Risiko, Unsicherheit oder Ungewissheit?

Dass es keine, fast keine, Sicherheit in unserem Leben gibt, hat sich inzwischen herumgesprochen. Auch im Rahmen einer Pandemie kann man viel dazu lernen. Die zwei Dinge, deren wir sicher sind, ist zum einen der Tod und zum zweiten, dass wir nicht wissen, wann es soweit ist.

Täglich treffen wir unzählige Entscheidungen – und gerne haben wir die Wahl. Wir wählen zwischen Parteien, Partnern, zwischen Berufen, zwischen dem Häuschen in der Vorstadt und der Altbauwohnung im Szenenviertel.

Gleich nach dem Aufwachen geht es los: Ob wir aufstehen oder nicht, welche Kleider wir anziehen, ob es Frühstück gibt oder nicht und vieles mehr. Pro Tag fällen wir so bis zu 100.000 Entscheidungen (SRF Treffpunkt). Die allermeisten davon unbewusst – und mit jeder Entscheidung gehen wir das eine oder andere Risiko ein.

Frank Knight macht dies in einem einfachen Gedankenexperiment deutlich. In seinem Buch-Klassiker «Risk, Uncertainty and Profit» unterscheidet der Wirtschaftswissenschafter zwischen Risiko, Unsicherheit und Ungewissheit, die er als drei verschiedene Gefässe beschreibt (Knight 1921):

Gefäss 1 = Risiko*

Das erste Gefäss ist mit Bällen verschiedener Farben gefüllt. Das Herausholen eines Balles hat einen Preis (derzeit) von 9 Talern. 20% der Bälle sind rot – das ist bekannt. Ein roter Ball hat einen Marktwert von 50 Talern. Gefäss 1 ist also ein Gefäss mit «bekannter Verteilung». In diesem Gefäss herrscht – zumindest im Moment – kalkulierbares Risiko. Das ist eine wunderbare Sache, wenn wir in das Geschäft mit roten Bällen einsteigen möchten. Wir müssen nur oft genug ins Gefäss 1 hineingreifen. Bei 100 ergriffenen Bällen (Kosten: 900 Taler) sollten laut Wahrscheinlichkeitsrechnung 20 rote Bälle (Wert 1.000 Taler) zum Vorschein kommen.

Gefäss 2 = Unsicherheit*

Wenn im Fußball Österreich gegen Deutschland antritt, so ist der Ausgang unsicher. Wir haben es mit einem Vorhaben des Gefässes 2 zu tun. Es liegen zwar viele Daten über beide Mannschaften und deren Performance in den vergangenen Spielen vor. Man kann durch Recherche auch sehr viel über Form und Befindlichkeiten aller Beteiligten – inklusive der Schiedsrichter – herausfinden. Sogar über das Publikum ist einiges bekannt.

Man kann über Daten aus der Vergangenheit oder Befragungen unter den Fans gute Prognosen darüber erstellen, wie viele Menschen zum Spiel kommen oder sich das Spiel im Fernsehen ansehen. Ort, Zeit und Regeln für das Spiel sind fixiert. Es gibt drei mögliche Ergebnisse: Sieg der einen Mannschaft, Sieg der anderen oder unentschieden. Und trotzdem lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie das Spiel ausgehen wird.

Gefäss 3 = Ungewissheit*

Das Ergebnis eines Fußballspiels zwischen Österreich und Deutschland ist nicht ungewiss, bloss unsicher. Doch wie sähe ein Spiel unter echter Ungewissheit aus? Es begänne vielleicht damit, dass wir zum Anfang nicht wissen, wer überhaupt mitspielt und wer Interesse daran haben könnte, zuzusehen.

