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Zwei Probleme

Es gab einmal ein Experiment. Man brachte Menschen, jeweils einzeln, in einen Raum, in dem sie auf dem Tisch in der Mitte des Raumes ein Pult mit Knöpfen vorfanden. Man erklärte ihnen, dass sie etwas tun sollen – irgendetwas Unbestimmtes, etwas, was sie selbst herausfinden sollen – und ein Licht wird anzeigen, ob sie einen Punkt gewonnen haben. Die Aufgabe war: Wie viele Punkte kannst du innerhalb von 30 Minuten sammeln?

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Die Menschen setzten sich hin und fingen an, wahllos Knöpfe zu drücken, bis schließlich das Licht aufleuchtete, um ihnen zu sagen, dass sie einen Punkt bekommen hatten.

Logischerweise versuchten sie dann, das zu wiederholen, was sie getan hatten, um mehr Punkte zu bekommen. Nur ging jetzt das Licht nicht mehr an. Also fingen sie an, mit komplizierteren Sequenzen zu experimentieren – drücke diese Taste dreimal, dann diese Taste einmal, dann warte fünf Sekunden, und ding! Ein weiterer Punkt. Aber irgendwann funktionierte das auch nicht mehr. Vielleicht hat es gar nichts mit den Tasten zu tun, denken sie. Vielleicht hat es damit zu tun, wie ich sitze? Oder damit, was ich berühre? Vielleicht hat es mit meinen Füssen zu tun? Ding! Noch ein Punkt. Ja, vielleicht liegt es an meinen Füssen und dann drücke ich noch einen anderen Knopf. Ding!

In der Regel hatte jeder Proband innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten die spezifische Verhaltenssequenz herausgefunden, wie man mehr Punkte erzielen kann. Meist war es etwas Seltsames wie das Stehen auf einem Fuss oder das Auswendiglernen einer langen Sequenz von Knöpfen, die in einer bestimmten Zeit gedrückt werden, während man in eine bestimmte Richtung schaut.

Aber hier ist der lustige Teil: Die Punkte waren zufällig verteilt. Es gab keine Sequenz, kein Muster. Nur ein Licht, das mit einem Ding! anging, und die Menschen stellten sich auf den Kopf, um herauszufinden, womit sie Punkte sammeln konnten.

Sadismus beiseite, der Sinn des Experiments war es, zu zeigen, wie schnell der menschliche Geist in der Lage ist, sich einen Haufen Blödsinn auszudenken und dann den Quatsch auch zu glauben, der nicht real ist.

Und es stellte sich heraus, dass wir alle recht gut darin sind. Jeder Proband verliess den Raum mit der Überzeugung, dass er oder sie das Experiment gemeistert und das Spiel gewonnen hatte.

Sie alle glaubten, dass sie die «perfekte» Reihenfolge der Knöpfe, die ihnen Punkte einbrachte, entdeckt hatten. Doch die Methoden, die sie nannten, waren genauso einmalig wie sie selbst als Individuen. Ein Mann kam auf eine lange Abfolge von Knopfdrücken, die für niemanden ausser für ihn selbst einen Sinn ergab. Ein Mädchen kam zu dem Schluss, sie müsse mehrfach die Decke berühren, um Punkte einzuheimsen. Sie verliess den Raum durchgeschwitzt und völlig erschöpft vom vielen Hüpfen.

Unsere Gehirne sind Bedeutungsmaschinen. Was wir als «Bedeutung» verstehen, wird durch die Assoziationen bestimmt, die unser Gehirn zwischen zwei oder mehr Erfahrungen herstellt. Wir drücken einen Knopf, dann sehen wir, dass ein Licht angeht; wir nehmen an, dass der Knopf das Angehen des Lichts verursacht hat. Dies ist im Kern die Grundlage von Bedeutung: Knopf, Licht; Licht, Knopf. Wir sehen einen Stuhl. Wir stellen fest, dass er grau ist. Unser Gehirn zieht dann die Assoziation zwischen der Farbe (grau) und dem Objekt (Stuhl) und bildet eine Bedeutung: «Der Stuhl ist grau.»

Unser Verstand schwirrt ständig umher und erzeugt immer mehr Assoziationen, die uns helfen sollen, die Umgebung um uns herum zu verstehen und zu kontrollieren. Alles, was wir erleben, sowohl extern als auch intern, erzeugt neue Assoziationen und Verbindungen in unserem Verstand. Alles, von den Wörtern auf dieser Seite über die grammatikalischen Konzepte, die du verwendest, um sie zu entziffern, bis hin zu den schmutzigen Gedanken, in die dein Verstand abschweift, wenn mein Schreiben langweilig oder repetitiv wird.

Jeder dieser Gedanken, Impulse und Wahrnehmungen besteht aus Tausenden und Abertausenden von neuronalen Verbindungen, die gemeinsam feuern und deinen Verstand in einem Feuerwerk von Wissen und Verständnis erstrahlen lassen.

Aber es gibt zwei Probleme. Erstens: Das Gehirn ist unvollkommen. Wir verwechseln Dinge, die wir sehen und hören. Wir vergessen Dinge oder interpretieren Ereignisse ganz leicht falsch.

Zweitens: Wenn wir einmal eine Bedeutung für uns selbst erschaffen haben, ist unser Gehirn darauf ausgelegt, an dieser Bedeutung festzuhalten. Wir sind voreingenommen gegenüber der Bedeutung, die unser Verstand geschaffen hat, und wir wollen sie nicht mehr loslassen. Selbst wenn wir Beweise sehen, die der Bedeutung, die wir geschaffen haben, widersprechen, ignorieren wir diese oft und glauben trotzdem weiter an unsere Bedeutung.

Die bedauerliche Tatsache ist, dass das meiste, was wir «wissen» und glauben, ein Produkt der immanenten Ungenauigkeiten und Voreingenommenheit unserer Gehirns ist.

Viele oder sogar die meisten unserer Werte sind Produkte von Ereignissen, die nicht repräsentativ für die Welt im Allgemeinen sind, oder sie sind das Ergebnis einer völlig falsch verstandenen Vergangenheit.

Das Ergebnis von all dem? Die meisten unserer Überzeugungen sind falsch. Oder, um genauer zu sein, alle Überzeugungen sind falsch – einige sind nur weniger falsch als andere. Der menschliche Verstand ist ein Sammelsurium von Ungenauigkeiten.

Diese Annahme mag sich zwar zuerst als unangenehm anfühlen, aber wir könnten es als Erinnerungshinweis verstehen, uns immer wieder zu hinterfragen, besonders dann, wenn wir glauben, dass wir absolut recht haben. Man könnte sich fragen:

Und was wäre, wenn ich falsch liege?

 Inspiriert durch Mark Manson, Die subtile Kunst des darauf Scheissens