Wider die Unachtsamkeit. Wir sind sonderbar.

Ich denke, wir sind uns darüber einig, Achtsamkeit ist von Vorteil. Achtsamkeit hilft unter vielem anderen, weitaus wohltuender zuzuhören, weniger zu essen und sich selbst besser kennenzulernen. Achtsamkeit unterstützt auch, Impulsen nicht gleich nachzugeben und die sofortige Befriedigung auf Eis zu legen.

Achtsamkeit ist einfach, wenn man sich gut fühlt: Wenn wir produktiv sind, es im Griff haben, im Flow sind, entspannt und selbstbewusst aktiv sind (≠ reagieren), dann sind wir automatisch achtsam. Dem ist nur – leider allzu menschlich – nicht immer so.

Die Herausforderung besteht darin, aufmerksam und achtsam zu sein, wenn wir etwas als unangenehm empfinden, ängstlich, wütend, ärgerlich, gelangweilt oder sonst wie emotional negativ in der Achterbahn sitzen – wenn unser PR-Department die Leitung übernimmt oder wir uns in einer Art und Weise ausleben, die wir morgen nicht mehr so gut finden. Der wahre Hintergrund ist meistens, dass wir, oft ohne klares Bewusstsein uns verunsichert fühlen. Hinter jedem Streit in einer Beziehung versteckt sich Unsicherheit, mindestens bei einem, meistens bei beiden Beteiligten – es schaukelt sich hoch, was wir dann als Eskalation bezeichnen.

In solchen Fällen bietet es sich an, es regnen zu lassen.

Unsere Gedanken, oftmals blitzschnell und unüberlegt, blubbern in unserem Bewusstsein nach oben wie die aufsteigenden Luftblasen beim kochenden Wasser. Wissenschaftler haben, zwar erst in 2001, das Default Mode Network (DMN) entdeckt und es mit fMRI nachgewiesen. Das DMN ist das Ding, welches dann aktiv wird, wenn wir nicht fokussiert sind, wie beim Autofahren oder Spazierengehen. Dann wandert unser Geist herum (meist Autopilot: siehe 46,9 Prozent). Was wir wissen, ist, dass wenn wir uns fokussieren, das DMN deutlich stiller wird und sogar verschwindet.

Dem Impuls nicht gleich nachgeben, die Begierde nicht gleich befriedigen – aber wie? Judson Brewer hat sich darüber Gedanken gemacht:

Es gilt, Begierde, Gelüste und Verlangen mit anderen Augen (fokussiert) zu betrachten. Dafür benutzt Brewer das Akronym RAIN.

Judson Brewer arbeitet mit Menschen, die ihre Abhängigkeit von Drogen eindämmen wollen. Der erste Schritt liegt in der Erkenntnis an sich. Negative Emotionen reduzieren unsere Achtsamkeit, auch mit uns selbst. Im Umgang (innen und aussen) hilft, zumindest mir und eventuell auch Ihnen, das Akronym RAIN:

Realisieren

Sich eingestehen, anerkennen, wie und was man fühlt und was man denkt. Ist es altbekannt, ist es etwas Neues? Was ist es genau?

Es benennen. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Benennen (Labeling) des Gefühls dazu beiträgt, ein tieferes Verständnis und bessere Emotions-Akzeptanz zu erreichen. Wir können unsere Emotionen, mit etwas Training, lenken:

„Zwischen Reiz (Stimulanz) und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Viktor Frankl

Das funktioniert jedoch nur dann, wenn wir tatsächlich realisieren, also beobachten, was denn da in uns abläuft und es dann

Akzeptieren

Akzeptieren, dass man dieses Gefühl, den Gedanken etc. hat. Alles existiert nur in unserer Welt, ist unsere Interpretation der Realität, manifestiert sich nur in unserem Kopf. Es ist unsere Realität im Moment, die in 42 Jahren keine grosse Rolle mehr spielen wird.

