Sein, oder nicht?

Sein, oder nicht?

 

 

 

 Über die Jahre wurde Aufmerksamkeit umfangreich erforscht, weit über den Bereich der Wachsamkeit hinaus. Die Fähigkeit, aufmerksam zu sein, so die Erkenntnis, bestimmt, wie wir bestimmte Aufgaben erledigen. Ist sie eingeschränkt, schneiden wir schlecht ab; ist sie besser ausgebildet, erbringen wir gute Leistungen. Unsere Lebensgewandtheit hängt von dieser subtilen Fähigkeit ab. Produziert wird sie in unserem Hirn und umfasst Auffassungsgabe, Gedächtnis, Lernen und das Gespür dafür, wie wir uns fühlen und warum, die Deutung der Gefühle anderer und eine reibungslose Kommunikation.

Kommunikation im weitesten Sinne beinhaltet meines Erachtens nicht nur die Dialoge mit anderen, sondern auch die Selbstgespräche im Kopf, wie man sich und anderen zuhört und die Wahl der Sprache, die man verwendet. Mehr über „achtsam zuhören – achtsam sprechen“  sprechen hier. Heute geht es um das Wort „sein“ und seine Konjugationen (bin, bist, ist, seid, sind). Ich postuliere, wenn wir unsere Semantik besser im Griff haben, verbessern wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Wahrnehmung der Wahrheit. Mit semantischer Hygiene vermeiden wir viele der logischen Fehler, die emotionalen und kognitiven Verzerrungen, die uns unser Leben manchmal so schwer machen. Es mag beinahe pedantisch sein was folgt, ich möchte Sie trotzdem einladen, den Gedanken zu folgen, eröffnen sie doch das Erkennen von vielen Missverständnissen.

Die Theorie des „E-Prime“ bezeichnet einen reduzierten englischen Wortschatz, der alle Formen des „to be“ (sein) vermeidet und inspirierte mich zur heutigen SMSS. Den Gebrauch des Wortes „sein“  zu überdenken erhöht Aufmerksamkeit und Klarheit, auch in der deutschen Sprache.

„Maria ist eine Dentalhygienikerin“ verwandelt sich ohne die Konjunktion von „sein“ zu verwenden, in: „Maria reinigt Zähne von 9.00 bis 17.00 Uhr an Werktagen“.

„Deine Schuhe sind hässlich“ wird zu: „ich mag deine Schuhe nicht“.

„Sein Geschmack ist fürchterlich“ zu: er und ich haben einen unterschiedlichen Geschmack“.

„Da liegst du falsch“ zu: „das sehe ich anders“.

Im Maria-Beispiel kann man erkennen, wie wir ohne das Wort „ist“  vermeiden können, Menschen anhand ihrer Attribute zu beurteilen oder zu beschreiben. In diesem Fall Maria in der Zahnarztpraxis, hat sie doch mehr Merkmale als nur ihren Job; z.B. die Farm, auf der sie lebt oder die Art, wie sie lächelt und wie gerne sie tanzt.

Wenn man sagt „deine Schuhe sind hässlich“, dann scheint es, als ob ich über dich spreche, während ich in der Tat doch über mich und meinem Geschmack spreche. Wenn ich jedoch erkläre, was ich fühle, anstatt zu sagen, was „du bist“, dann ist das menschlicher und gewaltfreier.

Die vier Beispiele geben Ihnen ein Gefühl, inwieweit E-Prime Potential hat und zu helfen vermag, unsere bewertende und gewaltreiche Sprache zu reduzieren. Übrigens, die meisten Menschen schreiben E-Prime mit Bindestrich, während ich eprime bevorzuge. Nun, gerade mitgeteilt, was ich mag oder nicht mag, habe ich meinen subjektiven Geschmack mit Ihnen geteilt. Hätte ich geschrieben, dass E-Prime unschön aussieht, dann hätte ich bewertet.

