Tanzen auf drei Hochzeiten…

 

 

 

Tanzen auf drei Hochzeiten…

…und jeweils der Hauptdarsteller sein. Es geht um unsere drei Ehen, die wir versuchen unter einen Hut zu bringen. Ich meine nicht hintereinander, sondern simultan. Ein paar Worte zum Thema Ehe. Obwohl wir zuallererst beim Wort Ehe an eine verbindliche, staatlich und wer will kirchlich akzeptierte und hoffentlich verpflichtende Beziehung zwischen zwei Menschen denken, sind wir tatsächlich in drei Ehen verpflichtet, und zwar bis der Tod uns scheidet. Da ist die erste, die die wir normalerweise meinen und hier gibt es zum Tod Alternativen. Die zweite Ehe, die sich häufig wie eine Bürde anfühlt, ist unsere Arbeit oder Berufung und die dritte, die sich am meisten versteckt hält, ist die Verpflichtung uns selbst gegenüber, nämlich die Art, wie wir mit uns selbst umgehen (…und kommunizieren).

Wenige Bücher habe ich gelesen, in denen ich mehr unterstrichen habe als in David Whytes zum Denken anregende Buch „The Three Marriages: Reimagining Work, Self and Relationship“, argumentiert er doch, dass wir aufhören sollten, in Work-Life-Balance zu denken. Basierend auf seiner eigenen Entwicklung und an Beispielen von grossen Autoren, von Dante zu Jane Austen zu Louis Stevenson, untersucht Whyte, wie die drei Verpflichtungen (Ehen) miteinander verwoben sind, Durch Verständnis der verschieden Stadien, so sagt er, können wir besser verstehen, wie wir mit den drei Ehen ein erfülltes Leben geniessen können:

Unser Verständnis über die Hypothese Work-Life-Balance ist zu einfach. Es ist für viele schwierig, Arbeit mit der Familie und mit sich selbst ausgeglichen zu balancieren. Höchstwahrscheinlich deshalb, weil es gar nicht um die Frage der Balance geht. Manche andere Dynamiken spielen eine Rolle und es geht unter anderem auch darum, zu erkennen, dass es etwas damit zu tun hat, wie wir Glücklich-Sein für uns definieren und erleben wollen. Wir sind erschöpft, gemeinsam, aufgrund unserer Unfähigkeit, die im Wettbewerb stehenden Ehen miteinander zu integrieren.

 

Wir können Arbeit, Selbst und Beziehung als Ehen betrachten, sind sie doch normalerweise lebenslange Verpflichtungen und bedingen bewusste Zusagen (Gelübde im Prinzip), was wir wirklich wollen und was wichtig für uns ist. Warum alle drei Ehen zusammen bringen? Weil, das Vernachlässigen einer der Drei alle Drei verarmen lässt, sind sie doch nicht separate Verpflichtungen, sondern unsere ureigene Art zu denken und zu fühlen, wie wir als Individuum zur Welt gehören.

Whyte argumentiert, dass wir unser Verständnis von „Zugehörigkeit“ oft nur durch „längere Perioden im Exil oder in der Einsamkeit“ finden:

Interessanterweise spüren wir unser Leben sowohl mit unserem Verständnis, dass alles unmöglich sei, genauso wie wir glauben, dass wir alles, was wir anfangen, auch erreichen werden. Dieses Dazugehören und Nicht-Dazugehören erleben die meisten Menschen durch drei Dynamiken. Mit Beziehungen zu anderen Menschen, (besonders und ziemlich persönlich mit einer Person in einer Beziehung oder Ehe), zweitens, durch die Arbeit und drittens, durch das Verständnis, was denn das alles für einen selbst bedeutet.

Warum in Work-Life-Balance denken? Work-Life-Balance ist ein Konzept, als ob es einen perfekten Ausgleich zwischen Job, Familie und Hobby (Selbst) geben würde. „Doch die Verhältnisse sind nicht so“, schrieb schon Berthold Brecht. Die Kinderfrau fällt genau dann aus, wenn die heiße Phase des Kundenprojekts beginnt; der Theaterauftritt der Tochter überschneidet sich garantiert mit der Präsentation vor dem Vorstand. Kein Wunder, dass der Anspruch des perfekten Ausgleichs mehr und mehr in Frage gestellt werden muss.

