Zwei Arten zu lesen…

Bild: eli francis – unsplash

…und die eine ist nutzlos…

Der Bube Bastian Balthasar Bux stiehlt das Buch im Antiquariat. Weil er Angst hat, dass er entdeckt wird, versteckt er sich auf dem Speicher seiner Schule. Dort fängt er an, das Buch zu lesen.

Das Buch erzählt die Geschichte der Kindlichen Kaiserin, die schwer krank ist. Sie schickt einen Jungen aus dem Grasland, um ein Heilmittel zu finden. Je länger Bastian liest, desto mehr wird er in die Geschichte hineingezogen. Auf unheimliche Weise breitet sich im Land Phantasien das Nichts immer weiter aus. Schuld daran ist die Krankheit der Kindlichen Kaiserin, die einen neuen Namen braucht, um wieder gesund zu werden.[1]

Bücher sind unser wichtigstes Kulturgut, Sie speichern das Wissen der Menschheit unabhängig von einem geeigneten Lesegerät. Wir können ohne Probleme in hundert Jahre alten Büchern lesen. Der vor 15 Jahren in irgendeinem Programm geschriebene Text auf der 5,25‘‘ (130 mm) Diskette….?

…da ist das Langzeit-Speichermedium Buch für uns und unsere Nachwelt was anderes. (…ich liebe das Internet!)

Homer, Shakespeare, Voltaire, Flaubert, Tolstoy, Woolf, Hemingway – wir können Sie nicht zum Plausch einladen, nicht mit ihnen sprechen, sie nicht berühren – sie uns schon – mit ihren Gedanken, unsterblich geworden durch das geschriebene Wort.

Die Logik Aristoteles, Keplers Astronomie, Newtons Physik, Darwins Biologie, Wittgensteins Philosophie – das sind Meme ohne lebende Schöpfer. Sie können ihre Gedanken nicht erläutern und doch, wir können darüber reflektieren.

Ohne Bücher wären wir nicht auf dem Mond gelandet. Jede Generation müsste vieles immer wieder von Grund auf lernen und könnte nicht in dem Luxus schwimmen, aus Erfahrungen anderer zu lernen. Selbst auf der individuellen Ebene lernen wir schneller aus der Weisheit der Vergangenheit. Bevor wir versuchen die Integralrechnung selbst zu erfinden, lernen wir sie doch deutlich schneller, wenn wir ein Buch zu Rate ziehen.

Lesen ist Freude. Es lässt uns wachsen, gefährdet die Dummheit, ist wie ein Leuchtturm für Inspiration und erweitert unseren Horizont.

Die meisten von uns haben das Lesen in der Schule gelernt – entweder, um den Stoff für die Klassenarbeit im Gedächtnis zu haben oder
zum Beispiel, um in der Erörterung zu einem bestimmten Thema Kritik zu üben – beides letztendlich, um richtig von falsch zu unterscheiden.

Das war ganz OK in der Schule, aber beim Lesen in der richtigen Welt bringen uns diese zwei Motivatoren nicht viel weiter. Ich kenne Menschen, die denken: Wenn ich mich sowieso nicht an den Inhalt erinnern kann, warum sollte ich dann überhaupt lesen? Und noch häufiger finde ich jene – im Internet an jeder Ecke im Überfluss – die alles immer nur unter dem Aspekt der Kritik sehen können. Sie sind so spezialisiert, dass sie immer etwas auszusetzen haben, auch bekannt als Gegenbeispielargumentierer. Sie lehnen alles ab, was nicht im Einklang mit ihren Glaubensbekenntnissen oder ihrer Realität ist, sind nur darauf konzentriert, jeglichen noch so kleinen Fehler zu finden und vernachlässigen dabei das Gesamtbild. Für sie gibt es nur Schwarz/Weiss und das führt zu zweidimensionalen Erfahrungen.

Die wahre Freude beim Lesen

Beim Lesen, ausser in wissenschaftlichen Kreisen, geht es nicht um die winzigen Details, sondern um die Perspektive – und wo liegt die? Wenn es nicht notwendig ist, sich an alles zu erinnern und der kritische Hut im Schrank bleibt – wo genau liegt dann der Wert des Lesens?

