Der blinde Fleck
Die Studie „Blinde Flecken“:
Forscher befragten Führungskräfte nach ihren Stärken und Schwächen – und verglichen die Antworten mit den Einschätzungen ihrer Mitarbeiter.
Das Ergebnis?
Fast 80 Prozent der von den Mitarbeitern genannten „Schwächen“ tauchten in der Selbsteinschätzung der Führungskräfte gar nicht auf.
Zenger & Folkman-Studie:
Die Führungsexperten Zenger und Folkman haben in einer groß angelegten Analyse von 360-Grad-Feedbacks festgestellt, dass Führungskräfte oft nur eine geringe Übereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung aufweisen. Vor allem bei den Schwächen ist die Diskrepanz groß.
Konkrete Zahl:
~80% Eine häufig zitierte Zahl stammt aus einem Forschungsbericht von Zenger & Folkman, in dem festgestellt wurde, dass ca. 79% der von den Mitarbeitenden genannten Schwächen in der Selbsteinschätzung der Führungskraft nicht auftauchten. Diese Zahl wurde in mehreren Artikeln aufgegriffen, unter anderem in der Harvard Business Review.
Das erinnert mich an eine tiefsinnige Beobachtung des römischen Philosophen Seneca:
„Ein leichtes Fieber täuscht uns. Wenn es aber zunimmt und zu einem richtigen Fieber wird, zwingt es selbst einen starken Mann, der viel Leid ertragen kann, zuzugeben, dass er krank ist. […] Bei den „Krankheiten“ des Geistes ist es umgekehrt. Je schlimmer es einem geht, desto weniger sieht man es.“
Diese Erkenntnis ist erstaunlich aktuell.
Denke einmal darüber nach:
Wenn du erkältet bist oder leichtes Fieber hast, ignorierst du es zunächst.
Dann wird es schlimmer. Irgendwann wird es so schlimm, dass selbst die Hartgesottensten unter uns zugeben müssen:
„Ja, ich bin krank“.
Aber bei geistigen und moralischen „Krankheiten“? Hier gilt das Gegenteil: Je schlimmer es um uns steht, desto weniger sehen wir es ein.
🌄 WOCHENEND-REFLEXION: DIE BLINDEN FLECKEN ERFORSCHEN
Drei tiefgründige Fragen für dein Wochenende:
1. Die Frage nach dem Anderen:
Denk an zwei oder drei Menschen, die du nicht besonders bewunderst.
– Welche moralischen Schwächen siehst du bei ihnen?
– Glaubst du, dass sie sich dieser Schwächen bewusst sind?
– Wenn du sie darauf ansprichst, würden sie dir zustimmen?
2. Die Selbst-Frage:
Jetzt wird es spannend…
– Was sind deine eigenen moralischen Schwächen?
– Bist du sicher, dass diese Liste vollständig ist?
– Würden deine Kritiker oder „Feinde“ zustimmen, dass du keine weiteren moralischen Schwächen hast?
3. Die Frage nach dem Erwachen:
– Wann hast du das letzte Mal erkannt, dass du in einer Sache völlig falsch lagst?
– Wie hast du dich in diesem Moment des „Aufwachens“ gefühlt?
– Was hat dir bei dieser Erkenntnis geholfen?
Seneca vergleicht unseren Zustand mit dem Träumen:
Wenn wir leicht schlafen, haben wir Träume, die mit Ruhe vereinbar sind.
Manchmal sind wir uns sogar bewusst, dass wir träumen.
Der Tiefschlaf aber löscht selbst unsere Träume aus.
Er versenkt den Geist so tief, dass er sich seiner selbst nicht mehr bewusst ist.
Warum geben Menschen ihre Fehler nicht zu?
Weil sie noch mittendrin sind.
Man merkt erst beim Aufwachen, dass man geträumt hat.
Praktische Übungen für ein Wochenende der Selbstreflexion:
1. Die Blind Spot Meditation:
Nimm dir 10 Minuten Zeit und frage dich ehrlich
– „Welche Verhaltensweisen kritisiere ich bei anderen am meisten?“
– Achte darauf, ob du bei dir selbst ähnliche Tendenzen entdeckst.
2. Das Feedback-Experiment:
Frage eine vertraute Person:
„Was ist eine Eigenschaft, in der ich blind für mich selbst sein könnte?“
Höre zu, ohne zu verteidigen oder zu erklären.
3. Das Einsichtstagebuch:
Notiere jeden Tag ein „Aha-Erlebnis“ – einen Moment, in dem du etwas über dich erkannt hast, was dir vorher nicht bewusst war.
Zum Schluss ein ermutigender Satz:
Seneca sagt, dass das Eingeständnis von Fehlern ein Zeichen von Gesundheit ist. Es ist wie das Erwachen aus einem tiefen Schlaf – plötzlich sieht man klarer.
Das wünsche ich dir für dieses Wochenende:
– Den Mut, deine blinden Flecken zu erforschen.
– Die Weisheit, Feedback als Geschenk zu betrachten
– Die Gelassenheit, dich auch mit deinen Schwächen anzunehmen.
PS: Die Aufgabe für das Wochenende – erinnere dich mindestens einmal pro Stunde an diesen Gedanken. Wenn möglich, stelle dir einen Wecker, der dich stündlich daran erinnert. Überlege dir, wie du das jetzt in deinem Leben anwenden kannst.
PS: Wenn du Unterstützung auf dem Weg der Selbsterkenntnis suchst – ein Weg, der manchmal einsam und herausfordernd sein kann – Lass uns darüber reden.