Dabei sollte das Work-Life-Balance-Konzept ursprünglich für mehr Zufriedenheit mit dem eigenen Leben sorgen. 1986 geprägt, tauchte der Begriff in der populären Presse erst gegen Ende der 90er Jahre auf. Mit dem Aufkommen der New Economy verschärften sich die Anforderungen an Manager und Mitarbeiter. Auch einmal im Büro zu übernachten, falls nötig, gehörte zum guten Ton. Die Kollegen waren zugleich die besten Freunde (oder sollten es sein). „Der Arbeitsplatz wird zum Zuhause, das Zuhause zum Arbeitsplatz„, stellte die Soziologin Arlie Russel Hochschild von der Uni Berkeley Ende der 90er Jahre fest (Harvard Business Manager 3/1998).

Whyte, und ich stimme ihm vollständig zu, sagt, dass keine der drei Ehen auch nur im Ansatz verhandelbar seien. Deshalb macht es keinen Sinn, es auch nur zu versuchen, etwas von einem Part wegzunehmen und einem anderen zuzuordnen. Umgekehrt: es geht darum, sie zu kombinieren, zu hinterfragen und jeweils zu ermutigen. Nicht zwischen den drei Ehen aufteilen, sondern sie sinnvoll miteinander verheiraten.

In seinem Buch untersucht er auch ausführlich das merkwürdige menschliche Bedürfnis, allein gelassen sein zu wollen. Das heisst, mit sich selbst in Frieden zu sein, um in die eigenen tieferen Bereiche vordringen zu können, wo man sich letztendlich geschmeidig, beweglich, frei und heilend für die unsichtbaren Wunden, die einem zugefügt wurden, die Erwartungen und Verpflichtungen mit Distanz und als Teil des Ganzen umarmen kann.

Er versucht uns anzuleiten, unsere Sprache zu beobachten und sie und unser Denken zu ändern und uns von dem Satz zu distanzieren, der uns in die Irre führt. Dem Satz, der uns oft niedermacht, einem kurzen Satz, der auf unseren Schultern schwer lasten kann und unmöglich erscheint, entfernt zu werden: Work-Life-Balance erlangen

Die Bereiche der menschlichen Psyche sind eben nicht so gelagert, dass Arbeit und Familie trennbar sind und deshalb sind sie auch nicht balancierbar. Der Inbegriff unseres Lebens hat eine tiefere, beinahe poetische Perspektive, sich immer bewegend. Das Konzept, dies balancieren zu wollen, würde bei genauerem Überlegen dazu führen, dass wir unsere Identität reduzieren, anstatt sie als unsere unantastbare Identität zu erleben und sich mit ihr wohlzufühlen. Ein bisschen ein gefährlicheres aber mehr befriedigendes Verständnis: Unser Selbst zu definieren mit dem Gedanken, die drei Ehen zu akzeptieren und anzuerkennen, anstatt sich zu reduzieren mit der Idee, man müsse balancieren.

Durch die Beschreibung der Leben von Robert Louis Stevenson, Jane Austen, Charles Dickens und anderen, zeigt Whyte auf, dass wir im erfüllten Leben daheim und ansässig sein können, selbst wenn wir beeinflusst (überwältigt) werden von anderen, erregt sind von sehnlichem Verlangen oder in der Liebe enttäuscht wurden. Und wahrscheinlich dadurch, dass wir am Ende des Tunnels die drei Ehen miteinander vermählen, ein lebenswertes Leben geniessen, trotz all den Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten, denen wir auf unserer Reise begegnen.

So wie frei nach Albert Einstein:

„Manche Männer bemühen sich lebenslang, das Wesen einer Frau, die Ehe zu verstehen.
Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen, zum Beispiel der Relativitätstheorie.“

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