Den Gefühlen trauen ?

Den Gefühlen trauen?

Auf jeden Fall, zumindest wenn man die Hand über die brennende Kerze hält. Und wie sieht es mit den anderen Gefühlen aus, der Wut, dem Ärger, der Angst, der Traurigkeit, der Verachtung, dem Ekel, der Freude, den Schuldgefühlen, den Schamgefühlen, dem Selbstwertgefühl; den Liebesgefühlen, den Minderwertigkeitsgefühlen, den Lustgefühlen, dem Mitgefühl, dem Bauchgefühl, dem Glücksgefühl, den verletzen Gefühlen und dem Neid, etc., etc.?

Der Dalai Lama hat gesagt, dass Buddhismus und Wissenschaft tief ineinander greifen. Mehrere Wissenschaftler und Philosophen haben diese Herausforderung aufgegriffen, haben die Gehirne von Meditierenden gescannt und versucht, zu erkennen, ob Meditation einen Einfluss auf unsere Gefühlswelt hat und wie wir damit umgehen. Gibt es Implikationen die in der modernen Psychologie einen Sinn machen?

Nun, für mich war und ist der Umgang mit meinen Gefühlen, sie zu beobachten, der wesentliche Schritt zu mehr Achtsamkeit. Gefühle sind wichtig, nicht nur für die offensichtlichen Gründe, sondern weil sie uns erklären können, wie wir die Welt für uns sehen. Eine der Doktrinen des Buddhismus ist es, die Welt mit mehr Achtsamkeit zu erleben und dass, als Folge der erhöhten Achtsamkeit, die Interpretation unserer Gefühle bewusster erfolgt, wir weniger auf Autopilot laufen.

Ist es demnach so, dass es Gefühle gibt, die uns leiten und dass wir in der Lage sind, diese zu beeinflussen? Gibt es Gefühle, die uns ein Bild unserer Realität vorgaukeln und sollten wir diese hinterfragen? Sind unsere Gefühle also vertrauenswürdige Impulse für die Realität? Macht es Sinn, zu überlegen, ob es Gefühle gibt, die wahr oder falsch sind?

Im Prinzip gibt es angenehme, unangenehme, positive oder negative und neutrale Gefühle. Buddha hat nie über Emotionen gelehrt, sondern nur über Gefühle gesprochen. Gefühle sind Bestanteile unserer emotionalen Welt. Brauchen wir die Gefühle doch aus evolutionären Notwendigkeiten, denn ohne Gefühle hätten wir nicht überlebt.

George Romanes, der jüngste von Charles Darwins akademischen Freunden, hat ein paar Dekaden nach Darwin’s “The Origin of Species” geschrieben: “Freude und Schmerz muss sich entwickelt haben aus Prozessen, die für den Organismus entweder positiv oder verletzend waren und sind deshalb entstanden, damit der Mensch das eine sucht und das andere vermeidet.“

Das macht Sinn. Einerseits gibt es das Rasseln der Klapperschlange, welches uns ein schlechtes Gefühl gibt und wir uns lieber entfernen, andererseits nähern wir uns mit Freuden dem Buffet, da es uns ein gutes Gefühl gibt, zumindest wenn wir hungrig sind.

Unsere Gefühle motivieren sehr direkt, wenn sich die Hand über der Kerzenflamme befindet: wir spüren den Schmerz und reagieren sofort. Manchmal läuft es mehr indirekt ab. Denken wir an jemanden, den wir nicht so gut leiden können. Dann fangen wir an über all die Fehler dieses Menschen nachzudenken ohne direkten Einfluss auf unser Verhalten, aber wehe, wir sprechen mit einem Dritten über diese Person, dann haben wir ein ganzes Arsenal bereit.

Unsere Gefühle beeinflussen uns immer, direkt oder indirekt. In der Tat sind unsere Gefühle Motivatoren, um uns von schlechten Dingen fern zu halten und uns an das Gute anzunähern. Man könnte auch sagen, unsere Gefühle sind das Beurteilen und Bewerten unseres Umfelds. Welches ist das richtige Verhalten in Hinblick auf das, was wir fühlen? Wir können es vereinfachen und uns fragen: „Ist das gut für mich oder ist das schlecht für mich?“

Wenn Gefühle eine Beurteilung der Situation sind, könnte dies auch zur Frage führen „wie oft beurteilen wir die Situation verkehrt?“  In anderen Worten, wir können erkennen, dass manche Gefühle wahr sind und andere falsch.

