Zunehmende Mondsichel

Nach 25 Jahren Ehe, letzten Monat hatten sie Silberhochzeit gefeiert, war es Mareike klar, dass Manuel Müslibrot nicht mögen wird. In weiser Voraussicht kauft sie nur ein halbes. Hätte die Verkäuferin Mareike statt des georderten Müslibrots Croissants[1] in die Tüte gepackt, hätte Mareike auf ihrer Bestellung bestanden. Zum Glück war das nicht nötig. Die Verkäuferin erfüllte Mareikes Erwartung, ohne dass es zu Kampfhandlungen kam.

Kampfhandlungen könnten allerdings ausbrechen, ginge Manuel davon aus, dass Mareike wissen müsste, dass er ausgerechnet heute ein Schokocroissant haben will.

So haben wir tagein und tagaus ständig Erwartungen. Erwartungen an das Leben, wie es sein sollte und wie sich die anderen verhalten sollten. Der andere soll doch so ticken wie ich.

Die hinterlistige Tücke der Erwartungen

Der Begriff «Erwartung» besteht aus zwei Teilen: der Vorsilbe «er-« und dem Verb «warten». Führt man sich vor Augen, was beide Teile bedeuten, gewinnt man Einblick ins Wesen einer problemträchtigen psychologischen Haltung: der Erwartung.

Er- «signalisiert» als Vorsilbe den Beginn eines Geschehens oder das Erfüllen eines Zwecks. Bei Verben, die mit «er-« beginnen, weist der auslautende Bestandteil auf das Mittel hin, durch das der Zweck erfüllt wird.

Das Mittel zum Zweck des Ergreifens ist der Griff. Erleuchtet wird er Raum durch die Leuchte.

Dementsprechend spricht das Wort «erwarten» davon, dass ein Ziel, nämlich die Verwirklichung des Erwarteten durch die Tätigkeit des Wartens erreicht werden soll. Von dem Zeitpunkt an, ab dem man etwas erwartet, braucht man zu dessen Verwirklichung nichts mehr zu tun.

Warten geht auf das Hauptwort «Warte» zurück. Eine Warte ist ein Ausguck, von dem aus man Ausschau hält.

Erwartungen sind psychologisch gesehen Einstellungen des Menschen, die sich auf mehr oder weniger klare Zielvorstellungen beziehen. Es ist eine vorstellungsmässige Vorwegnahme von Ereignissen, von bestimmten Denk- und Handlungszielen, die in der Zukunft liegen.

Erwartungen sind eine Art Schwebezustand, der das Verhalten und Erleben bestimmt. Erwartungen sind vorwegnehmende Reaktionen auf Handlungen, die erwartet, gewollt, gewünscht, erhofft oder vermutet werden. Ist ein Mensch ausgeglichen und zufrieden, offen und glücklich, selbstbestimmt lebend, sind seine Erwartungen geringer und die Erwartungsspannung auf ein Minimum reduziert.

Vermutung oder Anspruch

Erwartung kennt zwei Varianten: Eine Vermutung oder einen Anspruch.

Als Marius im Urlaub zu den Aleuten aufbrach, erwartete er pralle Sonne, Bikinimädchen und Beach-live. Als er beim Verlassen des Flughafens von einem Eisbären gebissen wurde, war er enttäuscht. Seine Erwartung basierte auf der Annahme, dass die Aleuten in der Südsee lägen. Hätte er nur im Erdkundeunterricht besser aufgepasst. Seine Erwartung war antizipatorisch. Man hält einen zukünftigen Ereignisverlauf für wahrscheinlich und nimmt an, dass er eintrifft.

Als Franz Josef zu seiner Vortragsreihe über gerichtsmedizinische Angrenzungen bei Eisbärbissverletzungen aus der Südsee Richtung Aleuten abreiste, erwartete er einen Blumenempfang. Nichts dergleichen geschah. Unglaublich, wie man auf den Aleuten mit geladenen Ehrengästen umgeht. Franz Josefs Erwartung war normativ. Man erwartet von Bezugspersonen oder anderen, dass sie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten – und besteht darauf, dass sie es tun.