Wir könnten mit der Annahme starten, es handle sich um Fußball. Doch dann betritt jemand das Spielfeld, um Basketball zu spielen, und es wäre ohne weiteres möglich, dass irgendwo plötzlich Tennis-Schläger und Golfbälle auftauchen. Mit der Zeit bildet sich vielleicht tatsächlich ein Spiel heraus. Der Spieler, der uns nun schon zum dritten Mal eine Kokosnuss zuspielt, gehört wohl zu unserem Team. Zuschauer kommen und gehen. Mit der Zeit bilden sich feste Regeln, nach denen das Spiel weiter abläuft. Auch die Grenzen des Spielfelds werden allmählich sichtbar. Was in einem Gefäss des Typs 3 begonnen hat, ähnelt mit der Zeit immer mehr dem, was wir schon aus Gefäss 2 kennen.

Unsicherheit herrscht also, wenn eine Verteilung unbekannt, aber prinzipiell berechenbar oder abschätzbar ist. Ungewissheit herrscht hingegen dann, wenn eine Verteilung nicht nur nicht bekannt ist, sondern auch nicht berechnet oder abgeschätzt werden kann.

Komplexität: Das Gewand der Ungewissheit*

Was uns heute beschäftigt, ist vor allem die Komplexität der Welt, in der wir uns bewegen. Oder vielmehr: Es ist uns mittlerweile wohl bewusst geworden, dass wir die Komplexität und die Ungewissheit über die Zukunft nicht abstreifen oder wegrationalisieren können.

Der Philosoph Karl Popper: «Je mehr wir über die Welt lernen, umso bewusster, umso detaillierter und umso genauer wird unser Wissen von den noch ungelösten Problemen, unser Wissen von unserem Nichtwissen».

*) Faschingbauer, Michael. Effectuation (Systemisches Management)

Nichts wissen wir, und davon viel.

Die Zukunft ist ungewiss

Natürlich können wir in die Zukunft sehen. Zumindest beim Tennisspiel – sehen wir doch, wo der Ball den Boden treffen wird oder wir nehmen ihn direkt aus der Luft. Wenn du das hier liest, hat es beim Überholen auf der Landstrasse (bisher) mit dem Blick in die Zukunft auch gereicht. Aber dann wird es ziemlich dünn.

Da, ich weiss nicht, wie es dir geht, ich jedenfalls die Zukunft nicht kenne, heisst das für mich, dass wir in ständiger Ungewissheit leben. Ungewissheit kann viele Menschen verängstigen. Kaum jemand bringt uns bei, mit ihr umzugehen und sie zu akzeptieren.

Wir haben ein fundamentales Bedürfnis nach einer geordneten und sicheren Welt. Wir wollen Kontrolle über unser Leben, besonders in bedrohlichen Situationen. Aber, unsere Wahrnehmung von persönlicher Kontrolle ist unterschiedlich ausgeprägt.

Angst ist gut und braucht Kompetenz

Angst kann Leben retten. Beim Klettern ist die Angst bei mir so gross, dass ich nur mit Seil, also gesichert, klettere. Das finde ich gut so, weil damit die Stürze, die zum Klettern gehören, glimpflich ablaufen.

Angst kann aber auch gefährlich sein: Streit und Misstrauen erwachsen zum Beispiel aus Angst. Angst kann Kriege auslösen. Angst manipuliert uns – nicht nur in der Werbung und der Politik.

Gefährlich ist Angst auch in Bezug auf das eigene Leben. Sie kann dazu führen, dass ein gesamtes Menschenleben in Unzufriedenheit vergeht – nur um Ungewissheit zu vermeiden und damit der Angst vor eben jener zu entgehen.

Menschen bevorzugen meist Unzufriedenheit gegenüber Ungewissheit.

Tim Ferris

Dabei besteht jede Angst aus zwei Komponenten. Erstens, Angst gibt es nur in der Zukunft, die wir nicht kennen. Nämlich, wir stellen uns ein Szenario in der Zukunft vor, wie schlimm es wirklich werden könnte und holen uns das dazugehörige Gefühl und die Emotion in das weltberühmte «Hier und Jetzt», in dem wir sowieso immer leben. Erleben findet nur in der Gegenwart statt.

