Leerlauf

Bild: Manuel Meurisse – unsplash

Was ist eigentlich Bewusstsein? Was ist der Unterschied zwischen Achtsamkeit (Gewahrsein) und Bewusstsein? Erkennbar sind spontan zwei gedankliche Definitionen: Zum einen sagen wir, „sie oder er strotzt vor Selbstbewusstsein“ und zum anderen können wir uns Gedanken machen, wenn wir Selbstbewusstsein unter dem Aspekt „sich selbst bewusst zu sein“ betrachten.

Aufmerksamkeit ist vielleicht unsere kostbarste Ressource und sie ist limitiert. Die tägliche Arbeit und unser soziales Umfeld beissen mit offenem Maul in dieses Betriebsmittel und holen sich ihren Anteil. Wo bleibt dann die Achtsamkeit für einen selbst?

Jonathan Schooler, dessen Forschungsschwerpunkt die Natur des Bewusstseins ist, benennt sich selbst bewusst sein das „metakognitive Bewusstsein“, kurz Meta-Bewusstsein. In seinen Schriften findest du auch den Begriff der Meta-Achtsamkeit. Dabei unterscheidet er wie folgt:

Bei Achtsamkeit dreht es sich darum, präsent und im Moment zu sein. Nicht auf Zeitreise in die Vergangenheit oder Zukunft zu gehen. Beim Meta-Bewusstsein hingegen, geht es mehr um eine Bestandsaufnahme dessen, was man gerade im Moment erlebt und fühlt: Über seinen eigenen Zustand – wie geht es mir gerade? – im Jetzt zu reflektieren.

Meta-Bewusstsein ist gut für das managen der eigenen Emotionen, denn nur wenn ich mir meiner Emotion im Moment bewusst bin, kann ich sie, so fern ich will, beeinflussen. Früher dachten die Menschen, dass die Leber der Sitz der Emotionen und Gefühlen sei. Ist dir eine „Laus über die Leber gelaufen?“ und du bist dir deiner Stimmungslage nicht bewusst, merkst gar nicht, dass du gereizt bist und es auslebst, dann kann es sein, dass du andere beeinträchtigst. Eventuell schiesst der andere entsprechend zurück und Dinge werden gesagt, die lieber ungesagt geblieben wären. Das kennst du.

Losgelöst davon, dass, wenn du gereizt bist, das alleine in deinem Hirn entstanden ist, es in deiner Freiheit liegt, wie du damit umgehst, ist es so, dass der Auslöser für deine Gereiztheit immer in der Vergangenheit liegt, also vorbei ist – und du trägst vielleicht einen Rucksack mit dir, den du gar nicht brauchst, der aber trotzdem schwer ist und dich unbewusst beeinflusst. Mit Meta-Bewusstsein kannst du den Rucksack in den Bach schmeissen, verbrennen oder ins Niemandsland schicken. Manche überreichen seinen/ihren Rucksack subtil dem Lebenspartner durch eine Gefühlsäusserung, die keine ist; sich zwar so anhört, aber einen versteckten Befehl ausdrückt: „Ich fühle mich vernachlässigt“ bedeutet doch: „Kümmere dich um mich!“

Das Meta-Bewusstsein nennt David Rock in seinem Buch (Brain at Work: Intelligenter arbeiten, mehr erreichen), einen „starken Regisseur im Hirn“ zu haben, der bestimmt, wer im Moment des Geschehens auf der Bühne (=präfrontaler Kortex) anwesend sein darf. Gerade in kritischen Situationen ist unser Hirn oft blockiert, gehemmt, überlastet. Mit einem gut ausgeprägten Meta-Bewusstsein fällt es uns leichter, unser Potential abzurufen.

Eine Möglichkeit, den metakognitiven Bewusstseins-Muskel zu stärken, ist die Meditation. Wenn du regelmässig meditierst, dann erkennst du besser, wenn deine Gedanken wandern und sich auf Zeitreise begeben. Du kannst dich auch einfach, mehrmals am Tag fragen: „Was fühle ich im Moment, wie, wo und warum?“. Aber auch hier gilt, kaum etwas ist nur Schwarz-Weiss, die wahre Kunst liegt in den Grautönen dazwischen, denn dein Gehirn braucht Auszeiten.

Warum dein Gehirn Leerlaufzeiten braucht

Für manche Menschen sind die Minuten unter der Dusche oder vor dem Einschlafen die einzigen Momente, wo die Gedanken ganz entspannt herumwandern können. Das ist doch gut so, magst du denken: Warum Zeit mit Nichtstun verschwenden, wenn du etwas Produktives oder etwas für deinen Spass tun kannst?

