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Wofür hat man einen Esel

Im Prinzip möchte man es doch allen recht machen. Das ist aber leider nicht möglich. Willst du es allen recht machen? Wenn ja, dann könnte es dir gehen (kennst du vielleicht schon), wie dem Vater mit seinem Sohn und dem Esel:

Ein Papa zog mit seinem Filius und einem Esel in der Mittagshitze durch die staubigen Gassen. Der Sohn führte und der Vater saß auf dem Esel:

„Der arme kleine Junge“, sagte ein vorbeigehender Mann. „Seine kurzen Beine versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man nur so faul auf dem Esel sitzen, wenn man sieht, dass das Kind sich müde läuft?”

Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen.

Es dauerte nicht lange, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit! Sitzt doch der kleine Bengel wie ein König auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies tat nun dem Jungen leid und er bat seinen Vater, sich mit ihm auf den Esel zu setzen.

„Ja, gibt es sowas?“, sagte eine alte Frau. „So eine Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch und der junge und der alte Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus. Der arme Esel!“

Vater und Sohn sahen sich an, stiegen beide vom Esel herunter und gingen neben dem Esel her. Dann begegnete ihnen ein Mann, der sich über sie lustig machte: „Wie kann man bloß so dumm sein? Wofür hat man einen Esel, wenn er einen nicht tragen kann?“

Der Vater gab dem Esel zu trinken und legte dann die Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Egal, was wir machen“, sagte er, „es gibt immer jemanden, der damit nicht einverstanden ist. Ab jetzt tun wir das, was wir für richtig halten!“ Der Sohn nickte zustimmend.

Hodscha Nasreddin (wahrscheinlich 13/14 Jahrhundert)

Nun, wir leben in der Welt und die Welt lebt von Meinungsverschiedenheiten. Liebe, Familienleben, Freundeskreis oder Arbeitswelt – wir sind uns um das meiste uneins. In meiner Welt sind Auseinandersetzungen mit anderen Meinungen und Vorstellungen so wichtig und notwendig wie das Salz in der Suppe.

Ganz wenige Menschen werden wütend, werden ärgerlich oder sind entsetzt über die verworrenen Gedanken der anderen. Sie fühlen sich deshalb hoffnungslos, quälen sich, spielen den Konflikt immer wieder im Kopf durch, machen sich Sorgen.

Die meisten von uns durchleben jedoch unsere Konflikte zivilisiert und mit Interesse für die Meinung des Gegenübers.

Weil wir folgendes wissen:

Meinungsverschiedenheiten sind normal

Stell dir vor, alle würden dasselbe glauben, den gleichen Geschmack und die gleichen Vorlieben haben. So wie zum Beispiel auf Webseiten von Unternehmen, wo wir ganze Belegschaften sehen, die alle in sich geschlossen und enthusiastisch in die Kamera lächeln.

Meinungsverschiedenheiten zeigen Unterschiede auf und sind damit die Mutter von Entwicklung und das Spiegelbild unserer Individualität und Vielfalt in der Welt. Dass dabei nicht alle nach deiner Pfeife tanzen, mag dir nicht gefallen, ist aber die Realität.

Auseinandersetzungen gehören zum Leben. Es stimmt schon, sich dem Konflikt wirklich zu stellen, kann ziemlich viel Zeit und Nerven kosten. Der Preis, es nicht zu tun, ist aber sehr hoch: im Dilemma mit sich selbst sein, gegen seine Intuition arbeiten, uneins mit sich selbst sein, um ein paar Beispiele zu nennen. Konflikte haben immer auch mit mir selbst zu tun und liefern idealerweise wertvolle Erkenntnisse.

Nicht jeder Konflikt lässt sich lösen. Manchmal geht es vor allem darum, mit den Eigenarten des Mitmenschen anders umzugehen und damit ein harmonischeres Zusammenleben zu ermöglichen. Beiderseits.

Ich denke, es ist die eigene innere Haltung, die zur Lösung eines Konflikts beiträgt. Mich hat dabei der wunderbare Marshall Rosenberg mit seiner Gewaltfreien Kommunikation (GfK) begeistert und überzeugt. Schwer, aber machbar. Die vier Schritte der GfK sind:

  • Beobachtung (ohne Gedanken)
  • Gefühl (ohne Wertung)
  • Bedürfnis (ohne Taktik)
  • Bitte (ohne Erwartung auf Erfüllung)

Ich glaube, dass wir alle an Konflikten wachsen und reifen können. Vor allem dann, wenn wir Konflikte als Erinnerungshinweise sehen, dass Neues und (für beide) Sinnstimmiges entstehen kann. Wenn wir es in der Kindheit nicht gelernt haben, damit umzugehen stehen wir vor der Aufgabe, es später nachzuholen. Du könntest zum Beispiel, falls es sich für dich wichtig und richtig anfühlt, an meinem Workshop am 4. Dezember 2021 teilenehmen: „Erfolgreich und wirkungsvoll kommunizieren“.

