun ein einfacher Trick, der sofort umgesetzt werden kann, funktioniert besonders gut in Team-Meetings. Wer immer schon mal eine Ausbildung in Improvisation mitgemacht hat, kennt die Variante „Ja, und…“.Es ist einfach, niemand darf „Nein“ sagen. Was immer vorher gesagt wurde, jeder Improvisation-Theater-Teilnehmer hat dies zu akzeptieren und darauf aufzubauen. Dieser Kommunikations-Stil zahlt sogar steuerfreie Dividenden. Anstatt Blockaden aufzubauen oder in die Sackgasse zu führen, entsteht eine Gruppendiskussion, die aufeinander aufbaut und kreativer ist als: „Das glaube ich nicht“, oder „Wie kannst Du das behaupten“ oder dem einfachen „Nein!“. Das sind Kommunikations-Sperren und lassen das Gegenüber wie einen krepierten Ballon zu Boden fallen. Den Ballon mit dem Brieföffner implodieren zu lassen ist der sicherste Weg, um den anderen zu entmutigen und davon abzuhalten, uns mitzuteilen, wie er sich denn wirklich fühlt und was er denn nun tatsächlich denkt. Also lieber: „Ja, und…“

„Es ist, was es ist.“

Erich Fried

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