Kultivierung der Neutralität

Sie wurden vermutlich auch schon gefragt, wie Sie das sprichwörtliche Glas sehen: halb voll oder halb leer? Angeblich spiegelt Ihre Antwort Ihre Grundeinstellung zum Leben: Wenn Sie es halb voll sehen, sind Sie ein Optimist und wenn Sie es halb leer sehen, sind Sie ein Pessimist.

Implizit in diesem Axiom liegt eine Überlegenheit des Optimismus. Wir sind kulturell besessen von Positivität – Unternehmen messen die Zufriedenheit und das Glücklichsein der Mitarbeiter, manche Nationen schaffen Glück-Indizes und in den Medien werden wir beinahe täglich auf die Vorteile des Optimismus hingewiesen. Es bietet sich also an, das Glas halb voll zu sehen. Andernfalls riskieren Sie beim Gegenüber ein eventuell verächtliches Augenzucken.

Obwohl die Antwort auf die Frage damit nur halb beantwortet ist. Eigentlich ist das Glas weder halb voll noch halb leer. Es ist beides, oder auch nicht, denn da ist ja auch Luft drin. Im Glas befinden sich also Wasser und Luft. Wasser verdunstet in jeder Sekunde, das Glas und dessen Inhalt befindet sich in einem Zustand der ständigen Veränderung, so dass es keine Notwendigkeit gibt, den momentanen Zustand an sich zu beschreiben. Wie Shakespeare in Hamlet schrieb: „An sich ist nichts weder gut noch böse. Das Denken macht es erst dazu.“

Dinge schliessen sich nicht gegenseitig aus, sind nicht fantastisch oder schrecklich – sie sind beides – es kommt nur auf die Betrachtungsweise an. Der Dauerregen am Sonntag lässt für den einen die Grillparty ins Wasser fallen und der Hobby-Gärtner freut sich, dass es endlich regnet und er nicht die Pflanzen mit der Giesskanne giessen muss, weil der Schlauch geplatzt ist. Egal, wie dünn man die Scheibe schneidet, sie hat immer zwei Seiten.

Neutralität befreit uns. Sie hilft uns, die Wahrheit besser, die Realität klarer zu erkennen. Zu sehen was passiert, anstatt alle Situationen in Bezug auf Erwartungen und Wünsche zu definieren. Unsere Landkarte im Kopf entspricht nicht der Realität. Neutralität bietet mehr Klarheit und beseitigt Hindernisse, so dass die Dinge weder fantastisch, noch schrecklich, sondern einfach cool sind, da sie sind.

Neutralität oder Objektivität kann sogar zu mehr Erleuchtung führen. In der Tat ist die Aufgabe der Dualität der Weg zur Erleuchtung in den taoistischen und Zen-buddhistischen Traditionen: „Die Realität hat nicht dieses oder jenes. Der Pfad ist nicht gewöhnlich oder heilig“, sagte Zen-Meister Fu-Jung vor tausend Jahren.

Was er meinte, ist, dass wenn wir uns verpfänden im Sinne von: lieber dieses oder jenes, entweder gut oder schlecht, dann vermissen wir das grosse Bild. Wir formulieren schnell Meinungen, Vorlieben und manchmal Missverständnisse und wir klammern uns an ihnen fest, obwohl sie Leiden verursachen. Wir identifizieren uns mit unseren Gedanken, treffen blitzschnell Entscheidungen – ob wir es mögen oder nicht – und reduzieren damit unsere Erfahrungsvielfalt.

Dieses (automatische/unbewusste) Bewerten – auch wenn positiv – reduziert die Realität. Es lässt uns übersehen, dass fast immer, alles ein bisschen anders ist und wir nicht 100%ig sicher sein können, genau zu verstehen, warum was wie passiert und was es bedeutet.

Der Philosoph Alan Watts empfiehlt, die Neutralität zu kultivieren (auf Englisch, 49 Minuten), weil sie Perspektiven bietet, eine Art existentieller Eleganz. Es macht unser Leben ein wenig einfacher und damit erfolgreicher.

Und, alles ist relativ und wandelt sich in unserer „unsicheren“ Welt. So viele Kräfte sind im Spiel. Das einzige, was sicher ist, ist, dass die Dinge anders sein könnten und nicht gleich bleiben. Es bietet sich an, neutral zu bleiben, anstatt sich an einen vorübergehenden Zustand zu orientieren, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.

In den Worten des taoistischen Meisters Chuang Tzu:

„Es gibt keine festen Grenzen. Die Zeit steht nicht still. Nichts dauert und Nichts ist endgültig. Er, der weise ist, sieht nah und fern. Er freut sich nicht über Erfolg oder klagt im Scheitern. Das Spiel ist nie vorbei.“

In praktischer Hinsicht bedeutet das Loslassen. Als Mensch fühlen und denken wir unweigerlich, ausser wir laufen auf Autopilot. Wir stecken im Stau, wir werden zu spät ankommen, man ärgert sich, flippt aus und fühlt sich schlecht. Das ist OK. Es gibt keinen Grund das happy Lachgesicht aufzusetzen, wenn der Tag beschissen ist. Aber, grosses aber, wenn man die Situation mit neutraler, heiterer Gelassenheit sieht, so wie sie ist, dann ändert sich die Interpretation der Sachlage automatisch. Im Sinne der Stoiker, wenn man etwas nicht ändern kann, warum darüber aufregen?

Keine Angst, damit wird man nicht ein emotionaler oder intellektueller Zombie, aber man wird auch nicht ge-(be-)fangen in einer Hölle, die man mit Erwartungen und dunklen oder hellen Gedanken geschaffen hat. Es stellt sich heraus, Gedanken und Gefühle sind flüchtig, wie die Wolken am Horizont.

(Frei nach einem Artikel ursprünglich in Quarz auf Englisch veröffentlicht)

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Über Gewohnheiten und Denkmuster reflektieren…

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