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Ein guter Rat …

… ist fast immer gut gemeint. Und, ungefragten Rat gibt es an jeder Ecke. „Wenn ich du wäre, dann würde ich …“ haben wir alle schon einmal gehört und, Hand aufs Herz, als Ratschlag auch schon selbst gegeben. Auch ungefragter Rat kann klug sein – gefällt dem Ratgeber allerdings meist besser als dem Empfänger.

… ist teuer. Das ist, so denke ich, nicht monetär gemeint, sondern hat mehr die Bedeutung kostbar, schwer erhältlich, wertvoll. „Rat“ war früher (laut redensarten-index.de) in alter Zeit alles, was vom Stammes- und Familienoberhaupt zum Unterhalt seiner Abhängigen zu besorgen war.

Daher leiten sich die heutigen Begriffe Hausrat, Gerät, Vorrat und Unrat ab. Hierher gehört auch “Heirat”, ein Wort, das ursprünglich “Hausbesorgung” bedeutete. Rat war weiterhin der Schutz, die Fürsorge, die Anweisung und Belehrung, die den Abhängigen gewährt wurde.

Um guten Rat geben zu können, war häufig eine Beratung notwendig, zu der sich die Beteiligten in Kreisform versammelten. In Begriffen wie Ratschlag (analog zu: einen Kreis / ein Rad schlagen) finden sich Spuren dieser Versammlungsform.

Alles so weit so gut – aber jede Scheibe, egal wie dünn man sie schneidet, hat zwei Seiten: Ein Ratgeber könnte sich auch als nicht fähig oder nicht willens zeigen, die Bedürfnisse, die Situation und die Kontexte seines Gegenübers zu bedenken; er hält die eigenen Ansichten und Erfahrungen für allgemein gültig. „Gesprächsnarzissmus“, so nennt der Psychologe Adam Grant dieses weitverbreitete egozentrische Kommunikationsverhalten.

Einen guten Rat gebe ich immer weiter. Das ist das einzige,
was man damit machen kann.

(Mark Twain und auch Oscar Wilde)

Um bei einer emotional vielleicht belastenden Entscheidung zu helfen, braucht es nicht nur gutes Urteilsvermögen, sondern Fingerspitzengefühl, emotionale Intelligenz, Geduld und Zurückhaltung. Ratschläge geben, so habe ich einmal im „Harvards Business Review“ gelesen, ist eine „subtile und komplizierte Kunst“.

Wie man guten Rat gibt

Ungebetener Rat, so gut er auch gemeint ist, wird oft als Einmischung und/oder Bevormundung empfunden. Er verletzt beim Empfänger (meist unbewusst) das uns allen so wichtige Bedürfnis, sich selbst als kompetent und autonom zu erleben.

Ist Rat erwünscht, dann taucht die Frage auf: „Welche Art von Rat ist erwünscht?“. Geht es darum, etwaige Optionen auszuloten, Alternativen zu finden, Entscheidungsprozesse zu begleiten oder braucht es nur emotionale Unterstützung, sprich Empathie, für die „schwierige“ Situation beim Gegenüber?

Salomons Paradox …

… bezeichnet das psychologische Phänomen, dass wenn Menschen wie König Salomon distanziert aus der Perspektive einer anderen Person an die eigenen Probleme herangehen, vernünftiger und einsichtiger agieren, d. h., sie sehen sich selbst aus einer psychologischen Distanz und bleiben dadurch ruhiger und gelassener.

Kross et al. (2014) haben in einer Studie herausgefunden, dass es auch bei Selbstgesprächen einen Unterschied macht, ob man die erste Person benutzt oder in der zweiten Person mit sich spricht. Man brachte Probanden in eine belastende Situation, in der sie eine Rede zum Thema „Warum ich für meinen Traumjob qualifiziert bin“ halten mussten, wobei sie zur Vorbereitung nur fünf Minuten Zeit hatten. Probanden, denen gesagt worden war, bei der Vorbereitung in der Du-Form mit sich zu sprechen und ihren eigenen Namen zu benutzen, hielten bessere Reden, waren selbstbewusster und verspürten weniger Angst als jene Probanden, denen man die Ich-Form empfohlen hatte.

Als Erklärung für diesen Unterschied wird Salomons Paradox herangezogen, denn wie König Salomon, begegnen viele Menschen den Problemen anderer mit größerer Vernunft und Einsicht als den eigenen, wodurch man auch in einer Belastungssituation wie einer Rede vor Experten gelassener bleibt. Bei einer solchen Selbstdistanzierung sprachen die Probanden ganz unterschiedlich mit sich selber, denn während die Gedanken der Ich-Gruppe um ihre Ängste und ihr potentielles Versagen kreisten, sprachen die Probanden der anderen Gruppe aufmunternder und konstruktiver mit sich, d. h., sie sprachen also mit sich selber eher so, wie man mit einem guten Freund oder einem anderen hilfesuchenden Menschen spricht. (Stangl, 2021).

