Und immer wieder die Zeit

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“

Lucius Annaeus Seneca († 65 n. Chr.)

Frühjahr 1905: Der junge Albert Einstein sitzt erschöpft an seinem Schreibtisch im Berner Patentamt. In den Händen hält er zwanzig Seiten mit seiner neuen Theorie der Zeit, der Relativitätstheorie. Immer wieder fallen ihm die Augen zu, der Kopf sinkt auf die Tischplatte – und er beginnt zu träumen: von Welten, in denen die Zeit stillsteht, langsamer fließt, springt oder rückwärts läuft…

schreibt Alan Lightman in Einstein’s Dreams. Mehr Philosophie als Physik, ist das Buch eine lesenswerte Sammlung von Gedanken-Spielen über das Konzept von Zeit. Jede der hypothetischen Welten wird über ein paar Seiten erörtert und regt zum Denken an. Was wäre, wenn wir wüssten, wann unsere Zeit endet? Was, wenn es keine Vergangenheit gäbe? Keine Zukunft? Und wenn wir die Zeit in einem Moment anhalten könnten, welchen würden wir wählen?

In einem der Träume leben die Menschen für immer. Die Bevölkerung unterteilt sich in dieser Welt in die „Jetzt-Menschen“ (JM) und die „Später-Menschen“ (SM):

„Die „SM“ denken und argumentieren, es gibt keine Eile das Universitätsstudium zu beginnen, die zweite Sprache zu lernen, Voltaire oder Newton zu lesen, im Beruf weiter zu kommen, sich zu verlieben oder eine Familie zu gründen… All dies hat Zeit, wenn unendliche Zeit besteht, dann kann alles irgendwann gemacht werden. In der Tat, jegliche Hektik könnte zu falschen Entscheidungen führen. Wer kann gegen diese Logik argumentieren? Die „SM“ sitzen im Kaffee, trinken Ihren Cappuccino und diskutieren das Leben.

Die „JM“ denken und argumentieren, bei ewigem Leben können sie alles tun, was sie sich vorstellen… Jeder kann Anwalt werden, Maurer, Autor, Treuhänder, Maler, Arzt oder Bauer. Die „JM“ lesen andauernd Bücher, studieren Neues, lernen Sprachen. Um das ewige Leben zu geniessen, beginnen sie früh und lassen im Tempo nie nach. Wer kann gegen diese Logik argumentieren? Sie sind die Besitzer der Kaffees, die Universitätsprofessoren, die Ärzte und Krankenschwestern, die Politiker und jene, die immer in Bewegung sind.“

Zu beschäftigt, um zu leben

Mir scheint, die Menschen in Einstein’s Traumwelt leben ziemlich genauso wie wir, weil auch wir unser Leben so leben, als ob wir unsterblich seien. Wir übertünchen unsere Sterblichkeit mit Aktivität oder überzeugen uns, dass es eine Zeit (in der Zukunft) geben wird, respektive, dass wir unser Leben, so wie wir es leben wollen, später leben können. Neu ist das nicht, hat doch circa vor 2000 Jahren Seneca schon geschrieben:

„Darin täuschen wir uns, dass wir den Tod immer nur vor uns sehen;
ein großer Teil von ihm liegt schon hinter uns;
die ganze Zeit, die wir bisher durchlebten, hat der Tod schon.“

Die „JM“, die andauernd Beschäftigten, die keine Zeit Habenden, finden sich in mehreren von Einstein’s Träumen. In einer seiner Welten ist Zeit eine sichtbare Dimension, auf der man reisen kann.

„Eine junge Frau liegt auf ihrem Bett und schaut auf eine Fotographie auf dem Nachttisch. Es zeigt sie als Kind zusammen mit ihren Eltern am Strand. Am Fusse des Bettes befindet sich ein offener Koffer, halbgefüllt mit Klamotten. Sie trifft eine Entscheidung und ohne fertig zu packen hetzt sie aus dem Haus, dem jetzigen Zeitpunkt in ihrem Leben, ab in die Zukunft. Sie eilt an Jahr eins, dann fünf, dann zehn und zwanzig vorbei, und kann nicht bremsen, bis sie 50 Jahre alt ist. Ihr Leben rauschte an ihr vorbei. Der glatzköpfige Anwalt, der sie schwängerte und dann verliess. Die Besuche der Eltern wie im grauen Nebel. Das kleine Apartment in Freiburg. Das Krankenzimmer, in dem die Mutter starb. Der Brief ihrer Tochter, die irgendwo in England lebt. Sie ist 50 Jahre alt und versucht, sich an ihr Leben zu erinnern. Sie liegt auf ihrem Bett und schaut auf eine Fotographie, wie sie als Kind mit ihren Eltern am Strand war.“

In einer anderen Welt vergeht die Zeit für Menschen, die in Bewegung sind, langsamer und je schneller sie sich bewegen, umso unglücklicher sind sie.