Keyes und Korzybski plädieren (Keyes schon 1954 in seinem Buch „How to Develop your Thinking Ability“) für ein gesteigertes Bewusstsein des Ausdrucks innerhalb der menschlichen Kommunikation. Die Keyes’schen Denkwerkzeuge sind Postulate, auf die man sein Denken fokussieren und sich damit die Denkblockaden bewusst machen kann.[1]

Nachfolgend in Kurzform sechs Denkwerkzeuge:

Werkzeug 1 – Keiner weiss etwas

Niemand weiß alles über jeden und jedes. Ein einzelner, kleiner, übersehener Fakt kann dazu führen, dass wir unser gesamtes Denkgebäude und unsere Werte überdenken und korrigieren müssen. Wie oft haben wir in den letzten Jahrzehnten unsere Vorstellung der Entstehung der Welt korrigieren müssen? Es ist an der Zeit, das 1. Werkzeug einzusetzen und in Gedanken hinzuzufügen:

„Soweit ich weiss….“

Wenn wir unser Wissen auf einem bestimmten Gebiet präsentieren, hilft uns dieses Werkzeug, uns daran zu erinnern, dass jedes Wissen unvollständig ist. Dies hält somit unsere Wahrnehmungskanäle für neue Fakten offen. Darüber hinaus hat es den grossen Vorteil, unser Gesicht zu wahren, wenn sich Informationen, auf deren Richtigkeit wir vertraut haben, sich als falsch oder überholt herausstellen.

Werkzeug 2 – Nicht in Schwarz/Weiss, sondern mindestens in Grautönen oder besser in Farben denken

Nichts in dieser Welt (ausser dem black hole) ist pures Schwarz oder reines Weiss. Die wenigsten Dinge sind 0 Prozent oder 100 Prozent. Unser Entweder-Oder-Denken kann uns ganz schön in die Irre führen, vor allem, wenn es darum geht, für das Erreichen von Zielen und Ergebnissen in Handlungsoptionen zu denken. Immer dann, wenn wir uns ganz sicher sind, wir hätten nur eine „entweder“„oder“  – Wahl, können wir in Gedanken hinzufügen:

„… bis zu einem gewissen Grad.“

Dieses Werkzeug soll uns an die bestehende Vielfältigkeit von Dingen und Entscheidungsoptionen erinnern. Es soll unser Interesse wecken und uns wach halten, die, und unsere „Landschaft“ zu erforschen und herauszufinden, bis zu welchem Grad die jeweiligen „Dinge“, die wir betrachten (Entscheidungen, Handlungsoptionen, Ziele, Herausforderungen…) immer noch jene Charakteristika beibehalten, an denen wir eigentlich interessiert sind.

Werkzeug 3 – Wer redet denn…?

Den Ausschnitt der Welt, den wir wahrnehmen, beschreiben wir in unserer Sprache. Er enthält alle Aspekte unserer Familiengeschichte, unserer Erziehung, unserer Erlebnisse, unserer Erfahrungen. Er ist damit genauso individuell, wie wir selbst. Wer aber garantiert uns, dass das Rot des Mohns von anderen Menschen genauso wahrgenommen wird wie von uns. Wer kann mit Sicherheit sagen, dass das Glas, das vor mir steht, das gleiche Glas ist, das mein Nachbar wahrnimmt? In meiner Sprache tue ich jedenfalls so. Ich sage: „Das IST ein Glas, das IST roter Mohn“. Es lohnt sich, diesen Umstand ganz bewusst in seinem Sprachgebrauch aufzunehmen und zu relativieren:

„In meiner Welt… (oder) Für mich…“

Dieses Werkzeug soll uns daran erinnern, dass niemand die Welt aus allen möglichen Perspektiven wahrnehmen kann. Es erinnert uns daran, wenn ich ein Urteil fälle, dieses Urteil auf der Basis MEINES Geschmacksempfindens, MEINER Werte und MEINER Erziehung von MIR gefällt wird.

