Der Pathologische Marlboro-Mann

„Mittlerweile ist unsere Kultur“, so behauptet der Philosoph Josef Dohmen in seinem Buch „Wider die Gleichgültigkeit“, „von der pathologischen Figur des Marlboro-Mannes infiziert.“ Als Josef Dohmen sein Buch über die Lebenskunst schrieb (rüffer&rub Verlag, erschienen 2014), konnte er wirklich nicht ahnen, dass ein Repräsentant der „pathologischen Figur des Marlboro-Mannes“ als 45. Präsident der USA zum mächtigsten Mann auf diesem Planeten gewählt wird.

Was sucht der pathologische Marlboro-Mann? Er sieht sich als Held, der alles alleine regelt, selbstzufrieden ist und die Augen vor der Realität verschliesst. Lügen haben in der Politik lange Beine und gehören zum Geschäft. Der pathologische Marlboro-Mann schaut überall, dass es ihm gut geht, koste es was es wolle; viele Menschen sind vom pathologischen Marlboro-Mann fasziniert, nicht nur in den USA sondern auch in Europa. Aber mindestens genauso viele Menschen beschleicht „ein zunehmendes Unbehagen bei all den Siegeszügen erfolgreicher Menschen, die ihr Lebensglück in Macht, materiellem Besitz, in Aktien, Geld und Immobilen zum Ausdruck bringen“, so Josef Dohmen. Bei machtbesessenen Narzissten ist das Wohl der Gesellschaft nur eine Floskel in Reden und Ansprachen.

Laut der New American Foundation töteten Dschihadisten 94 Menschen zwischen 2005 und 2015. Im gleichen Zeitraum verloren 301.797 Menschen ihr Leben durch Schusswaffen (jeweils USA). So, Trumps umstrittene Einreise-Sperre gegen die Bürger der mehrheitlich muslimischen Länder Irak, Iran, Libyen, Somalia, Syrien, Sudan und Jemen, scheint auf den ersten Blick keinerlei Sinn zu machen. Übrigens, letzten Dienstag zwang die amerikanische Zoll- und Grenzschutzbehörde die Fluggesellschaft Swiss, die Forscherin Samira Asgari, die nach fünf Jahren Arbeit an ihrer Dissertation an der ETH Lausanne ihr Studium über die Genome ansteckender Kinderkrankheiten an der Medical School in Harvard abschliessen wollte, unter Androhung, keine Landeerlaubnis in den USA zu vergeben und mit einer Busse von 50.000 Dollar zu belegen, die Wissenschaftlerin nicht mitfliegen zu lassen.

Trump trumpft auf in einer Sache, mit der er recht hat: Die amerikanische Bevölkerung hat mehr Angst vor Terroristen (Nummer 1 Angst) als vor Handfeuerwaffen, trotz der Tatsache, dass diese eine 3.210mal höhere Kill-Wahrscheinlichkeit haben.

Ein Grund, warum unsere Befürchtungen nicht mit dem tatsächlichen Risiko-Wahrscheinlichkeiten übereinstimmen, ist, dass wir – evolutionär im Hirn verdrahtet – Bewertungen vornehmen, die nicht rational oder logisch begründet sind. Unsere Emotionen führen zu spontanen Beurteilungen, die einst Sinn machten für unser Überleben, heute jedoch logisch betrachtet, eben keinen Sinn mehr machen.

Verhaltenspsychologen nennen das die Verfügbarkeitsheuristik (Tversky und Kahneman 1973), und die führt uns täglich in die Irre (kognitive Verzerrung). Sie ist eine mentale Abkürzung, die Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses zu definieren, aufgrund der zur Verfügung stehenden, im Hirn auftauchenden Beispiele, die man bereits kennt.

Was sind Heuristiken, von denen es laut Prof. Kahneman 150 verschiedene gibt? Das Wort kommt aus dem [alt]griechischen heurisko „ich finde“ und sogleich kommt einem der Begriff Risiko in den Sinn. Da es auch um Risiko geht, wenn wir Entscheidungen mit Unsicherheit treffen. Nichtdestotrotz existiert eine Konstante: wir glauben dass wir rational handeln, entscheiden und denken, also jede Entscheidung durch Abwägen eines jedes möglichen Ergebnisses in Hinblick auf Wahrscheinlichkeit und Nutzen treffen.

Bei den Wahrscheinlichkeiten haben wir so unsere Probleme. Zum Beispiel, den Rekord brechenden $700 Millionen Powerball Jackpot zu gewinnen, liegt bei eins zu 292.2 Millionen. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Meteoriten getroffen zu werden, ist mit eins zu 74,817,414 fast viermal wahrscheinlicher. Vom Blitz getroffen zu werden, schon 265mal wahrscheinlicher.

Volle Rationalität beim Entscheidungstreffen und Wahrscheinlichkeitsverständnis ist aufgrund unserer Verarbeitungsgrenzen sehr unrealistisch (Ausnahmen bestätigen die Regel), aber es ist schwierig, wirklich alle möglichen Faktoren immer mit zu bedenken und genau abzuwägen. Man greift auf Pi mal Daumen zurück, sowohl für Vorhersagen als auch retrospektiv. Bei intuitiven Entscheidungen greift man eher auf Heuristiken zurück, als auf die Regeln der Wahrscheinlichkeit. Das kann zu Fehleinschätzungen führen.

