Der Bauch …

Der Bauch …

 

… in unseren Köpfen:

Ökonomen und Wissenschaftler haben lange geglaubt, dass die Menschen logische, wohlüberlegte und rationale Entscheidungen treffen. In den letzten zwei Dekaden haben Neurowissenschaftler jedoch eine ganze Reihe von mentalen Ungereimtheiten und Fehlern entdeckt, die unbewusst in unserem Hirn entstehen und uns entscheiden lassen.

Eine einfache Aufgabe:

schläger

Ein Schläger und ein Ball kosten 1,10 Dollar.

Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball.

Wie viel kostet der Ball?

Merken Sie sich bitte Ihre Antwort.

Kommentar:

Ich denke von mir, dass ich ein rationaler Mensch bin, aber das stimmt leider nicht. Die einzig gute Nachricht ist, ich bin nicht alleine – wir sind alle irrational und oft merken wir es gar nicht oder sind uns dessen zumindest im Moment nicht bewusst.

Die obige Denksportaufgabe, ausgeliehen von Nobelpreisträger Kahnemann und seinem Kollegen Tversky, zeigt den Unterschied von System 1, „schnelles Denken“  und System 2 „langsames Denken“.

Wenn Sie die obige Aufgabe mit schnellem Denken geknackt haben, dann glauben Sie, dass der Ball 10 Cent kostet. Damit sind Sie nicht alleine, denn 80% aller Befragten – und ich auch – kommen zu diesem Ergebnis.

Wenn wir System 2, das langsame Denken einschalten, wird uns klar, dass die spontane Antwort falsch ist. Richtig ist, dass der Ball 5 Cent kostet.

„Cognitive Bias“ (auf Deutsch: Kognitive Verzerrungen) gibt es viele und oft sind sie uns nicht bewusst.

 

Wenn die Rede von kognitiven Verzerrungen ist, ist damit keine Wertung gemeint. Es geht also nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und ihn des verzerrten Denkens zu beschuldigen. Wir alle sind von solchen Verzerrungen betroffen. Kognitive Verzerrungen sind wie irren: einfach menschlich.

6 Beispiele:

Überlebensirrtum (Survivorship Bias)

Oft in Medien zu finden: „8 Dinge, die erfolgreiche Menschen jeden Tag tun“ oder „Den besten Ratschlag, den Richard Branson je bekam“.

Wir konzentrieren uns auf die Gewinner und vergessen, dass nur ein winziger Bruchteil des Erfolges von unseren Fähigkeiten abhängt. Das heisst nicht, dass Fähigkeiten überflüssig sind; aber meistens sind es viel mehr Faktoren, die den Erfolg begleiten und wachsen lassen. Gefällt uns die Schlussfolgerung:

„Richard Branson, Bill Gates und Mark Zuckerberg beendeten ihr Studium ohne Abschluss und wurden Milliardäre. Bildung ist also unwichtig für den Erfolg. Unternehmer sollten ihre Zeit nicht mit Schule verschwenden, sondern einfach loslegen.“

Wollen wir glauben, dass es so einfach ist?

Neben jedem Branson, Gates und Zuckerberg gibt es Tausende von Unternehmern, die vorzeitig ihr Studium abgebrochen haben und trotzdem keinen Erfolg produzierten, hohe Schulden akkumulierten und Familie und Freunde verloren haben.

Ohne die Verlierer zu berücksichtigen, ist es einfach anzunehmen, dass eine ganz bestimmte Strategie zum Erfolg führt. Weil Erfolge grössere Sichtbarkeit im Alltag erzeugen als Misserfolge, überschätzen wir systematisch die Wahrscheinlichkeit für Erfolg und ziehen falsche Schlüsse. Wenn ich Bill Gates Zeitmanagement-System übernehme, dann habe ich Erfolg. Das ist eine kognitive Verzerrung.

Verlustaversion (Loss Aversion)

Individuen messen einem Gut einen höheren Wert zu, wenn sie das Gut besitzen, als wenn sie es nicht besitzen. Unser Freund Kahnemann hat in einem Experiment der Hälfte einer Gruppe von Studenten zufällig eine Kaffeetasse im Wert von 5 Dollar zukommen lassen, während die andere Hälfte der Studenten nichts bekam.

Die Studenten, die einen Becher erhielten, wurden nach dem Mindestpreis gefragt, zu dem sie den Becher an ihren Professor zurückverkaufen würden, während die zweite Gruppe, die nichts bekam , nach dem minimalen Geldbetrag gefragt wurde, den sie anstatt eines Bechers akzeptieren würden.

Hier geht es um den Referenzpunkt. Bei der Gruppe, deren Referenzpunkt der Besitz des Bechers war, betrug der durchschnittliche Verkaufspreis 7 Dollar.

Die zweite Gruppe, deren Referenzpunkt der Nichtbesitz eines Bechers war, war bereit, durchschnittlich 3 Dollar 50 Cents anstatt eines Bechers zu akzeptieren.

Viele Aktienbesitzer kennen dieses Phänomen sehr gut: „Ich kann erst dann verkaufen, wenn die Aktie aus dem Verlust ist“. Selbst professionelle Portfoliomanager, die ein anderes Investment als besser erachten, verkaufen lieber eine Gewinnposition als eine Verlustposition, um das neue Investment zu kaufen. Verlust vermeiden ist wichtiger für uns als etwas zu gewinnen. Was wir bereits besitzen, hat mehr Wert für uns als was wir noch nicht besitzen. Das macht objektiv keinen Sinn und ist eine kognitive Verzerrung.

Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Der Grossvater aller Verzerrungen. Wir nehmen Informationen auf, verarbeiten sie, interpretieren sie so, dass sie unseren bereits bestehenden Erwartungen entsprechen und blenden gleichzeitig gegenteilige Informationen aus.

Je mehr wir etwas glauben, umso mehr filtern wir und nehmen nur die Informationen auf, die uns bestätigen und gefallen.

Person A glaubt, dass Klimawandel durch unsere Lebensweise beeinflusst ist und liest deshalb nur Artikel über Umweltveränderungen, Klimawandel und erneuerbare Energien. Mit jedem Artikel wird seine Meinung bestätigt.

Person B dagegen glaubt nicht, dass der Klimawandel von uns Menschen ursächlich zu verantworten ist (so denke auch ich) und liest nur Informationen, worin Wissenschaftler erklären, dass der Klimawandel nichts mit dem menschenverursachtem CO2 zu tun hat, sind es doch nur circa 2%, die uns zugeordnet werden können. Die restlichen 98% CO2 entstehen in der Natur.

Der einseitige Informationskonsum ist eine kognitive Verzerrung; kritisches Denken ist im Urlaub.

Übrigens sollte die obige 98% Information doch eigentlich einfach zu googeln sein. Doch die Klimalobby zensiert sogar das Internet, denn Sie werden feststellen, dass Sie diese Statistik nicht einfach finden können.

Verfügbarkeitsheuristik (Availability Bias)

Wir beurteilen Sachverhalte auch dann, wenn kein Zugang zu präzisen und vollständigen Informationen besteht. Wir glauben einfach, was uns zur Verfügung steht und worauf wir spontanen Zugriff haben.

„Entschuldigen Sie die Verspätung – ich hatte unterwegs bei jeder Ampel rot.“

Steven Pinker von Harvard hat untersucht und nachgewiesen, dass wir in der gewaltfreisten Zeit leben seit Menschengedenken. Die Raten von Morden, Vergewaltigungen, sexuellen Übergriffen und Kindesmisshandlungen fallen.

Sind Sie geschockt? Die Wahrheit ist, wir leben tatsächlich in der friedlichsten Zeit der Menschheit, selbst alle aktuellen Kriege und bewaffnete Konflikte miteinberechnet.

Das ist so schwer für uns zu glauben, weil wir permanent mit Negativ-Informationen überschüttet werden; mehr denn je zuvor. Mit zwei Klicks im Internet finden wir über jeden Terroranschlag unserer Wahl mehr Information als in jeder Bibliothek. Diese einseitige Beeinflussung ohne sich deren bewusst zu sein, lässt uns vieles glauben. Das ist kognitive Verzerrung.

Ankerheuristik (Anchoring)

Verankerung von Information und Priming gehen Hand in Hand. In den meisten Wurst- und Fleischabteilungen der Migros befinden sich rötliche Beleuchtungskörper über dem Fleisch, damit das Fleisch und die Wurst „frischer“ aussehen und uns zum Einkaufen verleiten. Sind wir uns dessen bewusst?

Wenn bei Sonderangeboten „maximal sechs Stück pro Kunde“ auf dem Verkaufsschild steht, wird mehr Ware gekauft als wenn kein Einkaufslimit vorhanden ist.

In einem Experiment wurden die Teilnehmer gefragt, wie hoch der Prozentsatz der afrikanischen Staaten ist, die in der UN Mitglied sind. Bevor sie ihre Antwort abgeben durften, mussten sie ein Glücksrad drehen, welches entweder auf der Zahl 10 oder auf der Zahl 65 stehen blieb.

Die Teilnehmer die 65 erhielten, schätzten im Durchschnitt, dass 45% aller afrikanischen Länder  Mitglied bei der UNO seien, während jene, die mit der der Zahl 10 geprimed wurden, glaubten, dass nur 25% der afrikanischen Staaten Mitglied bei der UNO seien.

Weitere Studien ergaben dasselbe Ergebnis. Wir lassen uns von grossen oder kleinen Anker-Zahlen beeinflussen.

Übrigens, es gibt in Afrika 54 Länder und sie sind alle Mitglieder der UN.

Mitläufereffekt (Bandwagon Effect)

Wir haben das Bedürfnis, konformistisch zu sein und schliessen uns darum Gruppen und Ideologien an, welche sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen.

Abends unterwegs, wollen wir in einem Restaurant speisen. Wir finden zwei Restaurants, mit beinahe denselben  Menus und ähnlichen Preisen.

Das eine Restaurant ist fast voll, das andere ist fast leer. Wir bevorzugen intuitiv das volle Restaurant.

Das heisst, wir lassen uns beeinflussen von der Meinung anderer Menschen und unterliegen damit einer kognitiven Verzerrung.

 

Können wir kognitive Verzerrungen abschalten?

Nein, aber wir können versuchen sie zu vermeiden.

Wir können uns beobachten und damit unsere Anfälligkeit für verzerrtes Denken reduzieren. Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, haben Sie schon einen ersten Schritt in diese Richtung gemacht:

Denn wenn wir uns bewusst sind, dass wir verzerrt denken, werden wir unserem eigenem Denken gegenüber skeptisch. Diese Einsicht ist essenziell. Die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass wir uns getäuscht haben könnten, ist die Grundlage kritischen Denkens und damit die Grundlage zu einem bewussten Dasein.

 

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