Enttäuschung

Ob eine Erwartung eine Vermutung oder ein Anspruch war, zeigt sich, wenn die Erwartung enttäuscht wird.

Irrige Vermutungen werden meist ohne emotionalen Aufwand korrigiert – und führen, je nach Persönlichkeit, sogar zu Heiterkeit über die eigene Dummheit.

Der Anspruch, der nicht erfüllt wird oder der zurückgewiesen wird, führt gerne zum Gefühl der persönlichen Missachtung. Man zieht sich gekränkt zurück, macht Druck und hat ein schlechtes Gefühl.

Jede Erwartung ist das Fantasieren über ein Ereignis, Handeln, eine Reaktion oder ein Verhalten einer Person, Organisation oder Situation in der Zukunft, die häufiger als erwartet zum Scheitern verurteilt ist.

Wird eine Erwartung erfüllt, dann ist sie halt erfüllt – und man hat sich der Möglichkeit entledigt, positiv überrascht zu sein. Jegliche Erwartung hat also bestenfalls ein neutrales Ergebnis oder ungleich häufiger ein negatives zur Folge.

Riskante Erwartungen

Je persönlicher eine Beziehung wird, desto riskanter ist es, den anderen Erwartungen auszusetzen, hinter denen Ansprüche stehen. Nicht weil der andere zu schlecht wäre, als dass man von ihm etwas erwarten könnte. Das wird er in der Regel nicht sein. Ansprüchliche Erwartungen führen jedoch zu eigener Passivität; und sie vergiften Beziehungen.

Wer etwas erwartet, ist in einer Warteposition. Statt im eigenen Interesse zu handeln, erwartet er, dass andere etwas für ihn tun: sich nämlich so zu verhalten, wie es zu den unerfüllten Bedürfnissen des Wartenden passt. So macht er sich abhängig und wird Opfer. Abhängigkeit führt zum Gefühl der Ohnmacht und, falls das Erwartete ausbleibt, oftmals zu passiver Aggression.

Vom anderen (in einer Beziehung) etwas zu erwarten, führt zudem zu einem Grundkonflikt, oftmals ohne es bewusst zu erkennen. Warum? Weil man dem anderen eine bestimmte Rolle zuordnet. Jeder will jedoch selbstbestimmt sein (siehe Selbstbestimmungstheorie) und seine Autonomie leben. Damit führen Erwartungen zu Widerstand. Der andere fühlt sich durch die Erwartung in seiner Freiheit eingeschränkt. Dann wird entweder verweigert oder mit Unlust erfüllt – und bei passender Gelegenheit wird Revanche (lat: vidicare: rächen, strafen) gelebt.

Wer sich bei einem anderen Menschen revanchiert, rächt sich entweder an diesem oder erbringt eine Gegenleistung als Zeichen des Dankes. Eine Erwartung erfüllen, da erwartet, führt beim Empfänger nicht zu Dank.

In solchen Erwartungen an andere, mache ich mir die Welt so, wie ich sie gerne hätte. In der Erwartung mache ich mir die Welt ein bisschen sicherer und beruhige damit meine Verunsicherung und Angst. Das ist ein Vorgang, den die meisten Menschen kennen. Wir können durch Selbstkontrolle vorbeugen und Erwartungen an andere eliminieren.

Erlaubte Erwartungen

Erwartungen, die sich an die eigene Person richten. Hier spricht man von der Selbstwirksamkeitserwartung: Man erwartet von sich selbst, dass man mit den eigenen Kompetenzen bestimmte Handlungen erfolgreich ausführen kann. Dabei ist wichtig, zu erkennen, ob man gezielt Einfluss ausüben kann, um Dinge zu bewirken.

