Mythen des Lebens

Mythen des Lebens

Da kennen wir zumindest zwei in den Schweizer Alpen. Den Grossen- und den Kleinen Mythen. Im Bergrestaurant auf dem Grossen gibt es einen Stammtisch, der für den Hunderterclub reserviert ist. Mitglied kann nur werden, wer die steilen 500 Höhenmeter von der Holzegg mindestens einmal innerhalb eines Jahres hundertmal durchstiegen hat.

Im Leben geht es auch bergauf, aber nicht so steil. Mythen oder Lebenslügen genau zu definieren, ist zwar nicht so einfach, aber jeden, den man fragt, weiss genau, was mit „Lebenslügen“ gemeint ist.

„Lügen haben kurze Beine“ – dieses Sprichwort gilt auch für Lebenslügen. Wenn man sie durchschaut, kann man dem Leben in seinen Höhen und Tiefen ausgeglichener, freier und mit mehr Gelassenheit entgegen treten.

Manche unserer Mythen verhindern, dass wir mit Sinn und Verständnis durch unser Leben wandern. Eine Auswahl der häufigsten:

Ich will meinen Sinn und Zweck finden

Perfekt sein ist alles

Ohne Passion geht nichts

Fehler vermeiden

Wir machen uns Illusionen – über uns selbst, unsere Beziehungen, unsere Umwelt – und manche dieser Illusionen machen wir zur Grundlage unseres weiteren Lebens. Sie werden zu tragenden Pfeilern unseres Glaubenssystems.

Ich will meinen Sinn und Zweck finden

Viele Menschen sprechen davon, ihren Sinn zu finden. Der Gedanke an sich führt schon in die falsche Richtung. Das klingt, als ob man in einer existentiellen Zelle eingeschlossen ist und im Prinzip denkt: wer sucht, der findet.

Der Gedanke führt weg von der Tatsache, dass wir die Macht und Verantwortung für uns in uns haben. Wir können damit also unseren Sinn schaffen.

Sinn ist kein Standard. Wir sind nicht mit einem Sinn (religiöse Gedanken aussen vor gelassen) geboren. Wenn dies mehr Fragen als Antworten aufwirft, subtilen Stress hervorruft, dann sind Sie damit definitiv nicht allein.

Wir haben häufiger als nicht mehr Optionen und Möglichkeiten, als wir uns im Moment bewusst sind. Wenn wir erkennen, dass es an uns liegt, aufzuwachen und unseren Sinn zu kreieren (anstatt zu warten dass unser Sinn uns findet oder wir unseren Sinn finden), dann sind wir höchstwahrscheinlich offener für Opportunitäten, Zusammenhänge, Zufälle und Möglichkeiten, die uns Schritt für Schritt unseren Sinn entwickeln helfen.

Das Warten auf den Sinn ist vorbei. Wir können beginnen, unseren Sinn zu kreieren, wann immer wir wollen.

Perfekt sein ist alles

Eines der Hindernisse, die uns bremsen, inaktiv sein lassen, ist unser Wunsch, auf die richtige Gelegenheit zu warten. Es muss einfach alles passen. Doch wie oft ist alles um uns herum genauso, wie wir es haben wollen? Wann ist es perfekt?

Sehr selten, wenn überhaupt.

Ähnlich wie beim Sinn, wenn wir glauben, dass alles perfekt sein muss, bevor wir handeln können, dann warten wir erneut und werden nicht aktiv und kreieren auch nicht.

Es geht darum, Dinge auszuprobieren und festzustellen, was funktioniert. Die meisten wichtigen Entscheidungen in unserem Leben wurden ausserhalb der Komfortzone getroffen. Auf perfektes Timing oder Umstände zu warten, heisst, es sich in der Komfortzone bequem zu machen.

Perfektionismus bringt Komfort, gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, wir können nichts falsch machen und wir werden nicht beurteilt. Dabei gibt es jedoch zwei Probleme:

1. Die 100%ig perfekte Situation gibt es nicht. Wenn wir auf Perfektion warten, dann können wir auch aufs Christkind, auf den Lottogewinn oder auf besseres Wetter warten.

2. Wenn wir warten, dann halten wir uns tatsächlich selbst zurück. Wir vermeiden, aktiv zu werden, dabei hilft uns nur die Aktivität, uns weiterzuentwickeln und den Zwilling der Perfektion, nämlich die Meisterhaftigkeit zu erreichen.

Perfektion ist der Versuch, unser Ego zu schützen, während das Ziel, Meisterhaftigkeit zu erreichen, unsere Welt erweitert und unsere Wahrnehmung und Sichtweise hinterfragt.

Aktion ist besser als Perfektionismus.

Ohne Passion geht gar nichts

Michael Neill beschreibt in seinem Buch „Supercoach“  vier Möglichkeiten, wie wir unsere Ziele und Träume angehen können.

