Zwei Seelen

Stell’ dir vor, deine Nachbarin klingelt und fragt dich: «Du, ich möchte kurz zum Supermarkt fahren, um einzukaufen. Kann ich mir bitte dein Auto ausleihen?».

Drückst du ihr einfach mit den Worten, «Gerne, ich brauch es heute nicht mehr, gute Fahrt!», den Schlüssel in die Hand? Oder bist du hin- und hergerissen und deine inneren Teammitglieder melden sich zu Wort:

Der Übervorsichtige, der die Sorge hat, dass die Nachbarin das Fahrzeug beschädigt? Der Soziale, der genau weiss, dass sie drei Kinder hat und den Einkauf rasch erledigen will? Der Dankbare, der sich schon häufig den Rasenmäher ausgeliehen hat? Oder der Sparsame, der spontan berechnet, wie viel Sprit sie dabei verbrauchen wird?

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.

Johann Wolfgang von Goethe

Sitzt vielleicht ab und zu ein Engelchen auf deiner linken Schulter, ein Teufelchen auf der rechten – oder ist es bei dir umgekehrt? Wäre so schön, wären es nur zwei Seelen!

Abends lieber den Thriller zu Ende sehen oder doch besser morgen ausgeschlafen und fit zur Arbeit gehen? Oder wie oben, einem Mitmenschen eine Bitte abschlagen und dann ein schlechtes Gewissen haben?

Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich dein inneres Team findet und sich einig wird, was das Beste für dich ist. Eine berufliche Entscheidung steht an und dein Team plappert durcheinander auf dich ein:

Folge deiner Berufung, sagt der Visionär.

Denke an die Verdienstmöglichkeiten, gibt der Realist zu bedenken.

Es gibt mehr als zwei Optionen, sagt der Kreativdirektor.

Du bist zu alt, meint der Sicherheitsbeauftragte.

Und die Rente? mahnt die Mutter.

Das ist noch nicht richtig durchdacht, nörgelt der Perfektionist.

Hör’ auf zu grübeln, entscheide dich, drängt der Ungeduldige.

Wie lange dauert das noch? Ich hab’ Hunger, jammert der Azubi.

Ein grossartiges Teammeeting – und alles nur in deinem Kopf und wie im richtigen Leben. Du schlägst dich mit einem Thema oder mit einer Entscheidung herum, und es gibt die unterschiedlichsten Meinungen, Gefühle, Emotionen und Gedanken dazu. Und wer leitet das Meeting?

Friedemann Schulz von Thun prägte den Begriff des „Inneren Teams“. Er bezeichnet mit dieser Metapher die verschiedenen Persönlichkeitsanteile oder inneren Stimmen, die ein Mensch in sich trägt. Diese Anteile stehen stellvertretend für die unterschiedlichen Bedürfnisse, die wir haben.

Schulz von Thun nennt sie in seinem Konzept «Teammitglieder», die individuelle Eigenschaften besitzen. So gibt es nicht nur «Engelchen» und «Teufelchen», sondern eine Vielzahl anderer Charaktere.

Wie in einem richtigen Team schaffen es einige, gut miteinander zu arbeiten, während andere sich vielleicht gegenseitig einschränken oder sogar bekämpfen. Die Zusammenarbeit unseres Inneren Teams wirkt sich auf unser Leben, auf unseren Alltag aus – und bestimmt die Art unserer Kommunikation.

Je besser das Team miteinander arbeitet und auch konträre Meinungen integriert, desto klarer und kongruenter können wir kommunizieren und Entscheidungen treffen. Wenn wir innerlich zerstritten sind, kostet das Kraft und Energie und zeigt sich auch in unserer Wirkung nach außen.

Dabei gibt es, wie im richtigen Leben, auch Teammitglieder, die ständig im Vordergrund stehen und solche, die sich eher bedeckt halten und im Stillen ihre Arbeit tun. Je nach Situation kommen unterschiedliche Mitglieder zum Einsatz.

5 Phasen der inneren Konfliktbearbeitung

Innere Teamkonflikte führen gerne dazu, dass du in deiner Kommunikation unklare oder unerwünschte Botschaften sendest – oder, im schlimmsten Fall, bleibt man bei den unterschiedlichen Stimmen hängen und Entscheidungen werden blockiert. Innere Konfliktarbeit besteht aus 5 Phasen:

Phase 1: Identifikation

Welche stimmen melden sich? Gib dem Sprecher einen Namen. Drängt sich einer nach vorne? Was hat diese Stimme zu sagen?