Zweitens stellen wir uns zudem vor, dass wir, was die zukünftige Situation angeht, auch noch ohnmächtig sind oder keinen adäquaten Handlungsspielraum haben werden.

Mit anderen Worten, wir imaginieren die Zukunft. Dazu braucht es Fantasie und Kompetenz. Wir konstruieren uns unsere Angst.

Die Ungewissheit und ich. Eine Freundschaft

Für mit Ungewissheit leben gibt es einen einfachen Spruch: «Vergrössere deine Komfortzone!». Der eine entdeckt diese Freude des Lernens durch das eigene Bewusstsein und ändert seine Einstellung. Für den anderen kommt es unfreiwillig: Tragische Ereignisse können unsere Komfortzone von aussen erweitern und wir lernen den Umgang mit Ungewissheit auf die harte Tour.

Egal ob durch einschneidende Erlebnisse oder durch bewusste Entscheidung: Wer einmal mit der Ungewissheit im Einklang ist, der wird danach ziemlich sicher nicht mehr derselbe Mensch sein. Zumindest berichten Menschen, dass sich ihr Leben ab diesem Zeitpunkt radikal verändert hat. Auch bei mir war es so.

Obwohl, man könnte es sich innerhalb seiner Komfortzone so richtig gemütlich machen und sich einfach in den Sessel sacken lassen, die Füße hochlegen und sich lieber mit anderen Menschen beschäftigen als mit sich selbst. All dies, während die Lebensuhr fröhlich weiter tickt …

Oder, wie es mein Mentor Gunther Schmid ausdrückt:

«Die Sehnsucht bleibt emotional bestehen doch über alles Wichtige die Kontrolle zu haben, auch wenn man weiss, dass dies nicht möglich ist. Da aber niemand die Zukunft kennt, kann man auch nie definitiv sagen, dass eine «Restriktion» für immer eine Restriktion bleiben wird (denke dabei z.B. an das unvorhersehbare Ende der DDR, deren System für fast alle Menschen als Restriktion galt). Man kann daher getrost «mehrgleisig fahren» und die Sehnsucht bewahren.

Da ein «Worst Case» nicht ausgeschlossen werden kann, ist eine Haltung liebevoller Loyalität zu sich selbst erforderlich, aus der man sich bei unerwünschten Ergebnissen trösten kann. Mit solch würdigender Haltung bleibt das Gefühl des eigenen Wertes unzerstörbar.

Dies setzt voraus, sich in seiner Begrenztheit liebevoll anzunehmen und sich für den Mut anzuerkennen, unter Ungewissheit zu handeln: «Ich tue mein Bestes nach bestem Wissen und Gewissen und kann in Frieden mit mir sein, ganz unabhängig vom Ergebnis.» Diese relative Unabhängigkeit vom Ergebnis, obwohl man sich dies doch so sehr wünscht, gibt die nötige Stärke, Gelassenheit, Flexibilität und Lust, aktiv zu handeln.»

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht.

Václav Havel

«Was ist mir lieber: heitere Gelassenheit oder gelassene Heiterkeit?», könnte die Frage sein, um mit der Ungewissheit umzugehen und sie zu seinem Freund zu machen. Sicherlich findest du in deinem «Lebens-Erfahrungsschatz» Situationen, in denen du dir etwas sehr gewünscht hast, was allerdings aussichtslos erschien und du es schliesslich dennoch geschafft hast, es zu erreichen.

Dies ist ein Hinweis darauf, dass du bereits über die Kompetenzen und Ressourcen verfügst, die nur aktiviert werden wollen, um die Freundschaft zwischen dir und der Ungewissheit zu nähren und zu pflegen.

Nächste Woche gibt es zu diesem Thema die eine oder andere Übung, die dich vielleicht darin weiter unterstützen kann.

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