Werkzeug 4 – Unterschiede, die einen Unterschied machen

Keine zwei Gegenstände in dieser Welt sind genau gleich. Genau dies täusche ich jedoch vor, indem ich mehrere Gegenstände zu Gruppen zusammenfasse und mit Namen bezeichne (die Chinesen). Genau diesen Fehler begehe ich ebenfalls, wenn ich Urteile, die auf einen Teil der Gruppierung (ein „böser“ Chinese) zutreffen mag, mit einem Attribut verallgemeinere (die „bösen“ Chinesen). Achten wir deshalb genau auf den Gebrauch von Gruppierungsattributen und fragen uns:

„Worauf beziehe ich mich…?“

Dieses Werkzeug soll uns daran erinnern, dass „ein Mensch“ nicht „alle Menschen“  ist, dass „ein Ding“  nicht „alle Dinge“  ist, dass “ein Verhalten“  nicht „alle Verhalten“  sind. Indexnummern (1., 2., 3., A., usw.) und Gruppennamen (die Männer, die Chinesen, die Japaner) verleiten uns dazu, Urteile zu verallgemeinern. Es hilft uns, uns daran zu erinnern, dass Unterschiede häufig eben doch einen Unterschied machen

Werkzeug 5 – immer auf dem neuesten Stand sein

Wenn man nach vielen Jahren einen alten Freund wieder trifft, fällt einem bestimmt auf, dass er mich nach bestimmten Kriterien beurteilt, die für mich eventuell bereits überholt sind. Er mag positive oder negative Eigenschaften in mir wahrgenommen haben, die ich bereits erfolgreich hinter mir gelassen habe (oder verlernt habe). Sein Bild meiner Persönlichkeit ist „nicht mehr zeitgemäss“. Jeder Mensch und jedes Ding ist im Verlaufe der Zeit Veränderungen unterworfen. Auch ich selbst. Die Fakten von gestern können sehr leicht die Märchen von heute sein. Es ist also sinnvoll, den Zeitaspekt in unsere Entscheidungen und in unser Denken miteinzubeziehen. Wir können fragen:

„Auf welchen Zeitpunkt beziehen sich meine Informationen?“

Dieses Werkzeug soll uns daran erinnern, dass sich unsere Informationen auf den Zeitpunkt beziehen, in der wir unsere „Landschaft“ erforscht haben. Die Annahme, dass sich diese Landschaft im Verlaufe der Zeit nicht verändert haben könnte, ist irrig. Das können wir schnell herausfinden: sehen wir uns einfach eine Kinofilm erneut an, der uns vor zehn Jahren gefallen hat oder  lesen ein Buch erneut, das wir vor zwanzig Jahren spannend verschlungen haben, oder denken an den Partner, den wir vor dreissig Jahren geliebt haben (das Letztere nicht für alle Leser anwendbar). Hat mein Urteil von damals heute noch Gültigkeit?

Werkzeug 6 – Die richtige Stelle markieren

Eine Person oder ein Ding kann in unterschiedlicher Umgebung (mit seinem Verhalten) sehr unterschiedlich reagieren. Ebenso ist die Interpretation dieses Verhaltens durchaus unterschiedlich. Ein Kopfstand in der Yogastunde kann den Beifall aller Anwesenden auslösen. Ein Kopfstand in der Fussgängerzone wird gemischte Reaktionen hervorbringen. Ein Kopfstand während einer Hochzeitszeremonie wird sicherlich nur Kopfschütteln und Unverständnis hervorrufen. Diese Erkenntnis hat mehrere, nützliche Interpretationen. Es gibt kein falsches Verhalten, nur einen falschen Kontext. Oder: Jedes einmal gelernte Verhalten kann sich als nützlich erweisen, wenn der Kontext dazu passt. Diesem Umstand kann ich Rechnung tragen, indem ich folgenden Aspekt berücksichtigte:

„Was ist der Kontext?“

Dieses Werkzeug soll mich daran erinnern, dass nichts auf dieser Welt in Isolation existiert. In welcher Umgebung die Ereignisse, das Verhalten oder die Prozesse geschehen, ist entscheidend für ihre Einordnung. Es soll mich ebenfalls daran erinnern, dass sich das Verhalten von Personen und Dingen verändern kann, wenn sich die Umgebung ändert.

Soweit die Vorstellung der „Denkstrukturen“ von Keyes. Ich brauche bestimmt keine Strategien zu beschreiben, wie man diese Informationen ins Leben integrieren kann. Aber es könnte sein, dass diese Werkzeuge die Struktur des Denkens entwirren und im Verlaufe der Zeit mehr Klarheit schaffen. Das wünsche ich mir, zumindest für mich.

[1] Für den nachfolgenden Teil Dank an Chris Mulzer, Berlin, kikidan, seinen Text habe ich fast wörtlich übernommen.

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