Achtsamkeit | Happiness | Stress

Fühlst du dich auch ab und zu „bäh“?

Nicht depressiv, aber auch nicht gut drauf. Ein seltsamer Gemütszustand: Man ist nicht tief im Keller, aber es geht einem auch nicht wirklich gut. Man fühlt sich dazwischen, ohne wirklich zu realisieren, was mit einem los ist. Man fühlt sich zwar nicht richtig unwohl, aber auch nicht richtig top.

Für dieses Gefühl gibt es in der Psychologie einen Namen, nämlich „Languishing“, abgeleitet vom englischen Verb „to languish“, welches so viel wie schmachten, dahindümpeln oder erlahmen bedeutet. Einen deutschen Begriff für „Languishing“ gibt es meines Wissens noch nicht. Ich würde es wohl am besten als „Mattigkeit“ übersetzen.

Obwohl der Begriff im Englischen schon bald seit 20 Jahren im Modell vom „Doppelten Kontinuum der mentalen Gesundheit“ des amerikanischen Psychologen Corey Keyes bekannt ist, hat er gerade seit Mai 2021 Zugang in die Überschriften der US-Presse gefunden. Grund dafür ist ein Artikel von Adam Grant (dessen Buch „Think again“ hat mir sehr gut gefallen) in der New York Times:

„Zu Beginn ist mir gar nicht aufgefallen, dass wir alle dieselben Symptome haben. Freunde haben erwähnt, dass sie Mühe hätten, sich zu konzentrieren. Kollegen sagten, sie spürten trotz Aussicht auf die baldige Impfung keine wirkliche Freude und Hoffnung für die kommende Zeit. Und ich bin, statt um 6 Uhr aufzustehen, noch bis 7 Uhr liegen geblieben und habe ein Handygame gespielt.

Es handelt sich aber nicht um ein Burn-out – wir haben immer noch Energie. Es ist keine Depression – wir sind nicht komplett hoffnungslos. Wir fühlen uns nur irgendwie bedrückt und ohne Plan. Und jetzt stellt sich heraus, dass es dafür einen Namen gibt: Languishing.

Languishing ist eine Art Stagnation und Leere. Es fühlt sich an, als würde man sich irgendwie durch den Tag wursteln und durch eine beschlagene Scheibe schauen. Und es könnte das dominierende Gefühl des Jahres 2021 sein.“

Adam Grant © The New York Times

In Keyes Theorie geht es darum, dass wir nicht entweder seelisch gesund oder seelisch krank sind und uns entsprechend fühlen, sondern dass auch ein Zwischending beziehungsweise eine Kombination davon möglich ist. Man kann zum Beispiel objektive Anzeichen einer seelischen Krankheit haben, aber sich trotzdem gut fühlen – oder umgekehrt. Oder man fühlt sich weder gesund noch krank. Genau das ist Languishing.

„Psychologen finden, dass eine der besten Strategien für den Umgang mit Emotionen darin besteht, sie zu benennen. Im vergangenen Frühjahr, als die Angst vor der Pandemie besonders akut war, hat ein Artikel der „Harvard Business Review“ unser kollektives Unbehagen als Trauer beschrieben.

Wir trauerten um den Verlust geliebter Menschen, aber wir trauerten auch um den Verlust der Normalität. Auf einmal hatten wir einen vertrauten Begriff, der uns half, die ungewohnte Erfahrung zu verstehen und damit umzugehen.

Wir müssen noch viel darüber lernen, was das Languishing verursacht und wie man es heilt, aber es könnte ein erster Schritt sein, das Gefühl zu benennen. Statt auf die Frage „Wie geht es dir?“ wie üblich mit „Gut!“ zu antworten, könnten wir sagen: ‹Geht so. Du weißt schon, „Languishing“. Es ist an der Zeit, unser Verständnis von psychischer Gesundheit und Wohlbefinden zu überdenken. „Nicht depressiv“ bedeutet nicht, dass wir keine Probleme haben.“

Adam Grant © The New York Times

Meine Kundin war ein typisches Beispiel dafür. Die Frau (Mitte 40) fühlte sich lustlos, eingefahren, brauchte mehr Schlaf als sonst und fühlte sich motivationslos. Und sie ist nicht die Einzige, die sich zurzeit so fühlt und Mühe hat, damit umzugehen. Menschen kommen in mein Coaching, weil sie sich festgefahren fühlen und etwas verändern wollen. Und manchmal ist es nicht offensichtlich, was genau sie verändern wollen. Denn die Umwelt, die Umgebung, die Welt, die wir manchmal so gerne verändern möchten, sind jedoch gegeben – sind Phänomene und wie die Stoiker sagen würden: Versuche nicht das zu verändern, worüber du keine Kontrolle hast, verändere das, was du kontrollieren kannst – dich selbst.

Wissen was man will, …

… ist der erste und wichtigste Schritt, um sich seine Zukunft zu schaffen und damit eventuell den Bann der Trägheit zu brechen.

