Effizienz entsteht,
Das hier ist Teil 7 von 8 meiner kleinen Serie „selbstbestimmt leben“.
Heute geht es um etwas, das wir gerne bei anderen erkennen und auch zum Teil verurteilen und bei uns selbst tendenziell grosszügig übersehen und verdrängen:
unsere Schattenseiten.
Also die Dinge, die wir an uns nicht besonders mögen.
Ungeduld. Neid. Kontrolle. Rückzug. Rechthaberei. Trotz. Bedürftigkeit. Wut. Härte. Feigheit. Überheblichkeit.
Kurz gesagt: die inneren Abteilungen, die wir ungern ins Familienfoto stellen.
Dein Schatten ist nicht dein Feind
Viele Menschen glauben, selbstbestimmt zu leben bedeute, irgendwann nur noch klar, freundlich, gelassen und innerlich aufgeräumt zu sein.
Das ist zwar ein schöner Gedanke, aber etwa so realistisch wie eine Besteckschublade, in der nie ein Korkenzieher querliegt.
Selbstbestimmung bedeutet nicht, keine Schattenseiten mehr zu haben, sondern sie zu kennen und mit ihnen bewusst umzugehen.
Denn was du nicht kennst, führt dich oft im Verborgenen.
Wenn du deine Wut nicht wahrhaben willst, kommt sie vielleicht als spitzer Satz heraus und unnötige Konflikte entstehen.
Wenn du deinen Neid nicht anschauen willst, nennst du ihn vielleicht „berechtigte Kritik“ und verlierst an Offenheit gegenüber anderen Menschen.
Wenn du deine Verletzlichkeit ablehnst, fühlst du dich vielleicht besonders stark und wunderst dich gleichzeitig, warum Nähe so anstrengend ist oder sogar unmöglich wird.
Schatten verschwinden nicht, weil man das Licht ausmacht.
Sie stehen dann nur ungünstiger herum und werden oft zu Stolpersteinen.
In jedem Schatten steckt eine Information
Das Entscheidende ist nicht:
„Wie werde ich diese Seite in mir los?“
Sondern:
„Was will mir diese Seite aufzeigen?“
In Neid steckt oft ein ungelebter Wunsch.
In Wut steckt oft eine nicht eingehaltene Grenze.
In Kontrolle steckt oft ein Bedürfnis nach Sicherheit.
In Rückzug steckt oft Selbstschutz.
In Rechthaberei steckt oftder Wunsch, anerkannt und ernst genommen zu werden.
Das entschuldigt nicht jedes Verhalten, aber es erklärt, warum reines Bekämpfen oder Negieren selten hilft.
Wenn du einen inneren Anteil beschimpfst, ihn verurteilst, wird er nicht klüger, sondern lauter, weil du dich innerlich auf ihn fokussierst.
Mini-Übung: Schatten übersetzen
Nimm eine Seite an dir, die du nicht magst.
Zum Beispiel:
„Ich werde schnell ungeduldig.“
„Ich ziehe mich zurück.“
„Ich will recht haben.“
„Ich bin neidisch.“
„Ich kontrolliere zu viel.“
Dann beantworte drei Fragen:
- Wann zeigt sich diese Seite besonders?
Bei welchen Menschen, Themen oder Situationen? - Was will sie vermutlich in dir schützen?
Ruhe? Würde? Sicherheit? Anerkennung? Nähe? Freiheit? Autonomie? - Welche gesunde Kraft steckt darin?
Aus Ungeduld kann Achtsamkeit werden.
Aus Neid kann Vision oder Wunsch werden.
Aus Kontrolle kann Struktur werden.
Aus Rückzug kann Selbstfürsorge werden.
Aus Wut kann Selbstachtung werden.
Der Kernsatz
Du willst deine Schattenseiten nicht lieben, als wären sie ein besonders flauschiges Haustier.
Aber du kannst lernen, sie nicht mehr sofort zu verurteilen und damit dein Selbstwertgefühl zu mindern.
Selbstbestimmt leben heisst nicht, nur mit den hellen Seiten von dir unterwegs zu sein.
Es bedeutet, auch die unbequemen Seiten zu kennen und sie nicht ans Steuer zu lassen, ohne vorher zu fragen:
Wofür bist du da?
Was willst du schützen?
Und wie kann ich das erwachsen lösen?
Reflexionsfrage
Welche Seite an dir verurteilst du am stärksten?
Und welche Kraft könnte darin stecken, wenn du genauer hinschaust?
Mit Klarheit
Harry
PS: Schattenarbeit heisst nicht, im Dunkeln zu wohnen. Es bedeutet, nicht mehr so zu tun, als gäbe es in dir keine Ecken und Kanten.
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