Drei Dinge, die man über Verfügbarkeitsheuristik wissen sollte

1. Wir treffen oft Fehlurteile über die Häufigkeit und über den Umfang von Dingen, die passiert sind.

2. Dies geschieht, zu einem gewissen Teil, weil unser Gedächtnis und unser Erinnerungsvermögen limitiert sind.

3. Wir erinnern uns besser an unsere lebendigen Erlebnisse in unserem direkten Umfeld.

Zwei Neigungen lassen sich der Verfügbarkeitsheuristik zuordnen. Die Einfachheit, sich zu erinnern und die Leichtigkeit, diese Erinnerung aus dem Gedächtnis herzuholen. Wir glauben, dass wenn wir uns schnell an etwas erinnern, es häufiger auftritt und unsere Interpretation des Risikos mag uns falsche Sorgen bescheren.

Wenn wir Entscheidungen treffen, dann tendieren wir dazu, durch unsere Erinnerungen beeinflusst zu werden. Unser Erinnerungsvermögen wird durch vieles beeinflusst: durch unsere Glaubenssätze, Erwartungen, Emotionen, unsere Gefühle genauso wie unter anderem, durch die erlebte Kontakthäufigkeit mit Menschen, Medien, Informationen usw. Die Medien (Internet, Radio, TV), spielen dabei eine grosse Rolle. Selbst seltene Ereignisse sehen oder hören wir täglich mehrmals. Was wiederholt und wiederholt und wiederholt wird, holen wir uns leichter ins Gedächtnis. Das ist genau, was in den USA nach 9/11 passierte. Die Menschen flogen weniger und fuhren lieber mit dem Auto. Das Ergebnis, so der deutsche Risiko-Spezialist Gerd Gigerenzer (Max Planck Institut, Berlin), war, dass in den zwölf Monaten nach 9/11 auf den Strassen Amerikas 1.595 mehr Menschen starben, als wenn sie geflogen wären.

Manager unterliegen oft der Verfügbarkeitsheuristik beim jährlichen Bewertungsgespräch. Sie verlassen sich auf ihr Gedächtnis und es sind die aussergewöhnlichen Ereignisse, nicht das mondäne Verhalten, an das sie sich erinnern. Was ihnen spontan in den Kopf kommt, erscheint auf einer höheren Frequenz zu ruhen und spielt deshalb eine grössere Rolle in der Bewertung. Ebenso das Verhalten des Mitarbeiters in den drei Monaten vor der Bewertung. An diese erinnert sich der Manager leichter.

Ein klassisches Beispiel ist Linda („Langsames Denken – schnelles Denken“, Daniel Kahneman) in einem 1982 durchgeführten Experiment. Linda war während ihres Studiums aktiv in der Studentenbewegung und kämpfte für Gleichheit der Geschlechter. 80-90% der Teilnehmer an der Studie entschieden, dass Linda eher eine Feministin und Bankangestellte sei als nur eine Bankangestellte. Die Konstellation zwei Bedingungen zu erfüllen, kann aber nicht höher sein als nur eine Bedingung zu erfüllen.

Kahneman und Tversky (1984) fragten Teilnehmer um die Häufigkeit von 7-Buchstaben Wörtern, bei denen der sechste ein „n“ sei. Die Teilnehmer schätzten diese Wahrscheinlichkeit als deutlich niedriger ein, als die Anzahl der 7stelligen Worte die auf „ing“ enden. Es ist leicht sich 7-Buchstaben Wörter mit „ing“ am Ende vorzustellen, bedeutet jedoch, dass in diesen Wörtern der sechste Buchstabe ein „n“ ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Heuristiken in vielen unserer Entscheidungen und Urteilen Anwendung finden können und dass sie, angepasst an die jeweilige Situation, zu guten Entscheidungen führen können, ohne uns dabei zu viel Zeit und Mühe zu kosten. Meistens ist es jedoch umgekehrt. Viele unsere Entscheidungen laufen unbewusst ab und unsere eingesetzte Heuristik ist nicht mit kritischem Denken und mit Fakten zu verwechseln – gerade bei der Verfügbarkeitsheuristik ist dies, wenn man darüber weiss, zu beobachten.

Bully Trump mag glauben, dass er mit seiner Einreise-Sperre auf die Ängste der Amerikaner reagierte – und manche im Volk mögen dies so sehen. Übereilt, und wahrscheinlich sogar gegen die Verfassung verstossend, unterlag er sicherlich der Verfügbarkeitsheuristik – genauso wie die Amerikaner insgesamt, die den Terror-Tod als gefährlicher als den Schusswaffen-Tod einschätzen*. Wie das Wall Street Journal heraus fand: „Von den 180 Menschen, die mit dschihadistischen Terrorismus in Verbindung gebracht oder angeklagt wurden oder starben, bevor sie angeklagt wurden“ kamen nur elf aus einem der sieben Länder, über die Trump die Sperre verhängte. Er verhängte keine Sperre über Saudi-Arabien, Libanon, die Vereinigten Emirate oder Ägypten – dem Zuhause der 19 Attentäter für 9/11.

*an fünfter Stelle der Angst der Amerikaner:

„Die Angst, dass das Recht auf Waffenbesitz abgeschafft wird.“

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