Quadrant

 

Mit niedrigem Investment und niedriger Emotion sind wir nicht besonders am Ziel interessiert. Diesen Zustand erleben wir dann, wenn uns das Thema kaum interessiert und wenn es sich nicht im Einklang mit unseren Grundwerten und unserem Lebenssinn befindet.

Mit wenig Engagement und hoher Passion sind wir zwar kaum bereit, richtig aktiv zu werden aber wir erwarten ein bestimmtes Ergebnis. Dieser Zustand könnte als Selbst-Sabotage beschrieben werden, wir sind emotional involviert, aber wir tun nicht, was wir tun könnten. Ursache könnte sein, dass wir interne Konflikte mit unseren Grundwerten haben.

Hohes Investment und hohe Emotion machen rational auf den ersten Blick Sinn. Tatsache ist jedoch: starke Emotionen können zu emotionalem Stress führen und darüber hinaus einen Scheuklappen-Effekt haben. Schönes Beispiel ist, „blind vor Wut“. Wenn wir zu emotional an einem Zustand oder einem Ergebnis hängen, laufen wir Gefahr, andere Möglichkeiten, die eventuell besser für uns wären, zu übersehen.

Also dann: starkes Engagement, wenig Emotion. Der Quadrant, in dem wir uns am meisten bewegen sollten. Wenn wir uns mit hohem Engagement aber frei von Emotionen an eine Aufgabe heranmachen, dann geben wir alles und sind dennoch offen für Alternativen und sind bereit, Ergebnisse zu erreichen, die sich eventuell besser entwickeln als unsere Wunschvorstellung.

Welchen Beruf soll ich ergreifen?“

„Mach doch einfach, was dir wirklich Spass macht und der Erfolg stellt sich von selbst ein.“

Ein Mythos, wie er im Buch steht. Ist es doch in der Tat so, je mehr wir etwas meistern, umso mehr Spass macht es uns, und umso mehr wird es zur Passion.

Unser Verständnis, was möglich ist, entwickelt sich mit unserer Lebenserfahrung. Mit Volldampf und ohne emotionale Belastung lassen wir Raum für unsere Zukunft und können grosse Träume in Angriff nehmen.

Entweder voll und ganz und ohne emotionalen Rucksack – oder gar nicht.

Fehler vermeiden

Angst vor Fehlern, etwas falsch zu machen, oder sich zu blamieren stellen Blockaden dar, die uns inaktiv werden lassen. Inaktivität wäre Stillstand. In Wahrheit gibt es natürlich keine Inaktivität, denn inaktiv sein ist auch eine Aktivität.

Falsche Entscheidungen sind lediglich Umleitungen auf dem Weg zu unserem Ziel.

Denn selbst die schlimmsten Fehler beinhalten wertvolle Lektionen. Sie bergen die Erkenntnisse, was man in der Zukunft besser vermeiden sollte. Hinzu kommt, dass alles, was wir bisher „verbrochen“ haben

„die perfekte Vorbereitung für das ist, was als nächstes kommt.“

Jetzt gleich und auch später in der Zukunft.

Wir sind allesamt Problemlöser und Gefahr Analysten. Es gab Zeiten in unserer Geschichte (so vor ein paar tausend Jahren), da war die Gefahr zu erkennen überlebenswichtig. Fehler, wie zum Beispiel nicht sofort loszurennen, wenn ein hungriger Löwe sich an uns heranschlich, hatte signifikanten Einfluss auf unser Wohlbefinden. Wenn es heute um unsere Fehler geht, gilt es, sich gedanklich umzustellen (ausser der Löwe spaziert in der Bahnhofstrasse):

Misserfolge sind nichts anderes als Feedback für uns ganz persönlich und alles, was wir tun, ist Fortschritt, so oder so.

Fazit

Sinn und Zweck sind nicht ein Ding oder vorherbestimmt. Wir leben und entwickeln uns tagtäglich – und genauso läuft es mit unserem Sinn und Zweck. Manche meiner Kunden suchen das „Ding der Dinge“, den „wirklichen Sinn ihres Lebens“. Und haben übergrosse Erwartungen an sich selbst und an das Leben.

Das ist Stress.

Ich weiss, wie sich dies anfühlt, brauche ich doch nur zu beschreiben, welche Angst man fühlt, wenn man glaubt, sein Ding nie zu finden. Oder welche Frustration man fühlt, wenn sich Erwartungen nicht erfüllen.

Wenn wir jedoch erkennen, dass wir gerade nur einen Zwischenstopp in unserem Leben einlegen, bevor es mit einer neuen Erfahrungen weitergeht, dann können wir die Angst und auch alle unsere Erwartungen loslassen und uns im Hier und Jetzt fokussieren.

Kundera hat es treffend formuliert:

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

 

 

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