Als sich die Gefühle in unseren Vorfahren entwickelten, damals ohne Kühlschrank und iPhone (Homo Erectus ca. vor 1.6 Millionen Jahren), war es überlebensnotwendig zum Beispiel nach Süssem zu forschen. Beeren waren süss und der Fruchtzucker war gut für uns, Junk Food gab es nicht. Wir leben heute in einem völlig anderen Umfeld, mit den Beeren in der Bahnhofstrasse ist es nicht weit her, die Sahnetorte gibt es jedoch in jeder Bäckerei. So, der „sweet tooth“ machte damals Sinn, nicht aber unbedingt heute.

Ein weiteres Beispiel ist Zorn und Wut. Würde man einen Evolutions-Psychologen fragen, „was hat es mit der Wut auf sich, was bringt der Zorn?“ würde die Antwort etwa so aussehen:

Während unserer Entwicklung im Jägerdorf (Homo Sapiens) vor 200.000 Jahren war es sehr wichtig, den Mitbewohnern klar zu machen, dass du nicht einer bist, dem man ausnutzen oder hintergehen kann. Es war wichtig, den anderen klarzumachen, was ihnen blühen würde, wenn sie versuchten, dir deine Frau oder deine Lebensmittel zu stehlen. Sie mussten wissen, welchen Preis sie für dieses Fehlverhalten zahlen müssten. Im Jägerdorf gab es keine Polizei oder Richter. Es sollte also keiner auch nur versuchen, dich als schwach darzustellen, denn wenn du nicht klar reagierst, denken alle im Dorf, du seist ein Schwächling und man könne mit dir machen, was sie wollen. Es ging um Anerkennung und Ehre und im Endeffekt ums gut Überleben.

Nun, wie sieht das in der modernen Welt aus? Nehmen wir als Beispiel die Wut im Strassenverkehr. „Du Idiot!“ oder „Hast du den Führerschein durchs Telefon gemacht? „Ich habe Vorfahrt“ oder auf die Hupe drücken: „Warum pennt der vor der Ampel?“ Nötigen auf der Autobahn, eventuell überholen und den Finger zeigen. Wenn wir darüber reflektieren, sieht es absurderweise so aus:

Ich sitze im Auto und denjenigen, dem meine Wut gilt, kenne ich nicht und werde ich nie mehr sehen. Ihm den Finger zu zeigen oder ihn anzuschreien, ihm also eine Nachricht über mich zu senden, ist absolut nutzlos. Alle anderen Verkehrsteilnehmer, die meine Reaktion beobachten, werde ich auch kaum wiedersehen. Es gibt also keinen vernünftigen Grund, dieser Wut Leben zu verleihen. Ausserdem ist es gefährlich, sitze ich doch in einem Fahrzeug mit 1,5 Tonnen Gewicht. Ein Beispiel, das zeigt, wie ein verändertes Umfeld ein Gefühl, das vor langer Zeit als notwendig und richtig einzustufen war, plötzlich absurd wirkt und keinen Sinn mehr macht.

Ein weiteres, wenn auch um vieles komplexeres Beispiel, ist die Angst. Stellen wir uns vor, wir müssten eine Rede vor grösserem Publikum halten. Jeder, der in dieser Situation war, fühlte zumindest ein bisschen Angst. Manche spüren eine ganze Menge davon. Ohne Angst in unserer Evolution wären wir schon längst ausgestorben. Z.B. damals beim Spaziergang mit der Liebsten: „Oh, schau mal, eine ziemlich grosse Katze, mit den rosettenartigen Farbtupfern könnte es ein Leopard sein. Ziemlich gross, also wahrscheinlich ein Männchen. Ob der hungrig ist?“ fragt er sie. „Lässt der sich vielleicht streicheln?“ Sie antwortet, „Könnten wir ausprobieren, aber ich habe noch einen Termin beim Friseur, lass‘ uns umkehren…“

Damals half uns die Angst, zu rennen was das Zeug hält. Ohne diese Angst hätten wir unsere Gene nicht in die nächste Generation gebracht. Hinzu kommt, dass unsere Überlebenschancen direkt abhängig waren von der Anzahl der Freunde, die wir hatten. Je mehr wir die Bekannten um uns herum beeindruckten, umso eher wurden sie Freunde.