Was unser Hirn so alles kann

Afugrnud enier Sduite an enier Elingshcen Unvirestiät ist es eagl, in wlehcer Rienhnelfoge die Bcuhtsbaen in eniem Wrot sethen, das enizg wcihitge dbaei ist, dsas der estre und lzete Bcuhtsbae am rcihgiten Paltz snid. Der Rset knan ttolaer Bölsdinn sien, und du knasnt es torztedm onhe Porbelme lseen.

Wenn du mich fragen würdest, was ist denn die Aufgabe unseres Hirns, dann würde ich antworten, fest verdrahtet ist da etwas, was wir als „Recht haben“ beschreiben könnten.

Theoretisch wollen wir Konflikt, Streit und Meinungsverschiedenheiten vermeiden. Und dann gibt es noch einen Teil in uns: Anstatt uns angesichts von Streit unwohl zu fühlen, fühlen wir uns manchmal sogar sehr gut dabei.

Beispiel Politik: Man hat die Vorstellung, dass Personen, die politisch ganz anders denken als wir, schreckliche Menschen sind: sie irren sich nicht einfach nur, sondern sind auch egoistisch, kurzsichtig, dümmlich und gefährlich. Was immer man darüber denkt, welche Partei regieren sollte, wie Einwanderungspolitik beschaffen sein sollte, ob eine Impfpflicht Sinn macht oder wie mit dem Atomausstieg zu verfahren ist – es sind Themen, bei denen Menschen schnell beginnen, aufeinander herabzuschauen, das Gegenüber herunterzumachen und nicht ernst zu nehmen. Warum passiert das?

Erster Grund: weil wir viel Bestätigung aus der Auseinandersetzung mit unseren eigenen Überzeugungen ziehen. Es fühlt sich gut an, so im Recht zu sein – und wenn unser Gegenüber „dümmlich“ ist, sind wir schlau und wissen es besser.

Zweiter Grund: Die Auseinandersetzung bietet eine bequeme und überschaubare Projektionsfläche für ansonsten diffuse Enttäuschungen. Anstatt sich weitgehend unzufrieden mit dem Leben und sich selbst zu fühlen, gibt es jetzt eine Erklärung: diese schreckliche Person oder diese schrecklichen Menschen.

Lösungen:

Wenn also Meinungsverschiedenheiten normal sind, dann gilt es für mich, die unterschiedliche Meinung zu begutachten und vor allem von der Person zu trennen. Eine Meinung ist nur ein Teil des Gegenübers, das wird gerne in Talkshows, wo ab und zu unter der Gürtellinie argumentiert wird (Nunja = egoaufblasendes Showbusiness), vernachlässigt. Was jedoch in unserer Freiheit steckt, ist die Art und Weise, wie wir mit unterschiedlichen Auffassungen umgehen.

Und das, das ist eine Frage, wie wir mit anderen kommunizieren, wie wir versuchen zu überzeugen und dabei trotzdem das Gegenüber wertschätzen und in seiner Einzigartigkeit erkennen.

Recht haben und Selbstgerechtigkeit sind in ihren Auswirkungen zutiefst deprimierend. Es könnte bedeuten, dass man a) tatsächlich die Möglichkeit aufgibt, die Anschauung anderer zu ändern oder b) die eigene Meinung zu ändern. Oder aber: man weigert sich, c) zu lernen.

Um aus einer Position der Selbstgerechtigkeit herauszukommen, hilft ein ungewöhnliches Manöver: Wir dürfen uns daran erinnern, wie es war, als wir unsere gegenwärtige Überzeugung noch nicht hatten. Wir dürfen uns vorstellen, wie es wäre, mit sich selbst nicht einverstanden zu sein. Wir können uns in jemanden hineinversetzen, der das, was wir für “offensichtlich” halten, vielleicht in seiner Weise nicht als offensichtlich findet. Das kann unser Hirn auch.

Das Vergnügen, recht zu behalten, wäre unvollständig ohne das Vergnügen,
andere ins Unrecht zu setzen.

Voltaire (1694 – 1778)

 

Workshop „Erfolgreich und wirkungsvoll kommunizieren“, 4. Dezember 2021, von 09:00 bis 19:00 Uhr. Online. Hier zur Anmeldung.

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