Stangl, W. (2021). Stichwort: ‘Salomons Paradox – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik’. https://lexikon.stangl.eu/15849/salomons-paradox (2021-08-07)

Schon Kinder profitieren beim Problemlösen von einem Perspektivenwechsel: indem sie sich in verschiedenen Rollen betrachten, zum Beispiel als Freund oder Nachbarn. Auch Mentaltrainings arbeiten damit. Experimente in Kanada und den USA leiteten Versuchspersonen dazu an, in der dritten Person, anstatt in Ich-Form Tagebuch zu schreiben, um besser mit Konflikten umgehen zu lernen. Nach einem Monat urteilten sie bescheidener und versuchten eher, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren.

Der Schlüssel zu den Gefühlen

Wenn nun ein Freund kommt und um Rat fragt, was tun? Bo Feng, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der University of California in Davis, hat nach dem optimalen Vorgehen gesucht. Laut Fengs Studien in den USA und China sollten Freunde erst emotional unterstützen und dann das Problem erkunden. Unter diesen Bedingungen wurde Rat in beiden Ländern am besten bewertet.

„Es geht nicht nur darum, eine richtige Sache zu sagen“, stellten Wendy Samter und Erina MacGeorge fest, beide ebenfalls Professorinnen für Kommunikationsforschung. Vielmehr könne ein Ratgeber Trost spenden, Stress abbauen helfen, den Selbstwert fördern. Der Schlüssel: personenzentrierte Kommunikation.

Beispiele geben Samter und MacGeorge in einem Handbuch. Entscheidend sei das Ausmaß, in dem der Ratgeber die Sichtweise und damit verbundene Gefühle einer Person bestätigt. Auf dem niedrigsten Level ignoriert, kritisiert oder leugnet er sie, Beispiel: „Es ist dumm, sich deshalb so schlecht zu fühlen. Es ist doch wirklich nicht so eine große Sache.“ Auf dem mittleren Level erkennt er Perspektiven und Gefühle zumindest implizit an, etwa durch praktische Hilfsangebote: „Lass uns was trinken gehen, damit du auf andere Gedanken kommst.“ Und auf dem höchsten Level bekräftigt er sie explizit. „Es tut so weh, wenn man jemanden verliert.“

Bei einer solchen personenzentrierten Ansprache fühlt sich das Gegenüber unterstützt, wie eine Metaanalyse mit rund 4800 Versuchspersonen zeigte. Männer legten darauf zwar etwas weniger Wert als Frauen, aber auch sie bevorzugten es, wenn ihre Sicht und ihre Gefühle bestätigt wurden.

Personenzentrierte Kommunikation wirkt nicht nur über Worte, sondern auch über die Körpersprache. Im Rahmen eines Experiments ließen Susanne Jones und John Wirtz von der University of Minnesota mehr als 250 Probandinnen und Probanden von einem belastenden Ereignis berichten. Eine eingeweihte Person reagierte darauf teils mehr, teils weniger personenzentriert, sowohl verbal als auch nonverbal zum Beispiel über Blickkontakt, körperliche Nähe und Zuwendung. Je personenzentrierter die Kommunikation, desto mehr sprachen die Versuchspersonen über ihre Gefühle und Gedanken und desto stärker besserte sich ihr Befinden.

 Fazit

Zum Schluss könnte ich, wenn du erlaubst und mich darum fragen würdest, den einen oder anderen Rat zum Thema „Guten Rat geben“ anbieten:

Ich würde dich einladen, quasi deinen Auftrag abzuklären. Wie könntest du helfen? Einfach nur zuhören? Eventuell Ideen entwickeln? Optionen erörtern? Was würde dein Gegenüber unterstützen? Und genau diese Fragen kannst du direkt stellen. Dein Gegenüber wird dir mit dem antworten, was für ihn das „Richtige“ ist.

Dazu gehört selbstverständlich gutes Zuhören. Offene Fragen stellen. Unterbrechen ist eine Zuhörbarriere. Urteilen und bewerten lässt du außen vor. In jedem Problem versteckt sich eine Kompetenz, die es zu finden gilt.

Gefühle und Lösungsversuche wollen anerkannt werden. Man könnte auch fragen, wann und wie das Gegenüber in ähnlichen Situationen schon mal erfolgreiche Entscheidungen getroffen hat. Und solche Erfahrungen, also „Muster des Gelingens“ (Gunther Schmid), finden sich, vielleicht nicht gleich spontan aber beim Erörtern der Sachlage, früher oder später immer.

Unerwünschten Rat bitte aus deinem Repertoire ein für alle Mal streichen oder, wenn es deiner Meinung nach sein muss (wirklich?), zumindest um Erlaubnis fragen, bevor du loslegst – und das eventuelle „Nein“ voll und ganz akzeptieren. Die Sache mit dem Rat scheint auch nichts Neues zu sein:

Beim Rat geben sind wir alle weise, aber blind bei den eigenen Fehlern

Euripides (480 – 407 v. Chr.)

oder

Wie selbst ein Messer aus härtestem Stahl des Schleifsteins bedarf, so braucht auch der Klügste manchmal Rat.

Zarathustra (7.,6. Jh. v. Chr.)

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