Jetzt plötzlich vor mehreren Dutzend oder gar Hunderten von fremden Menschen zu sprechen, entspricht nicht unserem natürlichen Grundverhalten. So mag diese Angst zwar helfen, sich gut vorzubereiten, kann aber trotzdem ziemlich hinderlich sein. Es ist nicht produktiv, wenn man die Nacht vorher nicht schlafen kann oder wenn, auf der Bühne, einem plötzlich die Worte fehlen. Hier hilft uns die Angst nicht, unseren Job zu erfüllen. Unser Angstgefühl ist in diesem Zusammenhang nicht zuverlässig, es zeigt eine fehlerhafte Interpretation der Situation.

Um als Homo Erectus zu überleben, galt es, wenn im Zweifel, dann lieber Angst (Flucht) als heitere Gelassenheit. Ich glaube, dies ist der Grund, dass wir häufiger als nicht, vom Schlechten ausgehen. Die Tochter ist über eine Stunde spät: „Wird doch nichts passiert sein? Vielleicht hatte sie einen Unfall und liegt schon auf der Intensivstation?“

Deshalb meine ich, zurückkommend zu Buddha, sind all dies triftige Gründe dafür, Achtsamkeit mit seinen Gefühlen zu pflegen. Wenn man manchen Gefühlen nicht trauen kann, manche schlichtweg absurd sind, dann macht es Sinn, seine Gefühle objektiv (soweit möglich) zu beurteilen und darüber zu reflektieren. Bewusst entscheiden, wie damit umgehen, mit anderen Worten: Gefühle mit Einsicht betrachten.

Das ist, was Buddha unter Weisheit versteht. Bewusst empfinden, welche Gefühle uns nutzen und für uns Sinn machen, um auf sie zu agieren und zu entscheiden, auf welche wir nicht eingehen wollen. Ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass dies meine sehr vereinfachte Betrachtung ist und der interessierte Leser mannigfaltige Interpretationen findet. Meine Betrachtung ist inspiriert vom Seminar „Buddhism and Psychology, Princeton University“

Zum Beispiel, bei Gewalt im Verkehr, könnte ich mich fragen: “Moment mal, ist es wahr, dass diese Person eine Sünde begannen hat, ist meine Wut gerechtfertigt?“  War es nicht so, als ich das letzte Mal übersah, dass der andere Vorfahrt hatte und er mich heftig anhupte, ich dachte, „reg dich doch nicht so auf?“

Fragt man sich in dieser Weise, kann man darüber reflektieren, was die moralische Wahrheit ist. Berühmte Meditationslehrer denken, dass manche unserer Gefühle einfach als unwahr erscheinen. Meine Interpretation ist,  dass die Gefühle zwar da sind, aber im Hinblick auf die moralische Realität einer Überprüfung nicht standhalten. Ist es doch nur unsere eigene Realität, die wir im Kopf haben.

In meiner Welt ist die Reflektion über Gefühle und das Bewusstsein über die individuelle Wirklichkeit was Buddha unter Erleuchtung (Enlightment) versteht. Bin ich mit der Realität in Synchronisation, nicht nur im Sinne von objektiver Beobachtung, sondern auch in Sinne von moralischer Wahrheit? Buddha behauptet des Weiteren, dass das „Ding“ in unserem Kopf, das uns machen lässt, was immer wir auch tun, eine Illusion sei. Diese Diskussion würde den Rahmen jetzt jedoch endgültig sprengen und doch ist dieser Gedanke Grundlage dafür, wie wir unser Leben leben, abhängig davon, wie wir unsere Gefühle sehen, welchen Gefühlen wir blind folgen und welchen nicht, und die Frage, wie wir uns in Linie bringen mit unserer moralischen Wahrheit und dem, wie wir unser Leben geniessen wollen.

Wissenschaftliche Studien haben in der Tat herausgefunden, dass regelmässiges Meditieren nachweislich hilft, eben diese Achtsamkeit, sozusagen en passant, im täglichen Leben zu erhöhen. Denn unsere Neuroplastizität, die Fähigkeit, dass die Synapsen in unserem Hirn durch Meditation neue  Verbindungen miteinander eingehen und uns trainieren, unsere Gedanken und Gefühle besser zu beobachten, bestätigt dies. Die Neurowissenschaftler können dies im fMRI (Funktionelle Magnetresonanztomographie) und durch Brain Scanning nachweisen.

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