Vereinbarungen

Die meisten Erwartungen sind einseitige Gefühlsregungen. Wir erwarten etwas von anderen. Die bessere Alternative zu Erwartungen liegt in Vereinbarungen.

Vereinbarungen sind bilateral und wir nehmen die Verantwortung für unser Leben und unseren Geist mit Vereinbarungen wieder in die eigene Hand.

Vereinbarungen sind gegenseitige Übereinkommen zwischen den Parteien.

Vereinbarungen funktionieren, weil sie mit Respekt und nicht mit Zwang geschaffene Versprechen sind.

Falls notwendig, können Abweichungen vom «was, wenn, wo und wie» gemeinsam erörtert und neu «verhandelt» oder anders entschieden werden.

Wie? Indem wir unsere Achtsamkeit erhöhen und unseren Erwartungshorizont hinterfragen. Und: indem wir Vereinbarungen treffen.

Erwartungen erfüllen keinen Zweck. Es ist möglich, vollständig ohne Erwartungen zu leben und wenn doch Erwartungen ins Spiel kommen, dann ist es Zeit für eine Vereinbarung.

Wenn man keine Erwartungen an den Partner hat und er etwas Unerwartetes tut, dann ist das eine freudige Überraschung.

Das Verhalten des Partners, der Sarkasmus und die versteckten Andeutungen machen keinen Spass. Also, wenn ich mit ihm eine gute Zeit habe, vorschlage, eine Vereinbarung zu treffen, kann ich erleben, wie sich das Ganze entwickelt.

„Mit unseren Bekannten gehen wir freundlich um, unser Ton ist angepasst und wir brüllen nicht unsere Meinung heraus. Wollen wir nicht eine Vereinbarung treffen, dass wir mit uns genauso umgehen?“

In Partnerschaften ist der fehlende Dialog das Problem – meistens. Basiert der fehlende Dialog dann noch auf Erwartungshaltungen und Beurteilungen, dann ist dies nur gut für Scheidungsanwälte

Fazit

Erwartungen sind Zeitreisen in die Zukunft, machen keinen Sinn und engen uns ein. Lehne dich zurück und achte darauf, was spontan in deinem Bauch geschieht, wie du dich fühlst, wenn du den nächsten Satz siehst?

«Ich erwarte, dass du jeden Sonntag die SMSS liest!!»

… und wie oft erwarten wir etwas von anderen?

Die geringste Enttäuschungsquote im Leben findet sich immer dann, wenn «Vertragspartner» auf gleicher Augenhöhe eine Vereinbarung treffen. Ich schliesse mit zwei Zitaten. Welches gefällt dir besser?

Null Erwartungen, null Enttäuschungen.

(Romana Prinoth)

Das grösste Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen abhängt.

(Seneca)

[1] Französisch croissant = dtsch: zunehmende Mondsichel

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2 Kommentare zu „Zunehmende Mondsichel“

  1. Günther Müller

    Hallo Harry,
    vor ein paar Jahren habe ich eine sehr kompakte Beschreibung des Wortes „Erwartungen“ kennen gelernt, die mir sehr gut gefällt (und in Deinem Text als Kondensat auch herausgelesen werden kann): „Erwartungen sind vorgezogene Enttäuschungen“.
    Seither denke ich oft an diese Interpretation und erwarte mir weniger von meinen Mitmenschen – mit dem Effekt, dass ich viel seltener enttäuscht werde. Und wenn ich doch etwas von jemandem erwarte, dann sage ich das auch und warte nicht, bis es von allein passiert. Danke für Deine Gedanken – sie haben mich in meiner Einstellung bestätigt.
    Schöne Grüße aus dem Süden von Österreich.
    Günther Müller

    1. Harry Groenert

      Hallo Günther,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Liegt ja im Wort Enttäuschung auch der Teil „täuschen“. Wen nun, sich oder den anderen?
      Liebe Grüsse aus dem Norden der Schweiz
      Harry

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