Um dies zu sezieren bietet es sich an, zu überlegen, warum wir lesen – und die Antwort ist relativ einfach: Wir lesen, um zu verstehen und um zu lernen.

Wir mögen eine moderne Novelle oder einen russischen Klassiker lesen. Ob es die Notizen eines römischen Kaisers, die neueste populär-wissenschaftliche Erklärung wer von welchem Planeten kommt oder eine Biographie ist, die wir in den Händen halten – wir bewegen uns in einer anderen Sphäre, einer anderen Realität und versuchen zu verstehen, was der Autor meint, denkt und empfand, als er seine Gedanken zu Papier brachte.

In diesem Fall braucht es nur einen Filter: Was ist für mich relevant und was nicht? Was spielt eine Rolle für mich und was nicht?

Wenn man jedoch nach richtig oder falsch filtert, dann limitiert man sein Feld der Aufmerksamkeit. Wer kann denn behaupten, dass man nichts aus einer falschen Lektion lernen kann?

Jedes Mal wenn ich ein mir wichtiges Buch erneut in die Hand nehme, finde ich neue Gedanken, die ich beim ersten Lesen überlesen habe. Meist findet sich in einem Buch mehr als nur ein Gedanke. Ich kann mich an einige Situationen erinnern, in denen ich arrogant mit Gedanken umging, weil ich glaubte, es besser zu wissen. Ich be- oder verurteilte angenommenes Wissen –egal ob richtig oder falsch – und musste im Nachhinein demütig erkennen, dass mit neuem Wissen und anderem Blickwinkel, der einzige, der hier daneben lag, ich war.

Die bessere Frage ist immer: „Was oder warum macht das Sinn?“ Selbst, wenn ich anderer Meinung bin, keinen Nutzen sehe oder es nicht glaube etc. – warum, warum nur, hat sich der Autor die Mühe gemacht, es zu veröffentlichen? Warum glaubt jemand dies?

Es geht beim Lesen nicht ums Erinnern und sicherlich nicht darum, zu kritisieren. Es geht darum, Dinge mit einem offenen Geist aufzunehmen – die richtige Sache zum richtigen Zeitpunkt, sodass man sich weiterentwickeln und die bestehenden Ansichten auf den neuesten Stand bringen kann, anstatt sie an das Model der eigenen Realität anzupassen.

Das Angenehme bei diesem Ansatz ist, dass gar kein bewusstes Filtern notwendig ist. Man kann entscheiden, dass man damit nicht übereinstimmt oder, dass es für einen selbst keinen Sinn macht. Damit filtert man automatisch.

Fazit

Lesen ist nicht nur ein reizvolles Hobby. Gutes Lesen ist es eine Tugend! Es lehrt nicht nur das Leben und was zu tun ist, sondern es lehrt auch, wie man sieht und fühlt.

Indem wir in die Gedankenwelt der grossen Dichter und Erzähler eintauchen, zieht sie uns in Bereiche der Wirklichkeit, die uns sonst unbekannt geblieben wären. Ein Buch kann unsere Augen öffnen, uns einen neuen, anderen Blickwinkel geben und wir können damit diese Welt mit anderen Augen sehen, wenn wir möchten.

Jedes Wort, jeder Satz, jeder Paragraph eines guten Buches hat das Potential, uns etwas Wichtiges mitzuteilen. Das bedeutet nicht, dass man nicht selektiv bei der Wahl der Lektüre sein sollte oder dass man ein Buch nicht weglegen kann – sondern es meint, um durch ein Buch bewegt zu werden, muss man bereit sein, sich bewegen zu lassen.

Mit offenen Armen und offenem Geist ein Buch geniessen, nach Wichtigkeit und Inhalt filtern, dann findet man Relevantes und Wissen und dann ist das Lesen Augen öffnend.

Oder wie es George R.R. Martin in A Dance with Dragons formuliert:

“Ein Leser lebt tausend Leben bevor er stirbt, sagte Jojen. Jener, der nie liest lebt nur eines.“

[1] Michael Ende, Die unendliche Geschichte

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