Weil das Leben ein andauerndes Lernen ist, ausser, du willst dich nicht weiterentwickeln. „Die neurowissenschaftliche Forschung im Hinblick auf das Lernen ist sehr klar“, sagt Loren Frank, Professor am Center for Integrative Neuroscience an der University of California, San Francisco. „Um etwas gut aufzunehmen, um zu lernen, muss man eine Weile studieren und trainieren und dann eine Pause machen.“

Frank sagt: „Das Gehirn braucht freie Zeit, um neue Information zu verarbeiten und um etwas Dauerhaftes aus der Information zu machen.“

Wie viel freie Zeit? Da gibt es keine feste Regel. „Wir wissen, das Gehirn ist recht schnell und die Lernforschung schlägt vor, dass nur ein paar Minuten – fünf bis 15 – genug sind, das Lernen zu unterstützen“, sagt er. „Die Zeitmenge, die der einzelne braucht, um dauerhafte Erinnerungen (Lernergebnisse) abrufen zu können, variiert von einer Person zur anderen und hängt von der Komplexität des Lerninhalts ab“, fügt er hinzu.

Experten sind der Meinung, dass Leerlaufzeiten helfen, mentale Prozesse zu verarbeiten, die über das Abspeichern und Wiederherholen von Information hinausgehen. Manche Korrelationen, die uns Verständnis geben, die uns verstehen lassen, was passiert und wie es mit uns und unserer Identität zusammenhängt, wie sie die Geschichte bilden – sind Prozesse, die oft nur dann passieren, wenn man nicht auf eine Aktivität fokussiert ist.

Wenn das Gehirn permanent mit neuartigen Reizen oder Information bombardiert wird, fällt es schwer, über Vision, Zielstrebigkeit, über Sinn und Bedeutung zu reflektieren. In diesen andauernden Forderungen der Stimulations-Schleife kann ein Gefühl der Ohnmacht entstehen. Man verliert die Kontrolle um dessen, was einem wichtig ist.

„Mentale Leerlaufzeit erleichtert den Zugang zur Kreativität und zu Problemlösungen und fördert unsere Produktivität“, meint Jonathan Schooler. In den Leerlaufzeiten werden vermeintliche Sackgassen überwunden, es entstehen Aha-Momente.

Er erwähnt als Beispiel die dir bekannte Situation: Da liegt dir ein Name oder ein Begriff auf der Zunge, aber egal – wie angestrengt du versuchst, dich zu erinnern – es fällt dir nicht ein. Und sobald du dich mit etwas anderem beschäftigst, zum Beispiel an einen Espresso (so mache ich das) denkst, fällt es dir plötzlich ein.

Da läuft das eine oder andere unbewusst ab. Geben wir dem Hirn keine „freie“ Zeit, ersticken wir vielleicht die Fähigkeit, dass unser Freund auf der anderen Seite, unser Unbewusstes, die Dinge verarbeiten kann. Sicher hast auch du schon gute Ideen entwickelt, während du unter der Dusche deinen Heldenkörper wohlig eingeseift hast. Plötzlich war die Lösung ganz einfach – du hattest einen Aha-Effekt. „Eureka“ rief Archimedes (so sagt man) in der Badewanne.

Schooler ist zudem der Meinung, auf die gleiche Weise, wie wir Schlafdefizit erleben, erleben wir Gedankliches-Leerlauf-Defizit und das kann zu Stress und sich überfordert fühlen führen.

Viele Menschen finden es schwierig und stressig, absolut nichts „Produktives“ zu tun. Aber vielleicht, ist es gerade diese produktive Nichtstun jenes, das unsere Produktivität fördert. Der Spaziergang an einem ruhigen Ort, die Geschirrspülmaschine ausräumen oder Bügeln (oh nein) sind Aktivitäten, die zwar Hände und Körper beschäftigen, aber nicht viel vom Hirn abfordern. Der Geist kann wandern und neue Felder erschliessen.

Damit sind nicht die wiederkehrenden, negativen Spiralen in unseren internen Dialogen gemeint, die uns das Leben so schwer machen oder uns ruhelos im Bett wälzen lassen. Wiederkäuen von Problemen bringt uns nicht weiter. Es geht mehr um die Balance, sich mit Aufgaben und Gedanken im Hier und Jetzt zu besetzen und gelegentlich die Seele (bewusst) baumeln zu lassen, einfach zu sein.

Da gibt es allerdings kein Universalrezept, für wie oft und wie lange Auszeit nötig ist, um diese Balance zu erreichen. Aber wenn dich das Gefühl, dauernd „bemerkenswerte Leistung“ bringen zu müssen, deine bevorzugte Quelle deiner Geistesanregung ist oder wenn es dir schwer fällt, dich von deinen Aktivitäten zu lösen, du immer aktiv bist – dann sind dies höchstwahrscheinlich Zeichen, dass es an der Zeit ist, deinem Gehirn öfter mal eine Auszeit anzubieten.

Dasitzen und Gedanken fliessen lassen im Nichtstun ist schwierig, wenn nicht trainiert – aber gut für deine Gesundheit und dein Wohlbefinden.

Klein anfangen – vielleicht 15 Minuten absichtslos spazieren gehen – das könnte deine Welt verändern.

Dein Meta-Bewusstsein kann dir helfen und mitteilen, wann es Zeit für den Leerlauf ist. Hören musst du es allerdings selbst.

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