„Wenn sich zwei Personen auf der Strasse begegnen, dann sehen sie die Bewegung des anderen, genauso wie beim Zugfahren, wenn man die Bäume sieht, die am Fenster vorbei fliegen. Deshalb (Anmerkung: dieser Gedanke bedingt Reflektion!), wenn zwei Personen aneinander vorbei laufen, sieht jeder die Zeit des anderen als langsamer an, als seine eigene. Jeder denkt, der andere gewinnt Zeit. Das ist der Wahnsinn: denn je schneller man am Nachbarn vorbei rauscht, umso schneller scheint er sich zu bewegen.

Das könnte der Ton unserer Zeit sein. In der heutigen hektischen Welt, immer erreichbar, immer verbunden, eilen wir von einem Kommittent zum nächsten, benutzen die elektronischen Gadgets, während wir was immer auch sonst noch tun, um angeblich unsere Produktivität zu erhöhen. Erneut, Seneca in „Von der Kürze des Lebens“ verurteilte schon in 46 A.D. das Multitasking:

„…man ist endlich darüber eins, dass ein Mann, der von etwas zum Voraus in Anspruch genommen ist, nichts mit Glück betreiben könne, nicht Beredsamkeit, nicht freie Wissenschaften, dieweil der zerstreute Geist nichts tief in sich aufnimmt, sondern alles wie eingestopft, wieder auswirft. Nichts kann ein von etwas ganz in Anspruch genommener Mensch weniger als leben und es gibt keine schwerere Kunst als diese.“

Es könnte sein, das wir (ab und zu natürlich nur) verlernt haben, uns die Zeit zum Denken zu nehmen. Eile mit Weile heisst ein deutsches Sprichwort. Wir sind häufig extrem fokussiert auf das, was als nächstes ansteht, dass wir uns kaum genügend Zeit nehmen, uns einfach zu fragen, ob wir denn das Leben leben, das wir leben möchten.

Auf’s Leben warten

Nicht jeder in Lightman’s Geschichten rast durchs Leben. In einem der Träume beschreibt er eine Welt, in der die Menschen in der Zeit stecken bleiben.

„In einem Haus sitzt ein Mann allein an einem Tisch, aufgedeckt für zwei. Vor zehn Jahren sass er hier seinem Vater gegenüber und war unfähig, seine Liebe zu artikulieren.“

„Die Tragödie in dieser Welt ist, niemand ist glücklich, ob in der Zeit steckengeblieben oder nicht. Die Tragödie in dieser Welt ist, dass jeder alleine ist (Anm. nicht zu verwechseln mit Einsamkeit). Die Vergangenheit kann nicht mit der Gegenwart. Wer stehen bleibt und gefangen ist, ist dies alleine.“

In einem anderen Traum Einstein’s, mag vielleicht für manche schmerzhaft bekannt sein, sitzt ein Paar und isst zu Abend. Die Unterhaltung ist oberflächlich und banal.

„In dieser Welt geht die Zeit vorbei, aber wenig passiert. Wie kaum etwas passiert von Jahr zu Jahr, wenig passiert von Monat zu Monat und von Tag zu Tag. Wenn Zeit und Aktivität das Gleiche sich wiederholend sind, dann bewegt sich die Zeit fast gar nicht… Wenn ein Mensch keine Ambitionen in dieser Welt hat, dann leidet er ohne es zu wissen. Wenn ein Mensch Ambitionen hat, dann leidet er bewusst, aber ziemlich langsam.“

Wir können in der Vergangenheit leben, unfähig sein zu vergeben oder in einer Routine stecken und diese geniessen, weil wir verunsichert über die Zukunft sind. Zu verunsichert, um Risiken einzugehen und finden uns in dem Dilemma, dass wir warten, dass das Leben geschieht, vergnügen uns mit Banalitäten und sagen zu uns selbst: wenn die Hypothek bezahlt ist, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn ich pensioniert bin, dann…

Nach Einstein (Lightman) und Seneca:

Für mich gilt, und das habe ich gelernt, auch wenn es trivial klingt, Zeit ist das höchste Gut, das wir haben. Wir erleben Zeit sehr individuell. Während z.B. einige Menschen es als Zeitverschwendung oder sogar als Qual betrachten, stundenlang in der Hitze am Strand herumzusitzen (da ist mir die Hafenkneipe lieber), bringt es anderen Erholung und Wohlbefinden und ist damit für sie keine verschwendete Zeit. Zeit schleicht, tickt, läuft, rennt, oder fliegt, so scheint es.

Tatsächlich ist sie jedoch eine konstante Grösse, mal die 29ten Februare und die Schaltsekunde, die in der Nacht auf den 1. Juli 2015 eingefügt wurden, ausser Acht gelassen, nämlich 1.440 Minuten jeden Tag. Was ich in jeder dieser Minuten mache, ist entweder eine Aktivität oder eine Aktion. Nachdem ich gelernt hatte, dass ich manche Minuten zum Nachdenken über mich nutzen kann (hat ewig gedauert – so um die 30+ Jahre), hat sich meine Lebensqualität und meine Achtsamkeit erhöht. Mein Lieblingsmotto jeden Morgen ist (und manchmal mache ich auch etwas draus):

„Und was kreiere ich heute?“

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