Und doch, auch wenn es uns nicht passt, gilt es, es zu akzeptieren, ganz einfach, weil es da ist. Verdrängung ist nichts anderes als eine wahnhafte Verkennung, die ganz andere Probleme, Ängste und Schmerzen mit sich bringt.

Investigieren (nachforschen)

Sich ein paar Fragen stellen: Warum fühle ich, was ich fühle? Weshalb habe ich diesen Gedanken, wo kommt er her? Kann ich es auf einen Umstand (oder Umstände) zurückführen? Trage ich dies schon länger mit mir herum? Welche Verunsicherung versteckt sich dahinter?

Aber, nicht vergessen, nur untersuchen und nicht beurteilen. Es geht ausschliesslich um Fakten: Das ist schlussendlich, was wir denken, fühlen – und das ist ok, wir nehmen es zur Kenntnis, damit wir eine Referenz für die Zukunft haben.

Nicht-Identifizieren

Den Gedanke pflegen, dass Sie nicht dieses Gefühl sind. Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir sind viel mehr als das, was wir in einer bestimmten Zeitspanne denken oder fühlen. Nur im Moment, so scheint es, ist es Alles. Bhante Henepola Guntaratana fasst es (frei von mir übersetzt) zusammen:

„Irgendwo in diesem Prozess der Achtsamkeit wirst du die Erkenntnis erlangen, dass du völlig verrückt bist. Dein Verstand ist ein schreiendes, Kauderwelsch redendes Irrenhaus, in einem Schubkarren dem Berg herunterfahrend, komplett ausser Kontrolle und du bist hilflos. Kein Problem. Du bist nicht mehr verrückt als gestern. Es war schon immer so, nur hast du es gerade das erste Mal entdeckt. Du bist auch nicht verrückter als die anderen, die sind ebenso. Der einzige Unterschied mag sein, dass du es erkannt hast und die anderen noch nicht.“

Wir sind sonderbar

Das RAIN-Akronym hilft Menschen auf die Spitze der Welle zu gelangen und lässt sie dort reiten, anstatt in der Welle unterzugehen. Normalerweise unterliegt man dem Verlangen, gibt ihm nach oder versucht es zu unterdrücken. Alle drei Varianten sind wie Öl aufs Feuer gegossen. Nur das Beobachten schwächt das Verlangen ab, weil die Beobachtung an sich das Verlangen nicht füttert. Wenn man die streunende Katze nicht mehr füttert, dann taucht sie früher oder später auch nicht mehr auf. Kein neues Holz mehr ins Feuer, dann erlischt es. Die Psychologen nennen das Instrumentelle und operante Konditionierung. Wenn die Ratte im Versuchsaufbau den Hebel bedient, dann gibt es Futter. Wenn das Futter beim Hebel bedienen ausbleibt, dann drückt die Ratte auch den Hebel nicht mehr.

Es gilt:*

Jeder hat diesen Unfug im Kopf.

Jeder glaubt, dass er Recht hat und jeder leidet unter Angriffen und Respektlosigkeit.

Jeder ist ängstlich und jeder weiss, dass er Glück hat.

Jeder hat den Wunsch und verspürt den Impuls, die Dinge zu verbessern, Beziehungen zu entwickeln und beizutragen.

Jeder möchte etwas, was er/sie wahrscheinlich nicht haben kann. Und wenn sie es dann besitzen, stellen sie fest, dass sie es gar nicht brauchen.

Jeder ist manchmal einsam und/oder verunsichert.

Jeder ist ein bisschen ein Gauner und jeder sorgt sich um etwas.

Wir sind sonderbar. Sonderbares mag passieren – und wenn erkannt – dann unterstützt es, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Denn, wenn man dies zulässt, mag sich ein Gefühl entwickeln. Ein Gefühl, dass uns erlaubt, die anderen so zu sehen, wie wir gesehen werden wollen.

*)Seth Godin

PDF Download

Hat Ihnen der Artikel gefallen, dann abonnieren Sie

„Die Sonntag Morgen Sechzig Sekunden (SMSS)“

und erhalten jeden Sonntag die SMSS direkt in Ihrer Inbox.