Wenn man im (echten) Leben nicht weiterkommt, ist es verlockend, sich für alles, was man nicht getan hat oder nicht tut, zu schelten, sich selbst abzuwerten. Das ist jedoch nur ein Teil von dir, das bist nicht du als „Ich“.

Zudem hat man vielleicht früher Verhaltensmuster entwickelt (unbewusst), sich um die Erwartungen der Eltern oder später anderer Bezugspersonen zu kümmern. Manchmal um die Liebe, Zuneigung und Anerkennung zu bekommen – mach es allen recht – uns so mag man auch heute noch agieren, ohne sich dessen bewusst zu sein.

… ist auch manchmal gar nicht so einfach herauszufinden. Durch den Hamsterrad-Trott könnte es sein, dass man das „Wünschen“ verlernt hat oder es einem schwerfällt, sich den Raum dafür zu schaffen. Viele Menschen wissen zwar, was sie sich materiell wünschen, wie zum Beispiel ein neues Auto, das Kleid von Gucci oder die Jeans von Levis, haben aber verlernt, in sich hineinzuhorchen, um die ganz persönlichen, nicht-materiellen Wünsche in sich zu entdecken. Manchmal braucht es auch ein bisschen Langeweile, um Kraft für Neues zu schöpfen. Drei Anregungen, um die Dinge wieder in Gang zu bekommen:

Die letzte Dekade

Drehe die Uhr um 10 Jahre zurück und notiere alles, was du gemacht und erreicht hast. In jedem Leben wird in einem Jahrzehnt eine Menge erreicht. Es ist hilfreich, darüber nachzudenken, denn erfahrungsgemäß ist mehr passiert, als man denkt.

Diese biographische Zeitreise könnte dich in die Stimmung bringen, die die Beantwortung der nächsten Frag erleichtert:

Was habe ich alles in den letzten 10 Jahren gelernt?

Die Länge dieser Liste überrascht die meisten Menschen. Vielleicht verschiedene Arbeitsplätze mit den unterschiedlichsten Anforderungen. Die Orte, an denen du gelebt hast. Die Beziehungen, die du hattest. Die Weiterbildungen, die du besucht hast. Die Bücher, die du gelesen hast. Die Menschen, die du getroffen hast.

Schreibe alle Fähigkeiten auf, die du gelernt und erlebt hast – auch mit anderen Menschen und besonders mit dir selbst. Und selbst wenn du dir nicht die Mühe machen willst, es aufzuschreiben (weil das ein bisschen anstrengend ist), halte inne und denke eine Weile darüber nach.

Selbst wenn sich deine Arbeit, deine Beziehung(en) und deine häusliche Situation nicht geändert haben, hast du bestimmt viel Neues gelernt.

Wann habe ich mich am besten gefühlt?

Reflektiere über beide Listen und frage dich, wann und wo und bei was du dich in deinem Leben am wohlsten und stimmigsten gefühlt hast. Dies ist keine Übung, um einer verlorenen Liebe oder einer Zeit und einem Ort nachzutrauern, die nie wiederkehren werden. Es geht auch nicht darum, die Uhr in Bezug auf Falten zurückzudrehen. Es geht darum, dich zu unterstützen, deine innere Kodierung zu erkennen. Der Wirtschaftsguru Jim Collins spricht davon, herauszufinden, wofür du „kodiert“ oder fest verdrahtet bist:

Was bringt dein Herz zum Pochen? Wann bist du im Flow, wann fliegt die Zeit? Es geht darum, Dinge zu finden, die bereits in dir vorhanden sind. Vielleicht bist du für mehr als eine Sache kodiert. Was auch immer diese „Sache“ ist, sie sollte Teil deines Lebens sein. Sie ist deine Ressource, auf die du immer zurückgreifen kannst. Finde den Weg, sie wieder einzubringen (oder zu verstärken), denn sie wird dir Energie geben!

Frag nicht, was die Welt braucht. Fragen Sie, was Sie zum Leben erweckt, und tun Sie es. Denn was die Welt braucht, sind mehr Menschen, die lebendig geworden sind.“

Howard Thurman (1899 -1981)

PS: Wenn man darüber nachdenkt, was man braucht, um geistig fit zu sein, ist der erste Gedanke, der einem in den Sinn kommt: man benötigt Intelligenz.

Je intelligenter man ist, desto komplexere Probleme kann man lösen – und desto schneller kann man sie lösen. Intelligenz wird traditionell als die Fähigkeit, zu denken und zu lernen angesehen.

Doch in einer turbulenten Welt sind vielleicht andere kognitive Fähigkeiten noch wichtiger: So die Fähigkeit, umzudenken und bereits vorhandene Ressourcen zu aktivieren. Kognitive Werkzeuge benutzen wir regelmäßig: Das können Dinge sein, die du weißt, Annahmen, die du glaubst, oder Meinungen, die du vertrittst.

Erdrücken dich deine Stimmungen manchmal? Wenn dich das Thema interessiert, dann könntest du im Seminar „Mentaltraining und Resilienz“ lernen, wie die schon vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen, die bereits in dir sind, sich aber vielleicht verstecken, bewusst von dir aktiviert werden können.

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