Stimmigkeit
Dies ist Folge 4 von 6 meiner kleinen Schulz-von-Thun-Serie.
Falls du die ersten Folgen nachlesen möchtest:
- Folge 3: Das innere Team
- Folge 2: Vier Ohren (Kommunikationsquadrat)
- Folge 1: Dummi & Klugi
Heute geht’s um einen Begriff, den ich viel lieber mag als „Authentizität“:
Stimmigkeit.
Warum? Weil „Authentizität“ manchmal klingt wie ein Freipass für schlechtes Benehmen.
So nach dem Motto:
„Ich bin halt direkt.“
Ja: ein Presslufthammer ist auch direkt.
Schulz von Thun sagt sinngemäß: Stimmigkeit entsteht aus der Verbindung von zwei Polen:
- Übereinstimmung mit mir selbst
Bin ich in Kontakt mit mir? Sage ich, was für mich wahr und echt ist? - Übereinstimmung mit Situation und Rolle
Passt das, was ich sage, zum Kontext, zur Aufgabe, zum Moment?
Wenn du nur Pol 1 nimmst, wirst du zum Authentizitäts-Rambo:
brutal ehrlich, aber nicht unbedingt hilfreich oder sozial.
Wenn du nur Pol 2 nimmst, wirst du zur Situationsmarionette:
perfekt angepasst, aber innerlich weit entfernt von dir selbst.
Stimmigkeit ist die Synthese:
nicht entweder ich oder die Situation,
sondern beides.
Und das ist komplexer.
Und viel erwachsener.
Warum Stimmigkeit so entlastend ist
Viele Menschen sind in Gesprächen entweder:
- zu hart, zu offen, zu ehrlich
oder - zu weich, zu angepasst, zu opportunistisch
Stimmigkeit ist die dritte Option: klar und verbunden.
Du sagst, was gesagt werden muss,
ohne die Beziehung als Kollateralschaden zu behandeln.
Und du bleibst in Beziehung und in Kontakt,
ohne dich selbst zu verlassen.
Das ist keine Technik. Das ist innere Haltung.
Mini-Übung (4 Minuten): Der Stimmigkeits-Satz
Denk an ein Gespräch, das du führen willst. Oder an eins, das du vermeidest.
Dann schreib diesen Satz zu Ende:
„Ich will heute ________ und gleichzeitig ________.“
Wähle links deine innere Wahrheit, rechts die Situationsgerechtigkeit.
Beispiele:
-
- „Ich will klar sein und gleichzeitig respektvoll bleiben.“
- „Ich will Nein sagen und gleichzeitig die Beziehung nicht schädigen.“
- „Ich will meine Grenze aufzeigen und gleichzeitig fair bleiben.“
- „Ich will mich ernst nehmen und gleichzeitig die Lage nicht eskalieren lassen.“
Wenn du einen solchen Satz gefunden hast, hast du bereits 80% deiner Stimmigkeit.
Denn du hast dem inneren Team (Folge 3) einen klaren Auftrag gegeben.
Und du hast deinen vier Ohren (Folge 2) einen Rahmen geschaffen.
Und dein Dummi (Folge 1) kann prüfen, ob der Satz in Realität umsetzbar ist.
Stimmigkeit ist nicht: „Ich sage, was ich denke.“
Stimmigkeit ist: „Ich sage, was ich vertreten kann, ohne mich oder den anderen klein zu machen.“
Das ist leiser.
Und wirkungsvoller.
Reflexionsfrage
Wo spielst du gerade Authentizitäts-Rambo oder Situationsmarionette –
und wie sähe die stimmige Mitte aus?
Mit Klarheit
Harry
PS: Nächste Woche Folge 5: Trigger und Projektion. Oder warum dich gewisse Menschen so zuverlässig auf die Palme bringen.
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