Achte auf «JA-aber-Haltung» oder «Einerseits – Andererseits» und frage gezielt nach: Welche anderen Stimmen melden sich?

Phase 2: Selbstoffenbarung der Mitspieler

Jetzt dürfen die identifizierten Mitspieler oder Kontrahenten ausführlich zu Wort kommen. Versetze dich in das jeweilige Teammitglied. Hierfür setzt du dich am besten jeweils auf verschiedene Stühle, so als wären die Teammitglieder im Raum. Ohne Unterbrechung darf jedes Mitglied seinen Standpunkt, seine Sorgen, Beweggründe und Bedenken darlegen.

Phase 3: Der Dialog

Hier geht es um die «Auseinander-Setzung» und das «Aneinander-Geraten» zwischen den Streithähnen. Jeder darf auf Argumente antworten und es wird diskutiert. Dabei wechselst du jeweils zwischen den Stühlen, je nachdem, wer gerade argumentiert.

Manchmal geschieht es, dass die Namen der beteiligten Diskussionspartner geändert werden und eine positivere Bezeichnung bekommen. Dies ist dann der Fall, wenn bei all den gegensätzlichen Argumenten erkannt wird, welche positive Auswirkung der Standpunkt des Kontrahenten haben kann.

Phase 4: Die Versöhnung

Nach der ausgiebigen Auseinandersetzung und Diskussion kommt jetzt die Phase, in der sich die Kontrahenten wieder annähern können. Sie können den anderen und seine Beweggründe als wichtig und ergänzend anerkennen.

Du ermutigst die Kontrahenten, dies auch gegenüber Ihrem Gesprächspartner zu äussern, z.B.: «auch wenn ich dich als schwierig (gefährlich/nervig etc.) einstufe, so sehe ich doch auch, dass es gut ist, dass es dich gibt».

Phase 5: Teambildung durch den Chef

Sobald halbwegs eine Einigung erzielt ist, wirst du, als der Teamleiter/das Oberhaupt eine Teamkonferenz einberufen. Unter Berücksichtigung aller genannten Punkte suchst du mit den Teammitgliedern nach Möglichkeiten, wie die Herausforderung der Ursprungssituation gelöst werden kann. Dies kann z.B. in Form eines Brainstormings geschehen, mit Vorschlägen, wie das Problem künftig gelöst werden kann. Jeder, der etwas zur Lösung beitragen möchte, darf sich äußern.

Du, als Teamleiter koordinierst die Beiträge aus einer Metaposition, nachdem du vorher in die jeweiligen Rollen geschlüpft warst. Du triffst die abschließende Entscheidung, wie mit der Situation künftig umgegangen wird.

Tipps für die Umsetzung

Verschieden Stühle helfen und vereinfachen das «in die Rolle schlüpfen».

Wenn Platz fehlt, kannst du auch verschiedene Blätter Papier (für jeden Teilnehmer) auf den Boden legen und jeweils die entsprechende Position darauf einnehmen.

Auf einem Flipchart kannst du visuell die Mitglieder darstellen. Da genügen Kreise, Quadrate, etc., die mit dem jeweiligen Namen versehen werden.

Du kannst auch verschiedene Notizzettel auf dem Tisch anordnen und jeweils den Zettel, der dran ist, in die Mitte legen.

Egal, welche Variante du wählst, lass’ alle immer ausreden. z.B. «Ich weiss gar nicht, ob sie mit dem grossen Auto zurechtkommt, sie fährt immer so hektisch.» oder «Mensch, die Arme, immer im Stress mit den kleinen Kindern, da kann ich sie gerne unterstützen und ihr mein Auto leihen.»

Wie bei richtigen Meetings macht es Sinn, einen Zeitrahmen festzulegen. Das können 20 Minuten sein oder mehrere Sitzungen, abhängig von Komplexität und Kontext. Manchmal geht es schnell und man findet schon Lösungen, wenn man die Teammitglieder benannt hat.

Interessiert dich das Thema, dann kannst du dich mit 400 Seiten im Buch «Miteinander reden, Band 3: Das «Innere Team» und situationsgerechte Kommunikation» damit auseinandersetzen.

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